«Das ist kon­ster­nie­rend»

Der Te­nor der Par­la­men­ta­ri­er zum Vor­ge­hen des Bun­des­ra­tes: Die Mei­nun­gen sind doch längst ge­macht, was will man noch dis­ku­tie­ren?

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Schweiz - Clau­dia Blu­mer Be­ne­dikt Würth: Der St. Gal­ler Re­gie­rungs­rat (CVP) prä­si­diert die Kon­fe­renz der Kan­tons­re­gie­run­gen. Mar­kus Häf­li­ger In­ter­view: Ste­fan Hä­ne

So klingt Di­plo­ma­tie. Als der Bun­des­rat ges­tern vor die Me­di­en trat, um sein wei­te­res Vor­ge­hen beim Rah­men­ab­kom­men zu er­klä­ren, wur­de er von ei­ner Jour­na­lis­tin ge­fragt: «Hat der Bun­des­rat auch ei­ne Mei­nung da­zu, ob man mit den Dif­fe­ren­zen in die­sem Ab­kom­men le­ben kann?» Aus­sen­mi­nis­ter Igna­zio Cas­sis (FDP) ant­wor­te­te: «Die­se Dis­kus­si­on muss jetzt statt­fin­den ...» Dar­auf die Jour­na­lis­tin: «Der Bun­des­rat hat doch das Ab­kom­men ge­le­sen, die Fra­ge war, ob er sel­ber auch ei­ne Hal­tung hat.»

Ob er ei­ne hat oder nicht – das blieb Ge­gen­stand von Mut­mas­sun­gen. Si­cher ist: Zum Ablauf des Ul­ti­ma­tums, das die EU der Schweiz ge­stellt hat­te, teil­te der Bun­des­rat der EU-Kom­mis­si­on ges­tern mit, dass er die in­nen­po­li­ti­sche Ak­zep­tanz für das Rah­men­ab­kom­men noch­mals eva­lu­ie­ren wer­de. Das sei «kon­ster­nie­rend», sagt Tia­na Mo­ser, Na­tio­nal­rä­tin und Frak­ti­ons­che­fin der Grün­li­be­ra­len. Dass der Bun­des­rat kei­ne Hal­tung ein­neh­me zum Ver­hand­lungs­er­geb­nis, be­zeich­net sie als «to­tal mut­los». Die Re­gie­rung müss­te sich mit al­ler Kraft für das Ab­kom­men ein­set­zen, die­ses sei näm­lich gut. Auch CVP-Prä­si­dent Ger­hard Pfis­ter kri­ti­siert, dass der Bun­des­rat ei­ne Stel­lung­nah­me ver­wei­ge­re. So ma­che sich die Lan­des­re­gie­rung er­press­bar, «ab­hän­gig von den Ge­werk­schaf­ten». Die­se be­kämp­fen das Ab­kom­men we­gen be­fürch­te­ter Schwä­chung des Lohn­schut­zes. Sie ha­ben ges­tern mit­ge­teilt, dass sie kei­nen Mil­li­me­ter von ih­rer Po­si­ti­on ab­rü­cken. SP-Na­tio­nal­rat Eric Nuss­bau­mer, auch er Mit­glied der Aus­sen­po­li­ti­schen Kom­mis- si­on, sagt, der Bun­des­rat zei­ge «ei­ne ge­wis­se Füh­rungs­schwä­che». Der Vor­schlag, der auf dem Tisch liegt, stam­me von der EU, ei­nen Schwei­zer Vor­schlag ge­be es nicht, sagt der Ba­sel­bie­ter. «Der Bun­des­rat hofft nun, dass die kon­sul­tier­ten Par­tei­en die­sen Vor­schlag er­ar­bei­ten.» Nuss­bau­mer ist der An­sicht, dass die Schweiz auf die Un­ter­zeich­nung des Ab­kom­mens hin­ar­bei­ten soll­te. An­ders als sei­ne Par­tei, die SP. Sie lehnt den Ent­wurf ab.

«Schei­tern nicht aus­zu­schlies­sen»

Der Te­nor war ges­tern: Die Mei­nun­gen zum Rah­men­ab­kom­men sind doch längst ge­macht – was will der Bun­des­rat denn noch? «Viel­leicht auf Zeit spie­len», sagt SVP-Prä­si­dent Al­bert Rös­ti. An­ders kön­ne er sich das zö­ger­li­che Vor­ge­hen nicht er­klä­ren. Die SVP lehnt ein Rah­men­ab­kom­men prin­zi­pi­ell ab. Da­ni­el Lam­part, Chef­öko­nom des Ge­werk­schafts­bunds, sagt: «Wir wa­ren erst vor drei Wo­chen beim Bun­des­rat in der Kon­sul­ta­ti­on. Nun wer­den wir ihm eben noch­mals das­sel­be sa­gen.»

Lob er­hält die Re­gie­rung von der FDP, de­ren Com­mu­ni­qué wie ei­ne Ver­tei­di­gungs­re­de für Bun­des­rat Cas­sis klingt, der an der Me­di­en­kon­fe­renz so rat­los wirk­te. Ei­ne Prü­fung des Ab­kom­mens be­nö­ti­ge Zeit, «al­les an­de­re wä­re un­se­ri­ös!», ap­pel­liert die Par­tei. Auch Eco­no­mie­su­is­se, Ge­wer­be­ver­band und Ar­beit­ge­ber­ver­band be­grüs­sen die Ge­le­gen­heit zur ver­tief­ten Ana­ly­se. Im Som­mer hät­ten sich die Ge­werk­schaf­ten der Dis­kus­si­on ent­zo­gen, sagt Ro­land Müller, Di­rek­tor des Ar­beit­ge­ber­ver­bands. Nun hof­fe er, dass man mit al­len So­zi­al­part­nern die Streit­punk­te aus­räu­men kön­ne – «selbst wenn ein Schei­tern der Ver­hand­lun­gen nicht aus­zu­schlies­sen ist».

Neu­es EU-Recht soll neu «mög­lichst rasch» in die bi­la­te­ra­len Ab­kom­men über­führt und da­mit für die Schweiz ver­bind­lich wer­den – spä­tes­tens in­nert drei­er Jah­re. Die­se Rechts­über­nah­me ge­schieht nicht au­to­ma­tisch, auch das Re­fe­ren­dums­recht bleibt ge­währ­leis­tet. Das Par­la­ment oder das Volk kön­nen al­so Nein sa­gen. Dann kann die EU das Streit­bei­le­gungs­ver­fah­ren ein­lei­ten.

Auch bei Aus­le­gungs­strei­tig­kei­ten über die bi­la­te­ra­len Ver­trä­ge kön­nen die Schweiz oder die EU das Streit­bei­le­gungs­ver­fah­ren ein­lei­ten.

Zu­erst kön­nen die EU oder die Schweiz wie be­reits heu­te den Ge­misch­ten Aus­schuss an­ru­fen. Wenn es dort kei­ne Ei­ni­gung gibt, kön­nen bei­de Sei­ten ein Schieds­ge­richt an­ru­fen. Die Schweiz und die EU de­le­gie­ren dar­in je ei­nen be­zie­hungs­wei­se zwei Schieds­rich­ter, wel­che ei­nen neu­tra­len Prä­si­den­ten wäh­len.

Dy­na­mi­sche Rechts­über­nah­me. Kon­flik­te. Streit­bei­le­gung. Der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH).

Das Schieds­ge­richt muss das mass­geb­li­che EU-Recht kon­form mit der Rechts­spre­chung des EuGH aus­le­gen. Wenn nö­tig, for­dert das Schieds­ge­richt beim EuGH ei­ne spe­zi­fi­sche Rechts­aus­le­gung an. Die­se ist ver­bind­lich, es ist aber das Schieds­ge­richt, wel­ches sie auf den kon­kre­ten Streit­fall an­wen­det.

Be­ne­dikt Würth, der Bun­des­rat scheut sich vor dem Ent­scheid, den Ent­wurf zum Rah­men­ver­trag ab­zu­leh­nen oder zu bil­li­gen.

In der ge­gen­wär­ti­gen in­nen­po­li­ti­schen Kon­stel­la­ti­on kann ich die­se Zu­rück­hal­tung ver­ste­hen. Für ei­nen Ab­schluss des Ver­trags braucht es die Ab­stüt­zung im Par­la­ment, bei den Kan­to­nen, die Un­ter­stüt­zung von So­zi­al­part­nern und mass­ge­ben­den Ver­bän­den so­wie die Zu­stim­mung der Be­völ­ke­rung. Des­halb be­grüs­se ich das Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren, das der Bun­des­rat nun in Gang setzt.

Die EU möch­te nicht wei­ter zu­war­ten. Nebst der Bör­sen­äqui­va­lenz könn­te sie wei­te­re Na­del­sti­che set­zen.

Der Bun­des­rat hat be­reits ei­ne Ver­ord­nung in Kraft ge­setzt, mit der die Schwei­zer Bör­se ge­schützt wer­den soll für den

Wenn die Schweiz das Ge­richts­ur­teil nicht um­setzt, kann die EU so­ge­nann­te Aus­gleichs­mass­nah­men er­grei­fen. Die­se kön­nen bis zur Su­s­pen­die­rung des be­trof­fe­nen Ab­kom­mens ge­hen. Wenn die Schweiz die Straf­mass­nah­men für un­ver­hält­nis­mäs­sig hält, kann sie er­neut das Schieds­ge­richt an­ru­fen.

Straf­mass­nah­men. Der Lohn­schutz Per­so­nen­frei­zü­gig­keit.

Spä­tes­tens drei Jah­re nach In­kraft­tre­ten des Rah­men­ab­kom­mens muss die Schweiz auch zwei neue EU-Richt­li­ni­en zur Per­so­nen­frei­zü­gig­keit über­neh­men.

Sol­che si­chert die EU der Schweiz bei den flan­kie­ren­den Mass­nah­men (Flam) zum Lohn­schutz zu. Die­se wer­den erst­mals ver­trag­lich ab­ge­si­chert, al­ler­dings in ab­ge­schwäch­ter Form. Neu sol­len sich ent­sand­te EU-Ar­bei­ter nur noch vier Werk­ta­ge im Vor­aus an­mel­den statt acht Ka­len­der­ta­ge wie heu­te. Kau­tio­nen darf die Schweiz nur noch von Fir­men ver­lan­gen, wel­che frü­he­re Bus­sen nicht be­zahlt ha­ben. Zu­dem sol­len die Flam-Kon­trol­len nur noch in be­son­ders ge­fähr­de­ten Bran­chen statt­fin­den.

Die­se be­son­ders um­strit­te­ne EU-Richt­li­nie wür­de für EU-Bür­ger in der Schweiz neue So­zi­al­hil­fe­an­sprü­che be­grün­den, ih­re Aus­schaf­fung er­schwe­ren und ih­nen ra­scher ei­ne Dau­er­auf­ent­halts­be­wil­li­gung ver­schaf­fen. Im InstA wird die Uni­ons­bür­ger­li­che nicht er­wähnt. Das heisst, dass die EU der Schweiz kei­ne ex­pli­zi­te Aus-

Aus­nah­men. Uni­ons­bür­ger­richt­li­nie.

Fall, dass die EU die Bör­sen­äqui­va­lenz nicht ver­län­gert. Zu et­wai­gen Na­del­sti­chen möch­te ich an­mer­ken: Die EU be­steht nicht nur aus der EU-Kom­mis­si­on, son­dern auch aus ih­ren Mit­glieds­staa­ten. Die EU-Kom­mis­si­on muss die Mit­glieds­staa­ten nun auch kon­sul­tie­ren.

Sie be­fürch­ten nicht, dass die EU die Dau­men­schrau­ben an­zie­hen wird?

Es ist nicht aus­zu­schlies­sen, dass die EU wei­te­re Mass­nah­men mit nach­tei­li­gen Aus­wir­kun­gen auf die Schweiz in die We­ge lei­tet. Ich hof­fe aber ins­be­son­de­re auf un­se­re Nach­bar­län­der. Sie ha­ben an sta­bi­len Be­zie­hun­gen mit der Schweiz ein gros­ses In­ter­es­se. nah­me zu­ge­steht. Dar­um könn­te sie ei­nes Ta­ges ver­su­chen, die An­wen­dung der Richt­li­nie über das Schieds­ge­richt zu er­zwin­gen.

Die Kan­to­ne fürch­te­ten, die EU wer­de über das InstA ei­nen He­bel be­kom­men, um ih­re Steu­er­au­to­no­mie oder die Staats­ga­ran­tie für die Kan­to­nal­ban­ken zu at­ta­ckie­ren. Nun ent­hält das Ab­kom­men aber nur all­ge­mei­ne Grund­sät­ze, wel­che laut Bun­des­rat «nicht di­rekt an­wend­bar» sind. Kon­kre­te­re Re­geln ge­gen staat­li­che Wett­be­werbs­ver­zer­run­gen wür­den in künf­ti­gen Markt­zu­gangs­ab­kom­men ver­ein­bart.

Staats­bei­hil­fen.

Die EU-Kom­mis­si­on über­wacht, dass die EU-Staa­ten die Bi­la­te­ra­len Ab­kom­men ein­hal­ten. Die Schweiz muss zu die­sem Zweck ei­ge­ne Über­wa­chungs­be­hör­den mit zum Teil weit­rei­chen­den Kom­pe­ten­zen schaf­fen.

Wenn ei­ne Par­tei das InstA kün­digt, tre­ten die fünf Markt­zu­gangs­ab­kom­men nach spä­tes­tens neun Mo­na­ten eben­falls aus­ser Kraft – aus­ser die bei­den Par­tei­en ei­ni­gen sich auf et­was an­de­res.

Über­wa­chung. Guil­lo­ti­ne­Klau­sel.

In ei­ner Er­klä­rung for­mu­lie­ren die EU und die Schweiz ih­re Ab­sicht, das Frei­han­dels­ab­kom­men aus dem Jah­re 1972 aus­zu­wei­ten, un­ter an­de­rem auf Di­enst­leis­tun­gen und staat­li­che Bei­hil­fen. Falls es zu ei­ner Ei­ni­gung kommt, wird auch das mo­der­ni­sier­te Frei­han­dels­ab­kom­men dem Rah­men­ab­kom­men un­ter­stellt.

Frei­han­dels­ab­kom­men. Müss­te die Schweiz wei­te­re Ge­gen­mass­nah­men er­las­sen – et­wa den Tran­sit­ver­kehr er­schwe­ren?

Ei­ne Es­ka­la­ti­on des Streits wä­re si­cher­lich nicht im In­ter­es­se der Schweiz, da die EU am län­ge­ren He­bel sitzt. Ziel muss es sein, auf ei­ne Ver­stän­di­gung hin­zu­ar­bei­ten. Es ste­hen Wah­len an. 2019 wird das Schwei­zer Par­la­ment neu be­stellt sein, eben­so das EU-Par­la­ment. Die EU-Kom­mis­si­on wird auch neu kon­sti­tu­iert sein. Wir brau­chen ei­nen Mo­dus vi­ven­di für die Über­gangs­pha­se bis 2020.

Die Schweiz soll al­so auf bes­se­re Zei­ten war­ten?

Der Kol­la­te­ral­scha­den ei­ner Nicht­un­ter­zeich­nung des Rah­men­ver­trags muss sich in en­gen Gren­zen hal­ten; dar­auf müs­sen wir nun hin­ar­bei­ten. Ob uns das ge­lin­gen wird, ist selbst­re­dend nicht si­cher. Die EU muss sich aber be­wusst sein: Die Schwei­zer Be­völ­ke­rung wür­de sie bei wei­te­ren Na­del­sti­chen noch kri­ti­scher se­hen, als sie es oh­ne­hin schon tut.

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