«Ich konn­te den Sieg nicht ge­nies­sen»

Als Ju­nio­rin war Jas­mi­ne Flury (25) trai­nings­faul. Im letz­ten Win­ter ging ihr Stern mit dem Su­per-GSieg in St. Mo­ritz auf.

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Sport - Phil­ipp Rind­lis­ba­cher

War Ihr Sieg im Su­per-G von St. Mo­ritz vor ei­nem Jahr mehr Fluch denn Se­gen?

Jas­mi­ne Flury: Es wä­re falsch, von ei­nem Fluch zu spre­chen. In ers­ter Li­nie ging ein Kind­heits­traum in Er­fül­lung, ich emp­fand wahn­sin­nig po­si­ti­ve Emo­tio­nen. Al­ler­dings wur­de ich kom­plett über­rum­pelt, ob­wohl ich solch ein Er­eig­nis vi­sua­li­siert hat­te. Nach dem Ren­nen ist nicht al­les per­fekt ge­lau­fen.

Was wür­den Sie an­ders ma­chen?

Ich konn­te den Sieg nicht ge­nies­sen. Ich hat­te das Ge­fühl, mit bei­den Füs­sen auf dem Bo­den blei­ben und al­les un­ter Kon­trol­le ha­ben zu müs­sen. Es wä­re wohl tat­säch­lich bes­ser ge­we­sen, zu­erst ein­mal so rich­tig mit mei­nen Freun­den und der Fa­mi­lie zu fei­ern – den Ver­ar­bei­tungs­pro­zess hät­te dies be­schleu­nigt, und ich hät­te bes­ser mit den Kon­se­quen­zen des Sie­ges um­ge­hen kön­nen.

Hat Sie der Er­folg be­las­tet?

Es war da­nach längst nicht al­les schlecht: In Bad Klein­kirch­heim wur­de ich Sechs­te, in Are ver­pass­te ich als Fünf­te das Po­dest knapp. In St. Mo­ritz war es mir nicht ge­le­gen ge­kom­men, dass der zwei­te Su­per-G ab­ge­sagt wur­de. Ei­ne Wo­che spä­ter schied ich in Val-d’Isè­re nach gu­ter Zwi­schen­zeit aus, das raub­te mir die Sta­bi­li­tät. Da­nach lief es nicht im Trai­ning, auch ein Ski ging ka­putt. Wenn et­was nicht passt, ten­die­re ich da­zu, un­si­cher zu wer­den. Bin ich nur ein we­nig ver­un­si­chert, fehlt die Lo­cker­heit, dann zieht der Ski nicht – und ich wer­de zum Pas­sa­gier.

In Ka­na­da wirk­ten Sie nach den Rän­gen 20, 20 und 26 ge­knickt.

Ich wuss­te nach den gu­ten Trai­nings im Herbst, was mög­lich sein könn­te. Dem­ent­spre­chend hoch wa­ren mei­ne Er­war­tun­gen – zu hoch. Ich ver­krampf­te mich und ach­te­te nur noch dar­auf, kei­ne Feh­ler zu ma­chen.

Sind hö­he­re Er­war­tun­gen die Fol­ge Ih­res Siegs?

Ja, wo­bei die Ve­rän­de­rung schon 2015 ein­ge­setzt hat­te, als ich we­gen Hüft­pro­ble­men kei­ne Ren­nen fah­ren konn­te. Mir wur­de klar: Ent­we­der ge­be ich das Hin­ter­letz­te für die­sen Sport, oder ich hö­re auf. Ich bau­te mir ei­ne Struk­tur auf, zu der das Ma­te­ri­al ge­hört, die Trai­nings, die Vor­be­rei­tung. Das gibt mir Si­cher­heit. Aber es kann sein, dass ich mich in die­ser Struk­tur ver­fan­ge.

Ihr Si­cher­heits­den­ken steht im Wi­der­spruch zu Ih­rem un­schwei­ze­ri­schen Wer­de­gang: Sie setz­ten al­les auf ei­ne Kar­te, mach­ten kei­ne Aus­bil­dung.

Da war viel Ri­si­ko da­bei. Aber die Leu­te in mei­nem Um­feld ha­ben mir den Rü­cken ge­stärkt und Mut ge­macht. Ich woll­te mir nicht spä­ter vor­wer­fen müs­sen, nicht hun­dert Pro­zent für mei­ne Lei­den­schaft ge­ge­ben zu ha­ben.

Wür­den Sie heu­te noch­mals so ent­schei­den?

Gu­te Fra­ge. (über­legt) Die Per­son, die ich heu­te bin, wür­de wohl an­ders han­deln.

364 Ta­ge nach Ih­rem Pre­mie­ren­sieg fin­det heu­te in St. Mo­ritz ein Su­per-G statt. Mit wel­chem Er­geb­nis wä­ren Sie zu­frie­den?

Ich den­ke nicht an ei­nen be­stimm­ten Rang. Es geht um den Weg, wie ich zu gu­ten Re­sul­ta­ten ge­lan­ge. Ich muss stär­ker im Mo­ment le­ben.

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