Der Sohn des Va­ters, ein Le­ben lang

No­el von Grü­ni­gen konn­te in der Schu­le ei­ne Klas­se über­sprin­gen. Auf der Ski­pis­te geht es lang­sa­mer vor­an: Mit 23 star­tet der Sohn des zwei­fa­chen Welt­meis­ters Micha­el von Grü­ni­gen erst­mals in Adelboden – und fährt im Sla­lom auf Platz 56.

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Sport - No­el mit Micha­el von Grü­ni­gen. Phil­ipp Rind­lis­ba­cher

Es ist die­se ei­ne Er­in­ne­rung, die ihm ge­blie­ben ist. Als der Pa­pa in Adelboden fuhr, wälz­te er sich ne­ben der Pis­te im Schnee. Fünf, vi­el­leicht sechs Jah­re alt war er da. Na­tür­lich wuss­te er nicht, was der Va­ter ge­nau tat, und erst recht nicht, wie gut er dar­in war. 23 Rie­sen­sla­loms ge­wann Micha­el von Grü­ni­gen, 1997 und 2001 wur­de er Welt­meis­ter. Nun be­treut er Sohn No­el, Mit­glied des Schwei­zer C-Ka­ders, und die­ser sagt: «Mit je­der zu­sätz­li­chen Sai­son, mit je­der neu­en Hür­de, die ich aus dem Weg räu­men muss, wird mir be­wuss­ter, welch ge­wal­ti­ge Kar­rie­re er hat­te.» Mit der Bür­de, stän­dig mit dem er­folg­rei­chen Va­ter kon­fron­tiert zu wer­den, ist No­el von Grü­ni­gen auf­ge­wach­sen.

«Fuhr er als Bub ein schlech­tes Ren­nen, dis­ku­tier­ten die Leu­te noch zwei Wo­chen spä­ter dar­über», sagt Micha­el von Grü­ni­gen, «beim Hans­li Mus­ter war es nach ein paar Mi­nu­ten kein The­ma mehr.» No­el aber spricht von ei­nem Se­gen, nicht von ei­nem Fluch.

Manch Tür, et­wa im Ma­te­ri­al­be­reich, ha­be sich ge­öff­net, dem be­kann­ten Na­men sei Dank. Er wis­se, dass er stets als Sohn von Micha­el von Grü­ni­gen wahr­ge­nom­men wer­de, was ihm nichts aus­ma­che. Man glaubt es ihm. Es stört ihn auch nicht, wird das Sechs-Au­gen-Ge­spräch mehr­mals un­ter­bro­chen, weil im­mer wie­der je­mand et­was will. Vom Va­ter na­tür­lich. Nicht vom Sohn.

Die Ab­sa­ge aus Stolz

23 hat No­el von Grü­ni­gen wer­den müs­sen, um in Adelboden star­ten zu dür­fen. Mehr­mals hat­te er sich als Vor­fah­rer be­wor­ben, er­hielt Ab­sa­ge um Ab­sa­ge, «es hiess je­weils, der Jan­ka brau­che et­was Sla­lom­trai­ning für die Kom­bi­na­ti­on». Vor zwei Jah­ren be­kam er die Er­laub­nis, doch nun war von Grü­ni­gen zu stolz. Er ver­sprach, der­einst als Welt­cup­fah­rer zu kom­men.

Der Schön­rie­der hielt Wort, war im Sla­lom als 56. aber chan­cen­los. Er war­tet in ei­nem Al­ter auf den ers­ten Welt­cup­punkt, in wel­chem der Pa­pa ers­te Ren­nen ge­won­nen hat­te. Den­noch setzt er sich nicht un­ter Zeit­druck, und von Grü­ni­gen se­ni­or er­wähnt Fäl­le aus der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit, als Fah­rer zu früh aus den Ka­dern ge­stri­chen wor­den sei­en. Mitt­ler­wei­le sei Swiss-Ski sen­si­bler ge­wor­den. «Zu mei­ner Zeit hör­ten die meis­ten mit 30 auf, heu­te dau­ert ei­ne Kar­rie­re deut­lich län­ger. Man muss den Ath­le­ten mehr Zeit las­sen.»

Beim Ski­fa­bri­kan­ten Fi­scher be­sitzt von Grü­ni­gen Man­da­te, die Ar­beit kom­bi­niert er so gut es geht mit Rei­sen zu den Ren­nen des Soh­nes. «Er ist mei­ne wich­tigs­te Be­zugs­per­son», sagt der Ju­ni­or. Ein Kom­pe­tenz­ge­ran­gel mit den Ver­ant­wort­li­chen von Swiss-Ski gibt es nicht. Hei­kel war die Kon­stel­la­ti­on zu Ju­nio­ren­zei­ten. Die Trai­ner im Ber­ner Ober­land hät­ten ihn als Über­fi­gur wahr­ge­nom­men, sagt Micha­el von Grü­ni­gen. «Vie­le wuss­ten nicht, wie sie mit mir um­ge­hen soll­ten.»

Die ei­ge­ne Ge­schich­te

Von Grü­ni­gen leidet mit in Adelboden, wo­bei er auch Stolz ver­spürt. So wie da­mals, als der Bub ihn auf der Pis­te erst­mals ste­hen liess. Für die Ma­tu­ra­ar­beit tes­te­ten Va­ter und Sohn Ski; im Rie­sen­sla­lom konn­te die Hier­ar­chie ge­ra­de noch ge­wahrt wer­den, im Sla­lom war der 16-Jäh­ri­ge schnel­ler. Mit 17 be­reits be­en­de­te er das Gym­na­si­um, die ers­te und zwei­te Klas­se hat­te er in ei­nem Schul­jahr ab­sol­viert.

Von Grü­ni­gen war er­staun­lich reif für ein Kind sei­nes Al­ters, er wirk­te un­ter­for­dert und fühl­te sich un­ver­stan­den. Auf An­ra­ten der Lehr­kräf­te lies­sen ihn die El­tern Tests ab­le­gen. «Auf­fäl­lig war, wie schnell er ge­lernt hat», sagt «Mi­ke».

Des­sen Kür­zel MVG wur­de zur Mar­ke, No­el mel­de­ten die Trai­ner als NVG zu den Ren­nen an. Er spricht von ei­ner ei­ge­nen Ge­schich­te, die er schrei­ben wol­le. Und doch mag er sich nicht eman­zi­pie­ren vom Va­ter. Da passt es ganz gut, dass Mit­glie­der aus des­sen frü­he­rem Fan­club ei­nen sol­chen für den Nach­fah­ren grün­den wol­len.

Fo­to: Christian Pfan­der

NVG mit MVG,

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