Schweiz hat Kon­ven­ti­on ra­ti­fi­ziert Ge­sprä­che sind meist schwie­rig

Be­hör­den und Or­ga­ni­sa­tio­nen sind im Kampf ge­gen se­xu­el­le Aus­beu­tung im Sex­ge­wer­be oft­mals die Hän­de ge­bun­den. Wie schwie­rig die Hilfs­ar­beit im Rot­licht­mi­lieu sein kann, zeigt der All­tag ei­ner Ak­ti­vis­tin.

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Zürich - Li­sa Am­mann setzt sich für Sex­ar­bei­te­rin­nen ein. Falls ge­wünscht, hilft er beim Aus­stieg. Mir­ja Kel­ler

Wenn Li­sa Am­mann (Name von der Re­dak­ti­on ge­än­dert) in ein Bor­dell geht, nimmt sie im­mer et­was mit: klei­ne Ge­schen­ke, ei­ne Halskette zum Bei­spiel oder auch hand­ge­mal­te Kunst­kar­ten. Sie über­reicht sie den Frau­en, die im Bor­dell ar­bei­ten. «Die Ge­schen­ke sind ei­ne Mög­lich­keit, Kon­takt auf­zu­neh­men und über Sym­bo­le zu kom­mu­ni­zie­ren, wenn man kei­ne ge­mein­sa­me Spra­che hat.»

Am­mann be­sucht ein­mal in der Wo­che Bor­del­le. Die aus ei­nem Dorf im Be­zirk Pfäf­fi­kon stam­men­de Ak­ti­vis­tin, die zu ih­rem ei­ge­nen Schutz an­onym blei­ben möch­te, ist im gan­zen Kan­ton un­ter­wegs: im Ober- und im Un­ter­land, in Zü­rich und auch im Wein­land. 200 Eta­blis­se­ments gibt es ge­mäss of­fi­zi­el­len Er­he­bun­gen. Die 35-Jäh­ri­ge en­ga­giert sich im Ver­ein He­art­wings, der 2008 von ei­nem Pfar­rer­ehe­paar ge­grün­det wur­de zur Un­ter­stüt­zung von Sex­ar­bei­te­rin­nen. Wo ge­wünscht, wird ver­sucht, den Frau­en den Aus­stieg zu er­mög­li­chen. Sechs An­ge­stell­te und zehn eh­ren­amt­li­che Mit­ar­bei­ten­de sind für den Ver­ein tä­tig, der sich über Spen­den­gel­der fi­nan­ziert.

Stän­di­ger Wech­sel

Am­mann ist seit fünf Jah­ren im Ver­ein ak­tiv. Sie kennt das Mi­lieu, die Zu­häl­ter und die Häu­ser. Vie­les in dem Ge­wer­be wie­der­holt sich, wirkt aus­tausch­bar – die ab­ge­schie­de­ne La­ge der Eta­blis­se­ments, ih­re Mö­blie­rung, die Klei­dung der Frau­en. Doch von ei­ner Kon­ti­nui­tät oder gar Rou­ti­ne zu spre­chen, ver­bie­tet sich Li­sa Am­mann. Es sind für sie de­plat­zier­te Be­grif­fe. Denn die Haupt­per­so­nen – die Sex­ar­bei­te­rin­nen – wech­seln oft. Teil­wei­se sind sie nur zwei Wo­chen an ei­nem Ort, sie ar­bei­ten an di­ver­sen Sta­tio­nen in ganz Eu­ro­pa.

Das ist mit ein Grund, wes­halb sich ein Gross­teil der Ar­beit des Ver­eins He­art­wings vor Ort ab­wi­ckeln muss. «Ich tref­fe sel­ten zwei­mal die­sel­ben Frau­en in ei­nem Bor­dell an», sagt Am­mann. Un­ter die­sen Um­stän­den Hil­fe­leis­tung an­zu­bie­ten, ist nicht ein­fach. Oft bleibt es bei ei­ner Auf­klä­rung über die Ver­eins­ar­beit oder bei ei­nem kur­zen Ge­spräch. Und den­noch hat sich das Tun von He­art­wings im Mi­lieu her­um­ge­spro­chen. «Wir tref­fen mitt­ler­wei­le auch Frau­en an, die von uns er­fah­ren ha­ben, be­vor sie über­haupt in der Schweiz an­ge­kom­men sind», er­zählt Am­mann.

Oft blei­ben den Frau­en die Ge­schenk­kar­ten in Er­in­ne­rung. Sie spre­chen ei­ne Bild­spra­che, die al­le ver­ste­hen. «Manch­mal kann ei­ne der Frau­en ein paar Bro­cken Deutsch, das ist je­doch die Aus­nah­me», weiss Am­mann. Vie­le von ihnen hat­ten kaum die Ge­le­gen­heit, ei­ne Aus­bil­dung ab­zu­schlies­sen. Sie stam­men aus Ru­mä­ni­en, aus Un­garn oder aus Bul­ga­ri­en. Ei­ni­ge kom­men aus Thai­land, Chi­na oder West­afri­ka.

Ver­spro­chen hat man ihnen meist Ar­beit als Ba­by­sit­te­rin, als Haus­halts­hil­fe oder als Coif­feu­se. Li­sa Am­mann be­schreibt die so­ge­nann­te «Lo­ver­boy»-Tak­tik: Jun­ge Män­ner brin­gen die Frau­en in ein Ab­hän­gig­keits­ver­hält­nis, in­dem sie ihnen ei­ne Lie­bes­be­zie­hung vor­spie­len. Die Be­trof­fe­nen fol­gen den Lo­ver­boys ins Aus­land, wo sie sich pro­sti­tu­ie­ren müs­sen, um Geld zu ver­die­nen. Am­mann trifft vie­le sol­cher Schick­sa­le in hie­si­gen Bor­del­len.

«Ich ha­be noch kei­ne Frau ken­nen ge­lernt, die sich frei­wil­lig pro­sti­tu­iert», sagt sie. Den Wunsch, aus­zu­stei­gen, äus­ser­ten ei­ni­ge. Doch die Um­set­zung ge­stal­tet sich für die Frau­en nicht ein­fach. Dies auch, weil sie teils Op­fer von Men­schen­han­del sind und Angst ha­ben, ei­ne Aus­sa­ge vor der Po­li­zei zu ma­chen. «Die Zu­häl­ter stam­men nicht sel­ten aus ih­rer Hei­mat. Sie dro­hen da­mit, ih­ren An­ge­hö­ri­gen zu scha­den», sagt Am­mann.

Schutz für Frau­en

Wie ist es in die­sem Um­feld für den Ver­ein über­haupt mög­lich, un­ge­stört mit den Pro­sti­tu­ier­ten spre­chen zu kön­nen? «Wir for­dern nichts her­aus » , sagt Am­mann. In der Re­gel wür­den sie zu­erst die Zu­häl­ter um Er­laub­nis fra­gen, be­vor sie das Ge­spräch zu den Frau­en such­ten. «Die meis­ten las­sen uns ge­wäh­ren.» Ge­fähr­li­che Si­tua­tio­nen oder mas­si­ve Ab­leh­nung er­fah­ren die Ver­eins­mit­ar­bei­te­rin­nen sel­ten. Je­doch wür­den die Aus­stei­ge­optio­nen auch nicht in An­we­sen­heit der Zu­häl­ter be­spro­chen: «In die­sen Fäl­len ver­ein­ba­ren wir mit den Frau­en ei­nen Ter­min. Die Ein­zel­hei­ten ge­hen wir in un­se­rem Bü­ro durch.»

Wird ein Aus­stieg kon­kre­ter, hilft He­art­wings bei der Woh­nungs- und Job­su­che. Vor­über­ge­hend kann der Ver­ein auch Un­ter­schlupf ge­wäh­ren: «Wir ar­bei­ten mit Schutz­häu­sern zu- Die Fach­stel­le Frau­en­han­del und Frau­en­mi­gra­ti­on (FIZ) hat 2017 299 Fäl­le be­treut, rund ein Drit­tel da­von be­traf Sex­ar­bei­te­rin­nen. Die Dun­kel­zif­fer, was den Men­schen­han­del in der Schweiz be­trifft, dürf­te hoch sein.

Das Op­fer­hil­fe­ge­setz legt ei­nen An­spruch auf Schutz und Un­ter­stüt­zung fest. 2013 hat die Schweiz zu­dem die Eu­ro­pa­rats­kon­ven­ti­on zur Be­kämp­fung des Men­schen­han­dels ra­ti­fi­ziert. Da- sam­men, an die wir die Frau­en wei­ter­ver­wei­sen kön­nen», sagt Am­mann.

Vie­le Frau­en, die ei­nen Aus­stieg in die Tat um­set­zen, gibt es je­doch nicht. Zu gross sei oft­mals der Druck, der auf ihnen las­te. «Mit dem Aus­stieg ver­lie­ren sie auch ihr so­zia­les Um­feld», zeigt Am­mann die Pro­ble­ma­tik auf. Ge­ra­de in den Fäl­len, wo Frau­en aus dem Aus­land in die Schweiz ge­kom­men sind, wiegt die­ser Um­stand be­son­ders schwer. «Sie ha­ben hier sonst nie­man­den, spre­chen die Spra­che nicht und sind erst noch schlecht aus­ge­bil­det.»

Vorbild nor­di­sches Mo­dell

In viel­fa­cher Hin­sicht sind den Ver­eins­mit­ar­bei­te­rin­nen letzt- zu ge­hö­ren ei­ne Er­ho­lungs- und Be­denk­zeit für Be­trof­fe­ne für die Dau­er von min­des­tens 30 Ta­gen. In die­ser Zeit müs­sen sie ent­schei­den, ob sie mit den Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den ko­ope­rie­ren wol­len. Bei ei­ner Aus­sa­ge­ver­wei­ge­rung ge­gen die Tä­ter müs­sen die Op­fer die Schweiz ver­las­sen. Här­te­fall­be­wil­li­gun­gen für ei­nen be­fris­te­ten Auf­ent­halt wer­den nur in Aus­nah­me­fäl­len er­teilt. lich die Hän­de ge­bun­den: Bis auf das Be­reit­stel­len von In­for­ma­tio­nen für die Pro­sti­tu­ier­ten in Not kön­nen sie nicht viel tun. Auch für all­fäl­li­ge psy­cho­lo­gi­sche Hil­fe ver­wei­sen die Vo­lon­tä­rin­nen an Spe­zia­lis­ten. Im­mer wie­der wird des­halb Li­sa Am­mann mit ih­rer ei­ge­nen Ohn­macht kon­fron­tiert. Das Elend und die miss­li­che La­ge, die sie je­de Wo­che mit­er­lebt, na­gen an ihr.

Sie hat des­halb auch schon dar­an ge­dacht, auf­zu­hö­ren. Nicht zu­letzt we­gen ih­rer Fa­mi­lie, die sie schüt­zen will. «Mit Kin­dern macht man sich ver­letz­bar», sagt sie. Dass sie den­noch wei­ter­ma­che, lie­ge an den Frau­en und ih­ren per­sön­li­chen Geschichten, die sie zu hö­ren be­kommt.

In die po­li­ti­sche Dis­kus­si­on zum The­ma Pro­sti­tu­ti­on hat sich der Ver­ein bis­lang nicht ein­ge­mischt. Aus Res­sour­cen­grün­den sei dies nicht mög­lich ge­we­sen. Man ha­be sich auf die Ar­beit an der Ba­sis kon­zen­triert. Vor­stel­lun­gen, was sich in der Schweiz än­dern müss­te, sind je­doch da: «Das nor­di­sche Mo­dell zu über­neh­men, wä­re ei­ne Über­le­gung wert», sagt Am­mann. Das Mo­dell, das in Schwe­den, Nor­we­gen und Is­land um­ge­setzt wird, ver­steht Pro­sti­tu­ti­on als Men­schen­rechts­ver­let­zung. Be­straft wird, wer Sex für Geld kauft – al­so die Frei­er. «Da­mit schützt man die Pro­sti­tu­ier­te.»

In der Schweiz sei das an­ders. «Wenn ei­ne Pro­sti­tu­ier­te ver­sucht, aus­ser­halb des zu­ge­las­se­nen Ge­biets auf der Stras­se an­zu­schaf­fen, wird sie ge­büsst. Bei je­dem Mal, bei dem sie er­wischt wird, er­höht sich die­se Bus­se.» Da­mit än­de­re man nichts am An­ge­bot oder am Sys­tem, son­dern be­stra­fe vor al­lem die Frau. «Sie muss die Schul­den bei ih­rem Zu­häl­ter ab­stot­tern und kann we­ni­ger Geld nach Hau­se schi­cken», sagt Am­mann.

Ab­sur­de Prak­ti­ken

Hand­lungs­be­darf sieht die jun­ge Frau auch, was den Por­no­kon­sum an­geht. «Im In­ter­net kommt man an al­les, auch il­le­ga­le Por­nos sind er­hält­lich.» Dies wir­ke sich auch auf die Wün­sche der Frei­er aus. «Die Frau­en er­zäh­len uns, dass die Prak­ti­ken im­mer ab­sur­der wer­den.» Sie wür­den des­halb äl­te­re Män­ner be­vor­zu­gen, de­ren Se­xua­li­sie­rung durch Por­no­gra­fie sich noch in Gren­zen hal­te.

«Der Staat hät­te es in der Hand, den Zu­gang zu Por­no­sei­ten zu be­schrän­ken», sagt Am­mann. Sie for­dert mehr Re­strik­tio­nen. Es geht ihr nicht zu­letzt auch um ein Si­gnal für die Stel­lung der Frau in der Ge­sell­schaft: «Wenn wir Frau­en aus so­zia­len Rand­schich­ten nicht schüt­zen, was für ein Bild ver­mit­teln wir dann von un­se­rem Land, das sich ein Rechts­staat nen­nen will?»

«Ich ha­be noch kei­ne Frau ken­nen ge­lernt, die sich frei­wil­lig pro­sti­tu­iert.»

Fo­to: Andre­as Ar­nold

Der Ver­ein He­art­wings

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