Die Ge­werk­schaft VPOD schert aus und tritt für ein Rah­men­ab­kom­men ein

Der Ver­band des Per­so­nals öf­fent­li­cher Di­ens­te will sich zum Rah­men­ab­kom­men mit der EU be­ken­nen. Er geht da­mit auf Dis­tanz zum Ge­werk­schafts­bund und zu des­sen de­zi­diert kri­ti­scher Hal­tung.

Zürcher Unterländer - - Vorderseit­e - Fa­bi­an Renz

Bis­lang wehr­ten sich die Ge­werk­schaf­ten prak­tisch ge­schlos­sen ge­gen den Rah­men­ver­trag mit der EU. Mit dem Ver­band des Per­so­nals öf­fent­li­cher Di­ens­te (VPOD) könn­te heu­te Sams­tag nun erst­mals ei­ne be­deu­ten­de Ge­werk­schaft auf ei­nen eu­ro­pa­freund­li­che­ren Kurs um­schwen­ken. Die VPOD-De­le­gier­ten stimmen an ih­rem Kon­gress über ein Po­si­ti­ons­pa­pier ab, das den Ab­schluss

ei­nes Rah­men­ab­kom­mens ver­langt. Die VPOD-Führung geht da­mit auf Dis­tanz zum Ge­werk­schafts­bund und sei­ner «un­kla­ren» Hal­tung zur EU. VPOD-Ge­ne­ral­se­kre­tär Ste­fan Gi­ger ver­gleicht die Si­tua­ti­on mit Gross­bri­tan­ni­en. «Die Br­ex­it-Ka­ta­stro­phe ist auch dar­auf zu­rück­zu­füh­ren, dass die dor­ti­ge Lin­ke nicht klar pro­eu­ro­pä­isch Stel­lung be­zieht.»

Im Mo­ment ist der Schwei­ze­ri­sche Ge­werk­schafts­bund (SGB) der wohl mäch­tigs­te eu­ro­pa­po­li­ti­sche Ak­teur des Lan­des. Das Rah­men­ab­kom­men mit der EU wä­re ver­mut­lich schon lan­ge un­ter­zeich­net, wür­de nicht der SGB mas­si­ve Kri­tik am aus­ge­han­del­ten Ver­trag üben. Dem Bun­des­rat wie den Par­tei­en ist klar: Wird das Rah­men­ab­kom­men so­wohl von den Ge­werk­schaf­ten als auch von der SVP be­kämpft, hat es kaum ei­ne Chan­ce in ei­ner­Volks­ab­stim­mung.

Bis­her tru­gen die dem SGB an­ge­schlos­se­nen Ge­werk­schaf­ten den Kurs ih­res Dach­ver­bands gröss­ten­teils wi­der­spruchs­los mit. Die­sen Sams­tag aber könn­te erst­mals ei­ne be­deu­ten­de Ge­werk­schaft aus der Op­po­si­ti­ons­front aus­sche­ren. Der Ver­band des Per­so­nals öf­fent­li­cher Di­ens­te (VPOD) be­han­delt an sei­nem Kon­gress in St. Gal­len ein Po­si­ti­ons­pa­pier zu Eu­ro­pa, das sich to­nal so­wie in­halt­lich von den SGBVer­laut­ba­run­gen un­ter­schei­det. «Der VPOD will, dass die Be­zie­hun­gen der Schweiz zur EU wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den», heisst es da­rin. «Län­ge­res Still­ste­hen wür­de die Schweiz als Werk­platz des In­dus­trie- und des Di­enst­leis­tungs­sek­tors zu­neh­mend von sei­ner Le­bens­ader ab­hän­gen.» Un­miss­ver­ständ­lich hält das Pa­pier fest, wie die not­wen­di­ge Wei­ter­ent­wick­lung zu ge­währ­leis­ten sei: mit ei­nem Rah­men­ver­trag.

Dass sich ei­ne gros­se Schwei­zer Ge­werk­schaft aus­drück­lich zum Rah­men­ab­kom­men be­kennt, wä­re ei­ne Pre­mie­re. Der SGB sah bis­her da­von ab, ei­nen Rah­men­ver­trag als er­stre­bens­wer­tes Ziel hin­zu­stel­len. Mit Ve­he­menz wies er statt­des­sen dar­auf hin, dass der aus­ge­han­del­te Text die flan­kie­ren­den Mass­nah­men zum Schutz des hie­si­gen Ar­beits­markts der EU-Ge­richts­bar­keit preis­ge­be.

VPOD-Ge­ne­ral­se­kre­tär Ste­fan Gi­ger möch­te ein an­de­res Si­gnal aus­sen­den. Er be­män­gelt, dass es der SGB in der Eu­ro­pa­po­li­tik an ei­ner kla­ren Hal­tung feh­len las­se. Ein ab­schre­cken­des Bei­spiel ist für ihn Gross­bri­tan­ni­en. «Die Br­ex­it-Ka­ta­stro­phe ist auch dar­auf zu­rück­zu­füh­ren, dass die dor­ti­ge Lin­ke nicht klar pro­eu­ro­pä­isch Stel­lung be­zieht.» Ein sol­ches Sze­na­rio gel­te es hier zu ver­hin­dern, sagt Gi­ger. Das Rah­men­ab­kom­men sei ein Muss.

«Ab­kom­men ist oh­ne­hin tot»

Zur heik­len Fra­ge, ob das Ab­kom­men in der vor­lie­gen­den Form un­ter­zeich­net wer­den soll­te, äus­sert sich Gi­ger in­des nicht ab­schlies­send. Auch das Po­si­ti­ons­pa­pier geht dar­auf nicht ein. Gi­ger ist grund­sätz­lich der An­sicht, dass das vor­lie­gen­de Ab­kom­men «oh­ne­hin tot» sei und neue Ge­sprä­che mit der EU nö­tig sei­en. Und wie der SGB fin­det er, dass es beim Lohn­schutz noch Ver­bes­se­run­gen brau­che. Er hält ei­ne Ei­ni­gung aber für mög­lich, zu­mal die EU nun von ei­ner neu­en Kom­mis­si­on ge­führt wer­de. An­ders als der SGB wür­de er sich Kom­pro­mis­sen nicht völ­lig ver­schlies­sen: Flan­kie­ren­de Mass­nah­men wie et­wa die so­ge­nann­te 8-Ta­ge­Re­gel wür­den in der Pra­xis von man­chen Kan­to­nen heu­te schon «fle­xi­bler» an­ge­wandt.

Letzt­lich will die VPOD-Führung nach Gi­gers Aus­sa­ge vor al­lem «Klar­heit über das Ziel: ein ge­re­gel­tes Ver­hält­nis zur EU mit ei­nem Rah­men­ver­trag». Noch muss sich wei­sen, ob die De­le­gier­ten hin­ter der Stra­te­gie ste­hen. Ein An­trag aus der Ro­man­die möch­te et­wa das Rah­men­ab­kom­men als Ziel aus dem Pa­pier strei­chen. Gi­ger ist aber zu­ver­sicht­lich, ei­ne Mehr­heit zu fin­den.

Soll­te die Wen­de des VPOD an­de­re Ge­werk­schaf­ten zu mehr Ko­ope­ra­ti­ons­wil­len ge­gen­über der EU er­mu­ti­gen, wür­de das die Be­für­wor­ter des Rah­men­ab­kom­mens stär­ken. Beim SGB will man von ei­nem in­halt­li­chen Dis­sens nichts wis­sen. To­na­li­tät und Ak­zen­te könn­ten sich je nach ver­tre­te­ner Kli­en­tel von Ge­werk­schaft zu Ge­werk­schaft un­ter­schei­den, so SGB-Zen­tral­se­kre­tär Daniel Lam­part. «Die Be­schluss­la­ge ist aber ein­deu­tig: Al­le un­se­re Po­si­tio­nen zum Rah­men­ab­kom­men wur­den durch un­se­re Mit­glie­der ein­stim­mig ge­fasst.»

Foto: Oli­vier Hos­let (Keystone)

Der Schwei­zer Fi­nanz­mi­nis­ter Mau­rer un­ter­hält sich in Brüs­sel mit sei­nem dä­ni­schen Amts­kol­le­gen Ni­co­lai Wam­men.

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