Nach­den­ken beim Ski­fah­ren

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Zürichsee - Bert­hold W. Ha­er­ter Ober­rie­den

Ei­ni­ge Ta­ge des neu­en Jah­res konn­te ich ski­fah­rend ver­brin­gen. Beim ge­müt­li­chen Kur­ven­zie­hen auf schö­nen Pis­ten kam ich ins Nach­den­ken.

So ge­müt­lich wie das Ski­fah­ren ist die Welt­la­ge zur­zeit ganz und gar nicht. Po­li­tisch ist sie so­gar sehr an­ge­spannt. In vie­len Län­dern geht na­tio­na­les Ei­gen­in­ter­es­se oft vor welt­po­li­ti­scher Ein- und Weit­sicht.

In grosser Sor­ge sind wir auch we­gen des Kli­mas. Wer den Kli­ma­wan­del leug­net, steht ge­gen al­le wis­sen­schaft­li­chen Un­ter­su­chun­gen, und doch wa­gen die Welt­ge­mein­schaft und vie­le Ein­zel­staa­ten kei­ne mu­ti­gen, durch­grei­fen­den Schrit­te.

Der Wirt­schaft geht es je­den­falls bei uns noch sehr gut. Aber wir al­le wis­sen oder ah­nen zu­min­dest, dass un­ser Wohl­stand im­mer noch auch auf Kos­ten an­de­rer wächst.

Auch der Glau­be, das Ver­trau­en auf ei­nen men­schen­freund­li­chen Gott, ver­liert an Be­deu­tung. Vie­le brau­chen Gott ein­fach nicht mehr, auch wenn man sei­ne Men­schen­freund­lich­keit mit Weih­nach­ten aus­gie­big fei­ert. Zum Glau­ben kön­nen wir bes­ten­falls an­re­gen, zei­gen, wie er uns Le­bens­hil­fe ist, aber wir kön­nen Glau­ben nicht bei an­de­ren er­zeu­gen. Glau­be wird ei­nem von Gott ge­schenkt. Of­fen­sicht­lich er­reicht das Gött­li­che nicht mehr das Be­wusst­sein vie­ler Men­schen, und damit schwin­det zwangs­läu­fig auch das selbst­ver­ständ­li­che Den­ken in Ka­te­go­ri­en der Nächs­ten­lie­be über die Fa­mi­lie hin­aus.

So wird Ego­is­mus, ja Ego­zen­trik zu­neh­mend sa­lon­fä­hig. Ei­ne Ju­gend­li­che sag­te letzt­hin sar­kas­tisch zu mir: «Ja, wir sind grün, aber wir pla­nen gera­de un­se­ren nächs­ten Wo­chen­end­trip mit dem Flug­zeug.» Auch ei­ne Ethik oh­ne ei­ne gött­li­che Ge­bun­den­heit funk­tio­niert nicht. Mei­ne ein­schlä­gi­gen DDR-Er­fah­run­gen fin­den heu­te im­mer mehr Be­stä­ti­gung. Man könn­te ver­zwei­feln.

Das aber ist nicht die Auf­ga­be von uns Christen. In der Be­schäf­ti­gung mit «Got­tes fröh­li­chem Par­ti­sa­nen», der gut dreis­sig Som­mer mit Blick auf den Zü­rich­see in Ober­rie­den ver­brach­te, ent­deck­te ich ein ein­drück­li­ches Zi­tat. Karl Barth sag­te es 1968 – auch in ei­ner eher un­ge­müt­li­chen Welt­la­ge: «Ja, die Welt ist dunkel. Nur ja die Oh­ren nicht hän­gen las­sen! Nie! Denn es wird re­giert, nicht nur in Mos­kau oder in Washington oder in Pe­king, son­dern es wird re­giert, und zwar hier auf Er­den, aber ganz von oben, vom Him­mel her. Gott sitzt im Re­gi­men­te! Dar­um fürch­te ich mich nicht. Blei­ben wir doch zu­ver­sicht­lich auch in den dun­kels­ten Au­gen­bli­cken! Las­sen wir die Hoff­nung nicht sin­ken, die Hoff­nung für al­le Men­schen, für die gan­ze Völ­ker­welt! Gott lässt uns nicht fal­len, kei­nen ein­zi­gen von uns und uns al­le mit­ein­an­der nicht! – Es wird re­giert!»

Bert­hold W. Ha­er­ter, Pfar­rer in Ober­rie­den.

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