Der kur­ze Weg vom Bi­be­li zum Chi­cken Wing

Pou­let­fleisch wird im­mer be­lieb­ter, wes­halb die in­län­di­sche Pro­duk­ti­on vor­an­ge­trie­ben wird. Ein Un­ter­län­der Be­trieb öff­net sei­ne Stall­tür und zeigt, wie die Hüh­ner le­ben, be­vor sie auf un­se­ren Tel­lern lan­den.

Zürcher Unterländer - - Vorderseit­e - Andrea Söl­di

Land­wirt Hans Hirt zeigt auf sei­nem Be­trieb, wie die Hüh­ner in rund fünf Wo­chen bis zur Schlachtre­i­fe her­an­wach­sen.

Ei­nen Pou­let­mast­be­trieb im Zürcher Un­ter­land zu fin­den, war gar nicht so ein­fach. We­der der Ver­band der Schwei­zer Ge­flü­gel­pro­du­zen­ten noch der Kan­ton woll­ten oder durf­ten Aus­kunft ge­ben, wo­her die Pou­let­brüst­chen und -schen­kel auf un­se­ren Tel­lern stam­men. Die Bran­che scheint nicht be­son­ders auf Pu­bli­zi­tät er­picht zu sein. Wo­mög­lich be­fürch­tet sie Kri­tik aus Tier­schutz­krei­sen. Über Um­we­ge ge­lang­ten wir schliess­lich an ei­nen Be­trieb, der be­reit war, dem ZU ei­nen Ein­blick zu ge­wäh­ren.

Auf ei­ner An­hö­he ober­halb von Ober­we­nin­gen ist der Stall be­reits von wei­tem zu se­hen. Der Ven­ti­la­tor deu­tet dar­auf hin, dass hier drin­nen Tie­re le­ben, die fri­sche Luft be­nö­ti­gen. Der Win­ter­gar­ten ist zur­zeit leer. «Die Tie­re sind noch zu jung, um ins Freie zu ge­hen», er­klärt Land­wirt Hans Hirt. Zur­zeit sei­en sie erst knapp zwei Wo­chen alt. Aus­lauf in den ge­deck­ten Win­ter­gar­ten er­hal­ten sie ab dem 22. Le­bens­tag, vor­aus­ge­setzt, es ist nicht zu kalt draus­sen.

Be­vor wir in die Hal­le ge­las­sen wer­den, ste­hen stren­ge Hy­gie­ne­mass­nah­men an: Wir zie­hen ei­nen Ein­weg­man­tel über, de­cken die Haa­re mit ei­ner Hau­be ab, wa­schen und des­in­fi­zie­ren die Hän­de und schlüp­fen in Gum­mi­stie­fel, die am Ein­gang in ei­ner Wan­ne mit Des­in­fek­ti­ons­mit­tel be­reit­ste­hen. Dann tre­ten wir vor­sich­tig ein, um die Tie­re nicht zu er­schre­cken. Am Bo­den, auf ein paar Zen­ti­me­tern wei­cher, brau­ner Ein­streu, wu­seln Tau­sen­de flau­schig-gelb­li­cher Kü­ken durch­ein­an­der. Sie pi­cken Fut­ter aus den Trö­gen, trin­ken mit ih­ren Schnä­beln an den Öff­nun­gen der Was­ser­lei­tung, rie­chen an­ein­an­der oder stak­sen auf die leicht er­höh­ten Bän­ke. Es ist warm. Fast 25 Grad gibt das Ther­mo­me­ter an. Ein ste­ti­ges Zwit­schern, das lei­se Sur­ren der Lüf­tung und zwi­schen­durch ein leich­tes Dröh­nen der Füt­te­rungs­ma­schi­ne bil­den ei­nen be­son­de­ren Klang­tep­pich.

Sel­ten An­ti­bio­ti­ka

«Na­tür­lich ken­nen wir nicht je­des ein­zel­ne Tier», sagt Sohn Mar­co Hirt. «Doch man­che fal­len auf durch ei­ne spe­zi­el­le Fär­bung oder ein et­was wil­de­res Ver­hal­ten.» Zwei­mal täg­lich macht sich der ge­lern­te Land­wirt im hoch­au­to­ma­ti­sier­ten Stall auf ei­nen Kon­troll­gang. Er schaut, ob die Trän­ke und die Füt­te­rungs­an­la­ge funk­tio­nie­ren, ver­teilt bei Be­darf neue Ein­streu und sieht sich nach kran­ken oder to­ten Tie­ren um. Durch­schnitt­lich zwei Pro­zent der Tie­re ster­ben wäh­rend der Mast­zeit. «Krank­hei­ten wie Durch­fall krie­gen wir meist mit pflanz­li­chen Mit­teln, die wir dem Trink­was­ser zu­ge­ben, in den Griff», er­klärt der Ge­flü­gel­hal­ter. An­ti­bio­ti­ka ha­be man bei den 65 Hüh­ner­grup­pen, die auf dem Er­len­hof be­reits gross­ge­zo­gen wur­den, erst vier­mal ein­set­zen müs­sen.

In­nert 33 bis 37 Ta­gen wach­sen die Tie­re bis zur Schlachtre­i­fe her­an. Der gröss­te Teil der Ar­beit fällt für Mar­co Hirt nach dem Ab­trans­port der Tie­re an. Be­vor die neu­en Kü­ken ein­tref­fen, muss er den Stall gründ­lich säu­bern und des­in­fi­zie­ren. Die Ein­streu mit den Ex­kre­men­ten dient als Dün­ger. Der Stall wird mit Gas ge­heizt. Wenn die Tie­re klein sind, brau­chen sie ei­ne Tem­pe­ra­tur von 33 Grad Cel­si­us, am Schluss rei­chen 18 Grad. Wird es im Som­mer sehr heiss, wird mit Sprüh­ne­bel ge­kühlt. Pro Tier mit rund zwei Ki­lo­gramm Ge­wicht er­hält der Bau­er zwi­schen 1.40 und 2 Fran­ken, wäh­rend der Kon­su­ment je nach Kö­per­teil zwi­schen 20 und 30 Fran­ken pro Ki­lo be­zahlt.

Die Fa­mi­lie Hirt hat den Stall mit Platz für 17500 Häh­ne und Hen­nen vor neun Jah­ren ge­baut. Als Sohn Mar­co auf dem Be­trieb ein­stei­gen woll­te, ha­be man zu­sätz­lich zum Acker­bau und der Rin­der­mast nach ei­ner wei­te­ren Er­werbs­mög­lich­keit ge­sucht, sagt Hans Hirt. «Ein In­se­rat in der ‹Bau­ern­zei­tung›, in dem Mast­be­trie­be ge­sucht wur­den, brach­te uns auf die Idee.»

Schwei­zer lie­ben Brüst­li

Die Poule­ther­stel­lung wur­de in den letz­ten Jah­ren in der Schweiz vor­an­ge­trie­ben. Vor 20 Jah­ren stamm­ten erst gut 40 Pro­zent des hier kon­su­mier­ten Ge­flü­gels aus der Schweiz. Mitt­ler­wei­le liegt der An­teil bei 65 Pro­zent, wäh­rend beim Schwei­ne­fleisch die Nach­fra­ge zu 84 Pro­zent und beim Rind­fleisch gar zu 95 Pro­zent aus Schwei­zer Pro­duk­ti­on ge­deckt wer­den kann. Vie­le Kon­su­men­ten zie­hen ein­hei­mi­sches Fleisch vor, weil die Tier­schutz­be­stim­mun­gen hier­zu­lan­de ge­ne­rell stren­ger sind als im Aus­land. Die Lust auf Pou­let steigt ste­tig. Denn das Fleisch gilt als ge­sund und ist im Ge­gen­satz zum Schwein in al­len Re­li­gio­nen zu­ge­las­sen. In der Schweiz sind al­ler­dings die Brüst­chen be­lieb­ter als Flü­ge­li und Schen­kel. Des­halb wer­den wei­ter­hin Brüst­chen im­por­tiert, wäh­rend an­de­res in­län­di­sches Fleisch wie et­wa In­ne­rei­en teil­wei­se zu Haus­tier­fut­ter ver­ar­bei­tet wird.

Pou­let gilt als öko­lo­gi­scher als an­de­res Fleisch, weil das Ver­hält­nis zwi­schen Fut­ter und Flei­scher­trag ver­gleichs­wei­se güns­tig aus­fällt: Für ein Ki­lo­gramm Le­bend­ge­wicht, von dem rund 700 Gramm auf Schwei­zer Tel­lern lan­den, braucht es heu­te le­dig­lich noch ein­ein­halb Ki­lo­gramm Fut­ter­mit­tel. Beim Rind be­trägt das Ver­hält­nis et­wa 12:1, wo­bei ein Teil da­von Gras ist, beim Schwein 3:1.

Fut­ter aus dem Aus­land

Bei der Be­zeich­nung Schwei­zer Fleisch sind al­ler­dings Vor­be­hal­te an­ge­bracht: Die be­fruch­te­ten Eier für die Pou­let­mast stam­men aus ei­nem so­ge­nann­ten El­tern­tier­park in Frank­reich und wer­den an­schlies­send in ei­ne Brü­te­rei in der Ost­schweiz trans­por­tiert. Un­mit­tel­bar nach dem Schlüp­fen kom­men die Kü­ken auf den Mast­be­trieb. Das Fut­ter stammt zum Gross­teil aus dem Aus­land. Das ent­hal­te­ne Pro­te­in stam­me haupt­säch­lich von

Ne­ben­pro­duk­ten aus der Raps-, Son­nen­blu­men- und So­ja­öl­pro­duk­ti­on, er­klärt Wal­ter Scheurer von der Ge­flü­gel­fleisch-Fir­ma Frif­ag im thur­gaui­schen Mär­wil. Die Häh­ne und Hen­nen be­kom­men drei ver­schie­de­ne Mi­schun­gen, die mit fort­schrei­ten­dem Al­ter we­ni­ger Pro­te­in ent­hal­ten. Nach rund 40 Ta­gen holt die Fir­ma die Tie­re wie­der ab und bringt sie in den Schlacht­hof in Mär­wil. Aus fi­nan­zi­el­len und öko­lo­gi­schen Grün­den ist die ge­sam­te Auf­zucht mi­nu­ti­ös auf Ef­fi­zi­enz ge­trimmt.

Die Tie­re auf dem Er­len­hof kön­nen sich auf 1100 Qua­drat­me­tern am Bo­den plus 110 Qua­drat­me­tern er­höh­ten Sitz­ge­le­gen­hei­ten frei be­we­gen. Durch die Fens­ter dringt Ta­ges­licht. Es han­delt sich um so­ge­nann­te BTS-Hal­tung (be­son­ders tier­freund­li­che Stall­hal­tung), für wel­che die Be­trie­be Di­rekt­zah­lun­gen er­hal­ten.

15 Tie­re pro Qua­drat­me­ter

Für 15 Tie­re muss min­des­tens ein Qua­drat­me­ter zur Ver­fü­gung ste­hen. Sind die Vö­gel aus­ge­wach­sen, dürf­ten die Ver­hält­nis­se al­so et­was eng wer­den. Sie wür­den aber nicht dar­un­ter lei­den, be­schwich­tigt Hans Hirt. «Hüh­ner ha­ben gern Kör­per­kon­takt. Sie sit­zen häu­fig na­he bei­ein­an­der.» Zu­dem sei­en die Vor­schrif­ten in der EU deut­lich we­ni­ger tier­freund­lich: Pro Qua­drat­me­ter sind et­wa 21 Tie­re zu­ge­las­sen – oder ge­mäss bran­chen­üb­li­cher For­mu­lie­rung: 42 Ki­lo­gramm.

Bei un­se­rem Be­such sind die Hühn­chen aber erst tau­ben­gross und ha­ben noch viel Platz. Sie sind be­schäf­tigt mit ih­rer Haupt­auf­ga­be: Ge­wicht zu­le­gen. Die Tie­re wir­ken ge­sund und vi­tal, viel­leicht so­gar zu­frie­den. Noch ah­nen sie wohl nichts da­von, dass ih­nen in et­wa drei Wo­chen der Ab­trans­port in den Schlacht­hof be­vor­steht.

Foto: Jo­han­na Boss­art

Fotos: Jo­han­na Boss­art

Im Al­ter von knapp zwei Wo­chen ha­ben die Hühn­chen auf dem Er­len­hof in Ober­we­nin­gen noch viel Platz. In drei Wo­chen wird es hier en­ger aus­se­hen.

Der Ven­ti­la­tor deu­tet dar­auf hin, dass in die­sem Stall Tie­re le­ben.

Mar­co (links) und Hans Hirt ha­ben den Stall vor neun Jah­ren ge­baut.

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