Neue Füh­rung

Jas­min Stai­b­lin tritt En­de 2018 als Che­fin von Al­piq ab – nach sechs Jah­ren an der Spit­ze des Ener­gie­kon­zerns.

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Zürich - ABB-Chef Ul­rich Spiess­ho­fer. Jas­min Stai­b­lin. Pe­ter Burk­hardt

Seit Wo­chen hal­ten sich hart­nä­ckig die Ge­rüch­te, Ul­rich Spiess­ho­fer wer­de als Chef des Elek­tro­tech­nik­kon­zerns ABB bald ab­ge­setzt. Seit ges­tern Abend gibt es ei­ne mög­li­che Nach­fol­ge­rin. Der Schwei­zer Strom­kon­zern Al­piq teil­te mit, sei­ne Che­fin Jas­min Stai­b­lin ha­be sich ent­schie­den, das Un­ter­neh­men En­de Jahr zu ver­las­sen.

Ein na­her Be­kann­ter von Stai­b­lin sagt: «Ich weiss aus sehr gu­ter Qu­el­le, dass sie von meh­re­ren gros­sen in­ter­na­tio­na­len Un­ter­neh­men An­ge­bo­te er­hal­ten hat. Un­ter an­de­rem wur­de ABB bei ihr vor­stel­lig, und zwar nicht für ei­ne Po­si­ti­on an der Spit­ze ei­ner Di­vi­si­on, son­dern ganz oben.» Al­so dort, wo bis­her Ul­rich Spiess­ho­fer sitzt.

Ak­tio­nä­re ver­lie­ren Geld

Der 54-jäh­ri­ge schwei­ze­risch­deut­sche Dop­pel­bür­ger ist seit 15. Sep­tem­ber 2013 Kon­zern­chef von ABB. Er hat zwar beim 34Mil­li­ar­den-Dol­lar-Ko­loss mit ei­nem mar­kan­ten Kos­ten­ab­bau, dem Ver­kauf schlecht lau­fen­der und dem Zu­kauf lu­kra­ti­ver Ge­schäf­te die Pro­fi­ta­bi­li­tät ver­bes­sert. Aber er hat es nicht ge­schafft, die seit Jah­ren ver­spro­che­ne Wachs­tums­be­schleu­ni­gung zu lie­fern. Und kaum hat­te er die ma­ro­de Strom­netz­spar­te sa­niert, ge­riet die Ro­bo­tik­spar­te ins Tau­meln. Selbst im lau­fen­den Jahr, das von ho­hem Wirt- schafts­wachs­tum in den meis­ten Welt­re­gio­nen ge­prägt war, ge­lan­gen ABB nur be­schei­de­ne Re­sul­ta­te.

Ent­spre­chend düm­pelt die Ak­tie vor sich hin. In die­sem Jahr brach ihr Wert um 28 Pro­zent ein, wäh­rend der Schwei­zer Ak­ti­en­in­dex SPI nur um 6 Pro­zent nach­gab. Auch aus lang­fris­ti­ger Sicht schuf Spit­zen­ver­die­ner Spiess­ho­fer (9,3 Mil­lio­nen Fran­ken Lohn im ver­gan­ge­nen Jahr) kei­nen Ak­tio­närs­wert: Seit sei­nem Amts­an­tritt gab die ABB-Ak­tie um 12 Pro­zent nach, wäh­rend der SPI um 33 Pro­zent zu­leg­te. Von ih­rem Höchst­stand von 34 Fran­ken vor elf Jah­ren wie auch von Spiess­ho­fers Kurs­ziel zwi­schen 30 und 35 Fran­ken ist die Ak­tie weit ent­fernt. Nun könn­te ihn al- so Jas­min Stai­b­lin be­er­ben. Und je­nen Schritt durch­zie­hen, ge­gen den sich Spiess­ho­fer wäh­rend Jah­ren en­er­gisch ge­wehrt hat: den vom schwe­di­schen Gross­ak­tio­när Ce­vi­an Ca­pi­tal ge­for­der­ten Ver­kauf der Spar­te Strom­net­ze. Die­se lie­fert seit län­ge­rem mit ei­nem Ab­stand von meh­re­ren Pro­zent­punk­ten die tiefs­te Mar­ge, ver­gli­chen mit den an­de­ren drei Spar­ten von ABB. Im ver­gan­ge­nen Jahr sank die Mar­ge der Strom­net­ze deut­lich un­ter 10 Pro­zent, wäh­rend die Mar­gen der an­de­ren Spar­ten nä­her bei 15 Pro­zent la­gen.

Beim Strom­kon­zern Al­piq, der seit Jah­ren ums Über­le­ben kämpft, stemm­te Jas­min Stai­b­lin in die­ser Zeit die Sa­nie­rung. Bei ih­rem Amts­an­tritt An­fang 2013 ächz­te Al­piq un­ter ei­ner Schul­den­last von 4 Mil­li­ar­den Fran­ken. Stai­b­lin schrumpf­te das Un­ter­neh­men ge­sund, so­dass es in­zwi­schen schul­den­frei da­steht.

Al­ler­dings war der Weg da­zu ver­schlun­gen: Zu­nächst woll­te Stai­b­lin vor drei Jah­ren ei­nen An­teil von 49 Pro­zent an den Schwei­zer Was­ser­kraft­wer­ken verkaufen. Doch dies ge­lang nicht, und in die­sem Jahr voll­zog die Kon­zern­che­fin ei­ne ab­rup­te Kehrt­wen­de. Sie ver­kauf­te statt­des­sen das Ge­schäft in der In­stal­la­ti­ons- und Ge­bäu­de­tech­nik an den fran­zö­si­schen Bau­kon­zern Bouy­gues. Aus Al­piq wur­de prak­tisch ein rei­ner Strom­kon­zern. Von den rund 8500 Mit­ar­bei­tern blei­ben ge­ra­de noch rund 1600 beim Un­ter­neh­men.

Kein Wun­der, dass Stai­b­lin nun ei­ne neue Her­aus­for­de­rung bei ei­nem deut­lich grös­se­ren Un­ter­neh­men sucht. «Es war völ­lig ab­seh­bar, dass Jas­min Stai­b­lin nach dem ge­lun­ge­nen Tur­naround ge­hen wür­de», sagt der Al­piq-Spre­cher. Er be­teu­ert, Stai­b­lins Rück­tritt sei aus frei­en Stü­cken er­folgt. «Es gab kei­ner­lei Kon­flik­te.» Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent Jens Al­der lob­te Stai­b­lin ges­tern in über­schwäng­li­chen Wor­ten, die in ei­nem Ar­beits­zeug­nis der Best­no­te ent­spre­chen wür­den. Er sel­ber wird Al­piq als Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent und Kon­zern­chef im Dop­pel­man­dat füh­ren. «Jens Al­der ist kein In­te­rimschef », sagt Spre­cher Ro­gers. «Er wird sein Dop­pel­man­dat über län­ge­re Zeit aus­üben.»

Sie kennt ABB be­reits

Für Stai­b­lin als neue ABB-Che­fin spricht, dass sie das Un­ter­neh­men sehr gut kennt. Die 48-jäh­ri­ge deut­sche Elek­tro­tech­ni­ke­rin und Phy­si­ke­rin ar­bei­te­te zwi­schen 1997 und 2012 für den In­dus­trie­gi­gan­ten, un­ter an­de­rem in der Lei­tung der Spar­te Elek­tro­tech­nik und als Lan­des­che­fin von ABB Schweiz. Sie ist in­ner­halb von ABB bes­tens ver­netzt und soll ei­nen gu­ten Draht zu Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent Pe­ter Vo­ser ha­ben. Eben­falls nicht scha­den kön­nen ihr die Ver­wal­tungs­rats­man­da­te beim Trieb­werk­her­stel­ler Rolls-Roy­ce und bei Ge­org Fi­scher.

Ge­gen Stai­b­lin spricht, dass sie noch nie ein welt­weit tä­ti­ges Un­ter­neh­men ge­lei­tet hat. Und auch kei­ne welt­wei­te Spar­te von ABB oder ei­nes an­de­ren In­dus­trie­kon­zerns. Die Er­nen­nung zur Kon­zern­che­fin wä­re al­so ein rie­si­ger Schritt für sie. Und für ABB.

Stai­b­lin schrumpf­te Al­piq ge­sund, so­dass das Un­ter­neh­men in­zwi­schen schul­den­frei da­steht.

Fo­to: Wal­ter Bieri

Könn­te ab­ge­setzt wer­den:

Fo­to: Urs Flüe­ler

Lei­te­te einst ABB Schweiz:

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