Ab­fall­men­ge na­he bei null

Ei­ne Küs­nach­te­rin mach­te ei­nen Selbst­ver­such mit Ze­ro Was­te.

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Vorderseite - Mir­jam Bät­tig-Schnorf

Zum Zvie­ri ei­nen Far­mer-Stän­gel es­sen, ein in Fo­lie ver­schweiss­tes Buch oder ei­ne PET-Fla­sche mit Wasser kau­fen – wäh­rend drei Mo­na­ten wa­ren sol­che Vor­ha­ben für Lisa Bar­mett­ler ta­bu. Denn die ehe­ma­li­ge Gym­na­si­as­tin aus Küs­nacht mach­te für ih­re Ma­tu­ra­ar­beit ei­nen drei­mo­na­ti­gen Selbst­ver­such mit Ze­ro Was­te, ei­nem Le­bens­stil, bei dem kein Ab­fall pro­du­ziert und nichts ver­schwen­det wird (sie­he Kas­ten).

«Ich woll­te ein Pro­jekt um­set­zen, bei dem ich et­was ler­ne», sagt Lisa Bar­mett­ler. Die 20-Jäh­ri­ge sitzt am Kü­chen­tisch in der ge­müt­li­chen Mai­son­net­te­woh­nung in Küs­nacht, in wel­cher sie mit ih­ren El­tern wohnt. Vor sich ein druck­fri­sches Book­let, das den Ti­tel «Ze­ro Was­te in Zü­rich» trägt. Da­rin hat die zier­li­che Frau mit den lan­gen Dre­ad­locks Fak­ten und vor al­lem zahl­rei­che Tipps, Adres­sen, An­lei­tun­gen und Re­zep­te zu­sam­men­ge­stellt, wel­che sie wäh­rend ih­rem Selbst­ver­such er­ar­bei­tet hat.

Feuer und Flam­me

Be­vor sie sich auf ih­re Ma­tu­ra­ar­beit vor­be­rei­tet ha­be, sei ihr die Ze­ro-Was­te-Be­we­gung nicht be­kannt ge­we­sen, er­zählt Lisa Bar­mett­ler. Erst durch die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem The­ma er­fuhr sie, dass Ze­ro Was­te mehr ist als nur das Ver­mei­den von Ab­fall. «Ich wur­de so­fort Feuer und Flam­me da­für und iden­ti­fi­zier­te mich stark mit dem Le­bens­stil.» Plötz­lich fiel ihr auf, wie viel Ab­fall wir nor­ma­ler­wei­se im All­tag pro­du­zie­ren: «Plas­tik­fo­li­en, in wel­che Ge­mü­se und Früch­te ein­ge­schweisst sind, PET-Fla­schen oder Ta­ke-away-Ge­schirr oder Wat­te­pads, mit de­nen wir mor­gens das Ge­sicht rei­ni­gen.»

Die Ab­sol­ven­tin des Liceo Ar­tis­ti­co, ei­nes ita­lie­ni­schen Kunst­gym­na­si­um in Zü­rich, or­ga­ni­sier­te ih­ren All­tag neu: Den Zmit­tag für die Schu­le koch­te sie meist am Vor­abend zu Hau­se und nahm ihn im Tup­per­wareGe­schirr mit. «Ich lern­te, so fei­ne Sa­chen wie Gnoc­chi oder Teig­wa­ren sel­ber zu ma­chen.» Ge­mü­se kauf­te sie mit ih­rer Mut­ter beim Bau­ern, Gr­und­nah­rungs­mit­tel wie Teig­wa­ren oder Reis, aber auch Öle, Ge­schirr­spül­mit­tel und Zahn­pas­ta­tablet­ten be­sorg­te sie in Ze­ro-Was­te-Lä­den in Zü­rich, in wel­chen die Wa­ren un­ver­packt oder im Glas an­ge­bo­ten wer­den. Be­steck, Was­ser­fla­sche so­wie Stoff­beu­tel und Stoff­tü­cher, um un­ter­wegs Brot oder Ge­mü­se zu kau­fen, ge­hör­ten zur stän­di­gen Aus­rüs­tung der Schü­le­rin. Für die fröh­li­che Küs­nach­te­rin kei­ne grosse Sa­che: «Es brauch­te ein­fach et­was mehr Pla­nung und Or­ga­ni­sa­ti­on.»

Oh­ne Röhr­li und Ser­vi­et­te

Be­son­de­ren Spass ent­wi­ckel­te sie an der Her­stel­lung ei­ge­ner Kos­me­tik- und Haus­halt­s­pro­duk­te: «Mit na­tür­li­chen Mit­teln wie Ko­kos­öl, Bie­nen­wachs, Na­tron oder äthe­ri­schen Ölen mach­te ich Ge­sicht­scre­men, Deo, Zahn­pas­ta und Sei­fe.» Auch ei­nen Er­satz für Wat­te­pads und Pa­pier­ta­schen­tü­cher fer­tig­te sie ei­gen­hän­dig – aus al­ten Ba­de­tü­chern und Bett­be­zü­gen. «Ich ha­be fest­ge­stellt, dass es für fast al­les ei­ne ab­fall­lo­se Al­ter­na­ti­ve gibt», sagt Lisa Bar­mett­ler. Und dass man sich gar nicht so ein­schrän­ken müs­se, wie man­che Leu­te den­ken wür­den. «Man lebt ein­fach viel be­wuss­ter.» Oft kön­ne Ab­fall ganz ein­fach ver­mie­den wer­den, in­dem man vor­aus­den­ke: «Im Re­stau­rant et­wa kann man dem Kell­ner sa­gen, dass man kein Röhr­li und kei­ne Pa­pier­ser­vi­et­te wünscht.» Das Tup­per­ware für all­fäl­li­ge Res­ten ha­be man selbst­ver­ständ­lich da­bei.

Kom­pro­mis­se schloss Lisa Bar­mett­ler wäh­rend des Selbst­ver­suchs prak­tisch nie – aus­ser beim Gang auf die Toi­let­te. «Ich dach­te zu­erst, ich kön­ne mir ein­fach mit Wasser be­hel­fen, aber das war mir zu müh­sam.» So griff sie al­so wie­der zum Toi­let­ten­pa­pier. Aus prak­ti­schen Grün­den rech­ne­te sie die­ses nicht zur von ihr pro­du­zier­ten Ab­fall­men­ge. Zu die­ser zähl­te, was sich we­der re­cy­celn noch kom­pos­tie­ren liess. «Am En­de fand al­les Platz in ei­nem lee­ren Kon­fi­tü­renglas», sagt die 20-Jäh­ri­ge stolz. Ge­wicht des In­halts: 80 Gramm. «Dar­un­ter war vor al­lem Ab­fall, den ich nicht hat­te ver­hin­dern kön­nen», sagt Lisa Bar­mett­ler. Ein Par­ty­bän­de­li et­wa, ein Plas­tik­be­cher von ei­nem Fest oder die Ver­pa­ckung ei­nes Ge­schen­kes.

Ab und zu ei­ne Aus­nah­me

In­zwi­schen sam­melt die Küs­nach­te­rin ih­ren Ab­fall nicht mehr in ei­nem Kon­figlas. Aber sie kauft wenn mög­lich im­mer noch un­ver­packt ein, stellt ih­re Kos­me­tik sel­ber her und ver­sucht, Ab­fall wo im­mer es geht zu ver­mei­den. Ab und zu aber packt sie spon­tan der Gluscht. Dann greift sie auch mal be­herzt in die Far­mer-Schach­tel und reisst die Ver­pa­ckung auf. Das Ze­ro­Was­te­Buch von Lisa Bar­mett­ler kos­tet 25 Fran­ken und kann un­ter li­sa­bar­mett­[email protected] be­stellt wer­den.

Fo­to: Sabine Rock

Lisa Bar­mett­ler gibt in ei­ner Bro­schü­re Tipps wei­ter, wie man die Ab­fall­men­ge ver­rin­gern kann.

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