Neue Re­geln

Frau­en sind we­gen der jah­re­lan­gen Ein­kind­po­li­tik in Chi­na rares Gut. Nun gibt es ers­te Vor­schrif­ten über die Hö­he der Braut­prei­se.

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Zürich - Jas­min Sie­bert, Peking

Was pas­siert, wenn in ei­nem gan­zen Land El­tern lie­ber Söh­ne be­kom­men und mil­lio­nen­fach weib­li­che Fö­ten ab­trei­ben? Es gibt we­ni­ger Frau­en, und wo­von es ei­nen Man­gel gibt, des­sen Wert steigt.

Das klingt un­an­ge­mes­sen nüch­tern, fast so, als ge­he es hier nicht um Men­schen, son­dern um Wa­ren. Aber so ist das in Chi­na, wo es nach 35 Jah­ren Ein-Kin­dPo­li­tik min­des­tens 30 Mil­lio­nen mehr Män­ner als Frau­en gibt. Um ihr Le­ben nicht al­lein in ei­nem Jung­ge­sel­len­dorf fris­ten zu müs­sen, sind die Män­ner be­reit, ho­he Mit­gif­ten zu zah­len – längst wer­den Sum­men er­reicht, die das Jah­res­ein­kom­men der Bräu­ti­gams­fa­mi­li­en um ein Viel­fa­ches über­stei­gen.

Nicht nur Gold­schmuck, son­dern auch mal ein Haus, ein Au­to und 150 000 Yuan (rund 21 600 Fran­ken) sind in­zwi­schen Stan­dard­for­de­run­gen der Braut­fa­mi­li­en. Das trifft vor al­lem Män­ner in länd­li­chen Ge­bie­ten, denn vie­le Frau­en zieht es in die Städ­te, und das ver­schärft die An­ge­botund-Nach­fra­ge-Pro­ble­ma­tik ge­wis­ser­mas­sen zu­sätz­lich. Um sich das leis­ten zu kön­nen, ver­schul­den sich die Fa­mi­li­en oft le­bens­lang.

In der Pro­vinz Shan­dong soll es Dör­fer ge­ben, in de­nen das Braut­geld im wört­li­chen Sin­ne ab­ge­wo­gen wird: 100 000 Yuan in 100 Schei­nen wie­gen un­ge­fähr 3,3 Ki­lo­gramm. Auch gibt es dort den Brauch, «al­les in Rot und Grün» zu zah­len, al­so mit klei­nen 5-Yuan-Schei­nen und mit 100-YuanSchei­nen.

Das Pro­blem ist, wie im­mer, wenn die Nach­fra­ge das An­ge­bot bei wei­tem über­steigt: Ob­wohl vie­le Chi­ne­sen die­se Ent­wick­lun­gen selbst auch nicht gut­heis­sen, sind sie macht­los da­ge­gen. Denn es gibt ja im­mer je­mand an­de­ren, der be­reit ist, für das Ehe­glück noch mehr zu zah­len.

Um die aus­ufern­den Mit­gif­ten ein­zu­däm­men und die «vul­gä­re Pra­xis» zu be­en­den, for­dert das Mi­nis­te­ri­um für zi­vi­le An­ge­le­gen­hei­ten ei­ne Trend­wen­de. Na­tür­lich auf chi­ne­si­sche Wei­se: Die Men­schen soll­ten lie­ber «Xi Jin­pings Ge­dan­ken­gut» fol­gen, Hoch­zeits­fei­ern soll­ten so­zia­lis­ti­sche und tra­di­tio­nel­le chi­ne­si­sche Wer­te wie Fleiss und Spar­sam­keit wi­der­spie­geln. Schluss al­so mit Ex­tra­va­ganz und Ver­schwen­dung.

Da Ver­nunf­tap­pel­le aber sel­ten aus­rei­chen, wur­den man­cher­orts be­reits Re­geln be­schlos­sen, um Braut­prei­se zu de­ckeln. Im Kreis Tai­qi­an in der Pro­vinz Hen­an ist nicht nur der Wert der Hoch­zeits­ge­schen­ke auf 60 000 Yuan (8500 Fran­ken) li­mi­tiert. Be­schränkt ist auch die Zahl der Gäs­te: auf ma­xi­mal zehn Ti­sche oder 200 Leu­te. Die Braut­fa­mi- li­en dür­fen kei­ne Häu­ser und Au­tos mehr for­dern, und die Fa­mi­li­en der Bräu­ti­ga­me dür­fen kei­ne Schul­den auf­neh­men, um die Hoch­zeit zu be­zah­len.

Doch so­lan­ge die Angst der chi­ne­si­schen Män­ner vor dem Al­lein­sein so gross ist, dürf­te es schwie­rig wer­den, die Hoch­zeits­bräu­che zu än­dern. Funk­tio­nä­re for­dern da­her, dass lo­ka­le Be­hör­den für al­ter­na­ti­ve Ver­an­stal­tun­gen wie Mas­sen­hoch­zei­ten wer­ben soll­ten.

Seit 2016 gibt es die Ein-Kin­dPo­li­tik nicht mehr, jetzt dür­fen al­le Chi­ne­sen zwei Kin­der ha­ben. Die neue Mus­ter­fa­mi­lie hat ei­ne Toch­ter und ei­nen Sohn. Bis die­se im hei­rats­fä­hi­gen Al­ter sind, dau­ert es al­ler­dings noch.

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