Bun­des­ge­richt spricht Flug­lot­sen frei

Die obers­te In­stanz hat das Ur­teil des Ober­ge­richts auf­ge­ho­ben. Da­mit geht ein jah­re­lan­ges Ver­fah­ren zu En­de.

Zürcher Unterländer - - Vorderseit­e - Fla­vio Zwah­len

Nach 451 Wo­chen hat der Flug­lot­se end­lich die Ge­wiss­heit, dass er für sei­nen Feh­ler nicht be­straft wird. Das Bun­des­ge­richt hat sei­ne Be­schwer­de gut­ge­heis­sen und ihn vom Vor­wurf der fahr­läs­si­gen Stö­rung des öf­fent­li­chen Ver­kehrs frei­ge­spro­chen. Da­mit wur­de der Ent­scheid des Zürcher Ober­ge­richts auf­ge­ho­ben. «Sky­gui­de nimmt die­ses Ur­teil mit Ge­nug­tu­ung und Zuf­rie­den­heit zur Kennt­nis», schreibt das Un­ter­neh­men, für wel­ches der Flug­lot­se ar­bei­tet, in ei­ner Me­di­en­mit­tei­lung. Das Ur­teil vom 29. Ok­to­ber wur­de ges­tern ver­öf­fent­licht.

Ver­ur­tei­lung stützt sich auf Hy­po­the­sen

Rück­blen­de: Im März 2011 er­teil­te der Lot­se am Flug­ha­fen Zü­rich zwei Ma­schi­nen der Swiss gleich­zei­tig die Start­frei­ga­be auf den sich kreu­zen­den Pis­ten 16 und 28. Weil die Be­sat­zung des Flug­zeugs auf Pis­te 28 (SWR 202W) die zwei­te star­ten­de Ma­schi­ne be­merk­te, brach sie den Start so­fort ab und ver­hin­der­te da­durch Schlim­me­res. Im Ur­teil des Bun­des­ge­richts heisst es, dass trotz des Ver­hal­tens des Flug­lot­sen dank der Geis­tes­ge­gen­wart der Be­sat­zung des Flug­zeugs SWR 202W kei­ne kon­kre­te Ge­fahr für Leib und Le­ben von Per­so­nen ein­ge­tre­ten sei. «Was hät­te pas­sie­ren kön­nen, wenn die Be­sat­zung des Flug­zeugs das Brems­ma­nö­ver erst auf Be­fehl des Be­schwer­de­füh­rers ein­ge­lei­tet hät­te, darf da­bei kei­ne Rol­le spie­len.» Die auf ei­nen hy­po­the­tisch an­de­ren Sach­ver­halt ge­stütz­te Ver­ur­tei­lung des Be­schwer­de­füh­rers durch die Vor­in­stanz ver­let­ze das Bun­des­recht.

Im Jahr 2016 wur­de der Be­schul­dig­te vom Be­zirks­ge­richt Bülach frei­ge­spro­chen. Die

Staats­an­walt­schaft leg­te dar­auf­hin er­folg­reich Be­ru­fung ein. Das Zürcher Ober­ge­richt ver­ur­teil­te den Lot­sen letz­tes Jahr und be­straf­te ihn mit ei­ner Geld­stra­fe von 18 900 Fran­ken.

Ge­setz­li­cher Rah­men für «Just Cul­tu­re» ge­for­dert

Trotz des er­freu­li­chen Frei­spruchs sei Sky­gui­de da­von über­zeugt, dass für die in der Avia­tik ge­leb­te Si­cher­heits­kul­tur «Just Cul­tu­re» im Schwei­zer Ge­setz ein Rah­men fi­xiert wer­den müs­se, heisst es in der Me­di­en­mit­tei­lung wei­ter. «Die­se Vor­ge­hens­wei­se er­mög­licht es Mit­ar­bei­ten­den, Feh­ler zu mel­den, oh­ne dis­zi­pli­na­ri­sche Kon­se­quen­zen be­fürch­ten zu müs­sen, so­fern die­se nicht mut­wil­lig oder grob fahr­läs­sig be­gan­gen wur­den.» Da­durch kön­ne die Or­ga­ni­sa­ti­on rasch Ver­bes­se­run­gen ab­lei­ten und Mass­nah­men er­grei­fen.

Im ver­gan­ge­nen De­zem­ber wur­de ein Flug­lot­se von Sky­gui­de vom Zürcher Ober­ge­richt we­gen fahr­läs­si­ger Stö­rung des öf­fent­li­chen Ver­kehrs schul­dig ge­spro­chen. Der Ent­scheid sorg­te bei den Mit­ar­bei­ten­den der Flug­si­che­rungs­ge­sell­schaft für Ent­rüs­tung. Ei­ni­ge von ih­nen mel­de­ten sich am Tag nach der Ur­teils­ver­kün­dung krank.

Der ver­ur­teil­te Lot­se leg­te dar­auf­hin Be­schwer­de beim Bun­des­ge­richt in Lau­sanne ein. Urs Laue­ner, Chief Ope­ra­ting Of­fi­cer (COO) von Sky­gui­de, äus­ser­te sich im Fe­bru­ar in ei­nem In­ter­view mit die­ser Zei­tung zu den Kon­se­quen­zen im Fall ei­nes be­stä­tig­ten Schuld­spruchs durch das Bun­des­ge­richt: «Wir wis­sen nicht, wel­che Aus­wir­kun­gen das auf uns hät­te. Es wür­de aber de­fi­ni­tiv wel­che ge­ben. Wir müss­ten ei­nen Schritt zu­rück ma­chen und an­de­re Mass­nah­men er­grei­fen.» Der Be­trieb sei heu­te si­cher. Da­zu brau­che es aber täg­lich ei­nen gros­sen Ein­satz je­des Flug­lot­sen.

Flug­lot­sen ver­lan­gen kei­ne Son­der­stel­lung

Nun herrscht Klar­heit. Das Bun­des­ge­richt hat das Ur­teil des Ober­ge­richts auf­ge­ho­ben und den Lot­sen frei­ge­spro­chen. Da­mit kehrt bei Sky­gui­de aber kei­ne Ru­he ein. Zur­zeit lau­fen wei­te­re Ver­fah­ren ge­gen Mit­ar­bei­ten­de. In kei­nem der Fäl­le ka­men Per­so­nen zu Scha­den. Den­noch geht die Staats­an­walt­schaft Win­ter­thur/Un­ter­land ri­go­ros ge­gen fehl­ba­re Flug­lot­sen vor. Ei­ne Staats­an­wäl­tin sag­te bei ei­ner Ver­hand­lung in Bülach einst: «Es gibt kei­nen Raum für ei­ne Son­der­be­hand­lung für Sky­gui­deMit­ar­bei­ter.» Schliess­lich wür­den SBB­Mit­ar­bei­ter auch be­langt, wenn sie ei­ne Wei­che falsch stell­ten und ein Zug ent­glei­se. Urs Laue­ner mein­te da­zu: «Wir ver­lan­gen kei­ne Son­der­stel­lung für die Flug­lot­sen von Sky­gui­de. Wenn ein SBB­Mit­ar­bei­ter ei­ne Wei­che falsch stellt und des­halb ein Zug ent­gleist, ist et­was pas­siert. Dann muss man dar­über spre­chen und das ahn­den.» Das sei bei Sky­gui­de nicht an­ders. Wenn aber ein Feh­ler pas­sie­re, der kei­ne Fol­gen ha­be, müs­se man in­tern dar­über re­den kön­nen, um dar­aus zu ler­nen.

En­de März sprach das Be­zirks­ge­richt Bülach ei­nen an­de­ren Sky­gui­de­Mit­ar­bei­ter we­gen fahr­läs­si­ger Stö­rung des öf­fent­li­chen Ver­kehrs schul­dig. Er hat im Jahr 2012 ei­ne Si­tua­ti­on beim Flug­ha­fen falsch ein­ge­schätzt und bei­na­he ei­ne Kol­li­si­on zwei­er Flug­zeu­ge ver­ur­sacht. Der Rich­ter sag­te, dass zwar zu kei­nem Zeit­punkt ei­ne kon­kre­te Kol­li­si­ons­ge­fahr be­stan­den ha­be. «Der Flug­lot­se hat den­noch ein nicht nach­voll­zieh­ba­res Fehl­ver­hal­ten an den Tag ge­legt.» Auf­grund die­ser Ar­gu­men­ta­ti­on dürf­te der Flug­lot­se nach dem neu­er­li­chen Ur­teil des Bun­des­ge­richts im Fall ei­ner Be­ru­fung gu­te Chan­cen ha­ben, dass das Ur­teil vom Ober­ge­richt oder vom Bun­des­ge­richt auf­ge­ho­ben wird.

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