«Ja voll, Mann»: Ein Team der Uni­ver­si­tät Zü­rich un­ter­sucht den Ju­gend-Slang

«Ju­go­tüütsch» und «Bal­kan-Slang»: Das weiss die Wis­sen­schaft über die Ju­gend­spra­che.

Zürcher Unterländer - - Vorderseit­e - Heinz Zürcher Vi­de­os und Ton­auf­nah­men im On­li­ne­ar­ti­kel.

Wie die Ju­gend­li­chen heu­te spre­chen, nervt die ei­nen und fas­zi­niert die an­de­ren. Ste­phan Schmid vom Pho­ne­ti­schen La­bo­ra­to­ri­um der Uni Zü­rich und sein Team sind das The­ma ganz emo­ti­ons­los an­ge­gan­gen. Sie ha­ben Zürcher Schü­le­rin­nen und Schü­ler in­ter­viewt und sind dar­an, die Auf­nah­men aus­zu­wer­ten. Da­bei ha­ben sie un­ter an­de­rem die gram­ma­ti­schen Merk­ma­le und die Aus­spra­che des Slangs ana­ly­siert. Da­bei fällt auf, dass teils auf Prä­po­si­tio­nen und Ar­ti­kel ver­zich­tet wird und ver­ein­zel­te Kon­so­nan­ten stimm­haft aus­ge­spro­chen wer­den. Ge­prägt wur­de die Um­gangs­spra­che von Se­con­dos aus dem Bal­kan. Längst ist sie aber auch un­ter Te­enagern oh­ne Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund zu hö­ren. Schmid fin­det das un­be­denk­lich.

«Ja, voll Mann», sagt Ste­phan Schmid und ver­zieht kei­ne Mie­ne. Der wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter am Pho­ne­ti­schen La­bo­ra­to­ri­um der Uni­ver­si­tät Zü­rich imi­tiert Ju­gend­spra­che so prä­zi­se, dass er pro­blem­los in ei­ner Grup­pe von Te­enagern um den cools­ten Slang wett­ei­fern könn­te. Denn dar­um geht es da­bei meis­tens: um Cool­ness, Pro­vo­ka­ti­on, Ab­gren­zung, Iden­ti­tät und Kul­tur – aber auch um Krea­ti­vi­tät und Hu­mor.

Schmid und sein Team er­for­schen die Sprech­wei­se – in der Fach­spra­che Mul­ti­eth­n­o­lekt ge­nannt – seit zwei Jah­ren. Da­zu ha­ben sie in der Stadt Zü­rich zwei Schul­klas­sen be­sucht und 48 Sek­schü­ler ins Mi­kro­fon spre­chen las­sen. Die meis­ten ha­ben Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund.

Merk­ma­le des Slangs

Ei­ner wei­te­ren Klas­se wur­den die Ton­auf­nah­men vor­ge­spielt. Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler soll­ten sie den je­wei­li­gen Spre­che­rin­nen und Spre­chern zu­ord­nen. «Es war ver­blüf­fend, wie gut sie das konn­ten», sagt Schmid. Spra­che ver­rät viel über die Her­kunft, aber auch über den so­zia­len Hin­ter­grund. Mitt­ler­wei­le wer­den die Auf­nah­men und Da­ten aus­ge­wer­tet. In ei­nem Jahr wird das For­schungs­pro­jekt ab­ge­schlos­sen.

Was sind die Merk­ma­le die­ses Slangs, der heu­te auch von Kin­dern und Ju­gend­li­chen oh­ne Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund über­nom­men wird? Und wie wirkt er sich auf die Zürcher Mun­d­art aus?

Una Schnup­per­lehr

Zu­nächst ein­mal ist das Phä­no­men nicht zu ver­wech­seln mit der Sprach­mi­schung, die man seit den 1960er-Jah­ren teils un­ter ita­lie­ni­schen Ein­wan­de­rern hört. Die­se zeich­net sich da­durch aus, dass Ita­lie­nisch und Schwei­zer­deutsch in ein und dem­sel­ben Satz ver­wen­det wer­den. Zum Bei­spiel: «Nel­la ter­za Sek ho fat­to una Schnup­per­lehr», wie es in der Ton­auf­nah­me ei­ner Ita­lie­ne­rin aus den 80er-Jah­ren heisst. In die­sem Fall spricht man nicht von Eth­n­o­lekt, son­dern von Co­de Swit­ching.

Os­man und die Eh­re

Die Um­gangs­spra­che, die heu­te un­ter Ju­gend­li­chen vor­herrscht, tauch­te erst­mals um die Jahr­tau­send­wen­de in Deutsch­schwei­zer Städ­ten auf. Ge­prägt wur­de sie von Ju­gend­li­chen, de­ren El­tern aus dem ehe­ma­li­gen Ju­go­sla­wi­en in die Schweiz ge­zo­gen wa­ren. Zu­erst wur­de sie von den Me­di­en auf­ge­grif­fen, es fie­len erst­mals die Be­grif­fe «Bal­kan-Slang» und «Ju­go­tüütsch». Kult­sta­tus er­lang­te ein 18-Jäh­ri­ger na­mens Os­man, der 2001 in der TV3-Sen­dung «Fohr­ler Live» zu Ju­gend und Ge­walt sprach. Sein Satz «Ja will ich ha Eh­re Mann» wur­de tau­send­fach zi­tiert. Dass der Slang so tönt, wie er tönt, hat nicht nur mit der frem­den Erst­spra­che der Ju­gend­li­chen zu tun. Laut Schmid geht es um mehr: «Die teils ab­sicht­li­chen gram­ma­ti­ka­li­schen Feh­ler kön­nen als Aus­druck ei­ner ju­gend­li­chen Auf­müp­fig­keit ge­gen das ver­stan­den wer­den, was die Ju­gend­li­chen als ‹Bünz­li-Schwei­ze­risch› be­trach­ten.»

Kein Wort zu viel

Ne­ben Ge­sprächs­wör­tern wie bei­spiels­wei­se «Hey, Mann» zählt der Ver­zicht auf Prä­po­si­tio­nen zu den Merk­ma­len des Schwei­zer­deut­schen Eth­n­o­lekts. Das zeigt sich et­wa beim oft ge­hör­ten und par­odier­ten «Göm­mer Bahn­hof», bei dem die Prä­po­si­ti­on «zum» be­wusst weg­ge­las­sen wird. Das­sel­be gilt für die Ar­ti­kel. Zum Bei­spiel: «Ba­by schlaft no» statt «S Ba­by schlaft no» oder «Isch Fä­ler gsi» statt «Isch en Fäh­ler gsi». Das könn­te ge­mäss Schmid da­mit zu­sam­men­hän­gen, dass et­wa im Al­ba­ni­schen kei­ne un­be­stimm­ten Ar­ti­kel vor­kom­men. «Man fischt qua­si im Teich der Mut­ter­spra­che.»

Das wei­che G

Ein wei­te­res Merk­mal ist die stimm­haf­te Aus­spra­che der Kon­so­nan­ten «b», «d» und «g» und die Be­to­nung des «s» am Wort­an­fang. Bei «Göm­mer Bahn­hof» wird das «g» ganz weich aus­ge­spro­chen, bei «ss­so doof» wird der Wort­an­fang da­ge­gen um­so stär­ker her­vor­ge­ho­ben. Auch Ge­schlecht und Fall (Ge­nus und Ka­sus) wer­den teils ver­nach­läs­sigt oder falsch an­ge­wen­det: «dä Tram», «si hät mich aglü­te». Ei­ne wei­te­re Ei­gen­heit der Aus­spra­che ist ein ge­wis­ser Stac­ca­toRhyth­mus.

Al­ba­ner wie Eri­tre­er

Zwar ha­ben Se­con­dos aus dem Bal­kan die neue Sprech­wei­se ge­prägt. Doch längst ha­ben sie auch Ju­gend­li­che mit El­tern aus Eri­trea, Pa­kis­tan oder Ni­ge­ria über­nom­men. Un­ter­schie­de sind da­bei kaum aus­zu­ma­chen.

Mi­ke Mül­ler, der Meis­ter

Die Wis­sen­schaft un­ter­schei­det zwi­schen pri­mä­rem, se­kun­dä­rem und ter­tiä­rem Eth­n­o­lekt. Der pri­mä­re wird Ju­gend­li­chen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund zu­ge­schrie­ben, der ter­tiä­re sol­chen oh­ne Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund. Sie über­neh­men den Slang al­so eher im Sin­ne ei­nes Sprach­spiels – oder um sich ei­ner Grup­pe an­zu­schlies­sen. Von se­kun­dä­rem Eth­n­o­lekt spricht man, wenn der pri­mä­re Eth­n­o­lekt mit Über­trei­bun­gen ad ab­sur­dum ge­führt wird, et­wa durch Ko­mi­ker. Als Meis­ter des se­kun­dä­ren Eth­n­o­lekts gilt Mi­ke Mül­ler, der be­reits 2004 am Schwei­zer Fern­se­hen als «Herr Be­ri­sha» ei­nen Spe­zia­lis­ten für Ju­gend­spra­che spiel­te.

Nur ein Kli­schee?

Si­cher sei es so, dass Mul­ti­eth­n­o­lekt eher in der Sek C als am Un­ter­gym­na­si­um ge­spro­chen wer­de, sagt Schmid. «Aber auch dort hört man es.» Er warnt da­vor, Ju­gend­li­che auf ih­re Sprech­wei­se zu re­du­zie­ren. «Sie set­zen sie teils be­wusst als sti­lis­ti­sches Mit­tel ein. Und man kann dies durch­aus als Aus­druck von Krea­ti­vi­tät und ei­ner ge­wis­sen metasprach­li­chen Kom­pe­tenz ver­ste­hen.» Schmid kann sich gut vor­stel­len, dass Ju­gend­li­che den Slang mit der Zeit ab­le­gen und je nach Ge­gen­über fä­hig sind, zwi­schen «Göm­mer Bahn­hof» und «Mir gönd zum Bahn­hof» zu wech­seln. Aus­spra­che kön­ne man än­dern, auch als Er­wach­se­ner. «Wer von Zü­rich nach Bern zieht, ist oft auch fä­hig, den neu­en Dia­lekt an­zu­neh­men.»

«Es ist durch­aus mög­lich, dass der Slang wie­der ver­schwin­den wird wie ei­ne Mo­de.»

Ste­phan Schmid Pho­ne­ti­sches La­bo­ra­to­ri­um der Uni­ver­si­tät Zü­rich

Straattaal und Ke­bab-Norsk

Eth­n­o­lekt kennt man nicht nur in der Schweiz. Früh er­forscht wur­de er in den USA, wo ihn vor al­lem Ein­wan­de­rer aus Latein­ame­ri­ka präg­ten. Aber auch in Eu­ro­pa ist er weit ver­brei­tet. Die je­wei­li­gen Be­zeich­nun­gen ver­wei­sen meist auf Kli­schees, Ste­reo­ty­pen und Her­kunfts­re­gio­nen. So kennt man beim nörd­li­chen Nach­barn das Tür­ken­deutsch, in den Nie­der­lan­den die «Straattaal» (Stras­sen­spra­che) und in Nor­we­gen das Ke­bab-Norsk.

Kei­ne Ver­ar­mung der Spra­che

Kri­ti­ker be­fürch­ten, dass der Eth­n­o­lekt das Zü­ri­tüütsch be­ein­flusst oder gar ver­drängt. Von Ver­lu­de­rung und Ver­ar­mung der ein­hei­mi­schen Mun­d­art ist teils die Re­de. Schmid gibt zu be­den­ken, dass et­wa der Ver­zicht auf Prä­po­si­ti­on und Ar­ti­kel noch kei­ne Ver­ar­mung der Spra­che be­deu­te. «Auch im Rus­si­schen gibt es kei­ne Ar­ti­kel – und das ist im­mer­hin ei­ne Welt­spra­che.» Ausserdem sei es durch­aus mög­lich, dass der Slang wie­der ver­schwin­den wer­de wie ei­ne Mo­de. «Sprach­wan­del gab es schon im­mer», sagt er. «Und vor al­lem lässt er sich nicht auf­hal­ten.»

Foto: Ni­co­la Pi­ta­ro

Sprach­li­che Feh­ler als Auf­müp­fig­keit ge­gen das «Bünz­li-Schwei­ze­ri­sche»? Ju­gend­li­che am Haupt­bahn­hof Zü­rich.

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