Six star­tet ei­ge­ne Ra­ting­agen­tur

Die Bör­sen­be­trei­be­rin star­tet ein ei­ge­nes An­ge­bot zur Be­wer­tung von Schuld­ti­teln, das auf künst­li­cher In­tel­li­genz ba­siert. Da­mit will die SIX auch den An­lei­hen­markt in der Schweiz be­le­ben.

Zürcher Unterländer - - Vorderseit­e - Hol­ger Alich

Die Schwei­zer Bör­sen­be­trei­be­rin SIX hat ei­ne ei­ge­ne Ra­ting­agen­tur ins Le­ben ge­ru­fen. An­ders als bei eta­blier­ten An­bie­tern wie Moo­dy’s ba­sie­ren die Ra­tings der SIX aber auf künst­li­cher In­tel­li­genz: Die Sys­te­me ana­ly­sie­ren au­to­ma­ti­siert Ge­schäfts­be­rich­te von Un­ter­neh­men. Auch öf­fent­li­che Äus­se­run­gen des Ma­nage­ments wür­den er­fasst und auf Fol­gen für die Kre­dit­wür­dig­keit ge­prüft, er­klärt Ma­nee­sh Wadhwa, Chef von SIX Ra­ting. Oh­ne ein Ra­ting fin­den sich oft kei­ne Käu­fer für An­lei­hen. Das neue An­ge­bot soll da­her auch den An­lei­he­han­del der Bör­se be­flü­geln.

Eins muss man den Ma­chern las­sen: Sie ha­ben Am­bi­tio­nen. «Um­ge­stal­tung der Ra­ting-Land­schaft» lau­tet der Ti­tel ei­ner Bro­schü­re, in der die Bör­sen­be­trei­be­rin SIX ihr neu­es­tes An­ge­bot vor­stellt. Sie star­tet ei­ne ei­ge­ne Ra­ting­agen­tur, SIX Ra­ting.

Die SIX legt sich da­mit mit den Platz­hir­schen der Bran­che wie Stan­dard & Poor’s oder Moo­dy’s an. Die US-Rie­sen sind zen­tra­le Spie­ler im Fi­nanz­markt, denn die Ra­ting­agen­tu­ren be­wer­ten Schuld­ti­tel und Schuld­ner da­nach, wie hoch die Wahr­schein­lich­keit ist, dass ein Gläu­bi­ger sein Geld wie­der­sieht und den ver­spro­che­nen Zins be­kommt. Gross­in­ves­to­ren wie Ver­si­che­run­gen dür­fen kei­ne An­lei­hen kau­fen, oh­ne dass min­des­tens ei­ne der gros­sen Adres­sen das Wert­pa­pier be­wer­tet hat.

Schlüs­sel­rol­le bei Kri­se

Die Ra­ting­fir­men sind im Zu­ge der Fi­nanz­kri­se stark in die Kri­tik ge­ra­ten. Denn sie las­sen sich von den Un­ter­neh­men be­zah­len, die sie be­wer­ten. Fer­ner be­rie­ten Ra­ting­agen­tu­ren vor Aus­bruch der Kri­se Ban­ken da­bei, mit Hy­po­the­ken be­si­cher­te Wert­pa­pie­re so zu bau­en, dass sie mög­lichst ho­he Ra­tings be­ka­men. Das soll­te In­ves­to­ren kö­dern. Als der US-Im­mo­bi­li­en­markt dann kol­la­bier­te, war­fen An­le­ger die Pa­pie­re aus dem De­pot. Ei­ne Ex­per­ten­kom­mis­si­on des US-Kon­gres­ses wies da­her den Ra­ting­agen­tu­ren ei­ne «Schlüs­sel­rol­le» für die glo­ba­le Fi­nanz­kri­se zu.

Ih­re Do­mi­nanz hat das nicht be­en­det. Laut der eu­ro­päi­schen Wert­pa­pier­auf­sicht Es­ma liegt der An­teil der Top-3-Agen­tu­ren in Eu­ro­pa bei über 90 Pro­zent. Doch Ma­nee­sh Wadhwa, Chef von SIX Ra­ting, sagt: «Wenn wir SIX Ra­ting rich­tig auf­zie­hen, be­steht die Mög­lich­keit, dass wir die Ra­ting­land­schaft nach­hal­tig be­ein­flus­sen kön­nen.»

Die­sen An­spruch lei­tet die SIX dar­aus ab, dass sie ih­re Ra­tings an­ders als die Kon­kur­renz pro­du­ziert. Bei den eta­blier­ten An­bie­tern ana­ly­sie­ren Fi­nanz­ex­per­ten die Bi­lan­zen und in­ter­view­en Ana­lys­ten das Top­ma­nage­ment, um sich ein Bild von den Zu­kunfts­aus­sich­ten zu ma­chen. Bei­de Ele­men­te flies­sen dann in die No­te zur Schuld­ner­qua­li­tät ein.

«Wir wol­len erst­mals bei­de Aspek­te mit ei­ner au­to­ma­ti­sier­ten Lö­sung ab­de­cken», er­klärt Wadhwa. Sprich: Die Sys­te­me der SIX ana­ly­sie­ren au­to­ma­ti­sier­te

Ge­schäfts­be­rich­te und das ver­füg­ba­re Zah­len­ma­te­ri­al. «Und für die qua­li­ta­ti­ven Ein­schät­zun­gen ana­ly­siert das Sys­tem al­le öf­fent­li­chen Äus­se­run­gen von Un­ter­neh­mens­lei­tern nach Aus­sa­gen, die für die Kre­dit­wür­dig­keit von Re­le­vanz sind.»

Güns­ti­ger und schnel­ler

Das au­to­ma­ti­sier­te Ra­ting hat die SIX ge­mein­sam mit dem Star­t­up Va­lue 3 ent­wi­ckelt, an dem der Bör­sen­be­trei­ber auch be­tei­ligt ist. Das neue Sys­tem soll zwei Vor­tei­le bie­ten: Die Ra­tings sol­len deut­lich güns­ti­ger als je­ne der Kon­kur­renz sein. Und schnel­ler. «Ei­ne klas­si­sche Ra­ting­agen­tur braucht rund vier Wo­chen für ein neu­es Ra­ting», sagt der Chef von SIX Ra­ting, «Wir kön­nen es in we­ni­ger als ei­ner Woche schaf­fen.»

Auch bei der Be­zah­lung geht SIX Ra­ting an­de­re We­ge – denn die Nut­zer, al­so In­ves­to­ren und Ban­ken, sol­len für den Di­enst zah­len, nicht die Emit­ten­ten, wie das bei den gros­sen US-Play­ern der Fall ist.

Das An­ge­bot der SIX zielt we­ni­ger auf Gross­kon­zer­ne wie Ro­che oder Swiss Re. Die­se wer­den wei­ter­hin nicht um­hin­kön­nen, ih­re Ra­tings bei den gros­sen Adres­sen zu be­stel­len, da­mit in­ter­na­tio­na­le Gross­in­ves­to­ren die Pa­pie­re kau­fen dür­fen.

Ei­ne Markt­lü­cke gibt es aber bei mit­tel­stän­di­schen Emit­ten­ten in der Schweiz. «Ge­ra­de für Schwei­zer An­lei­hen gibt es bis­her nur we­ni­ge Adres­sen, die Ti­tel be­no­ten, es sind die Fe­da­fin, Bank­ana­lys­ten und wir», sagt Re­né Her­mann, Part­ner der Schwei­zer Ra­ting­agen­tur In­de­pen­dent Cre­dit View. Der Auf­tritt der SIX wür­de den Markt be­le­ben, «das be­grüs­sen wir».

Doch es steckt mehr hin­ter dem neu­en An­ge­bot: Letzt­lich geht es dar­um, den ge­sam­ten An­lei­hen­han­del

in der Schweiz zu be­le­ben. «Gibt es mehr ge­lis­te­te An­lei­hen, flo­riert das Ge­schäft der SIX so­wie der Han­del bei den Ban­ken», er­klärt Her­mann. Und die Ban­ken sind Ei­gen­tü­mer der SIX.

Ge­ra­de bei klei­ne­ren Un­ter­neh­men er­stel­len der­zeit vor al­lem Ban­ken die An­lei­hen­ra­tings. Doch das se­hen Re­gu­lie­rer zu­neh­mend kri­tisch. So hat die EU­Bör­sen­auf­sicht in die­sem Jahr vier skan­di­na­vi­sche Ban­ken ge­rügt, weil sie oh­ne Zu­las­sung Ra­tings für Kun­den er­stellt hat­ten. In der Schweiz sind die Re­geln noch lo­cke­rer, An­bie­ter kön­nen sich von der Fin­ma an­er­ken­nen las­sen, es be­steht da­zu aber kein Zwang.

SIX Ra­ting strebt nach ei­ge­nen Aus­sa­gen «mit­tel­fris­tig» ei­ne Fin­ma-An­er­ken­nung an. Doch zu­nächst ein­mal muss sie zah­len­de Kun­den für den neu­en Ser­vice fin­den.

Ein Selbst­läu­fer wird das aber nicht. So er­gibt ei­ne Stich­pro­be bei Bank­häu­sern ein ge­misch­tes Bild. Ei­ne be­kann­te Zürcher Bank sagt, dass sie kei­nen Be­darf für ei­nen neu­en An­bie­ter se­he. Und die Ber­ner Va­li­ant er­klär­te: «Der neue An­bie­ter muss sich erst ein­mal eta­blie­ren.» Die an­ge­streb­te «Um­ge­stal­tung» der Ra­ting­land­schaft, sie scheint al­so noch in wei­ter Fer­ne zu lie­gen.

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