Von der Ent­po­li­ti­sie­rung zur Kli­ma­de­mons­tra­ti­on

Es geht ein Jahr zu En­de, in dem viel und oft de­mons­triert wur­de. Im Vor­der­grund stan­den Kli­ma und Gen­der. Po­li­to­lo­ge Micha­el Her­mann er­klärt die Un­ter­schie­de zu frü­he­ren po­li­ti­schen Be­we­gun­gen.

Zürcher Unterländer - - Vorderseit­e - Tho­mas Marth

Zü­rich In der Stadt Zü­rich fan­den 2018 und 2019 mar­kant mehr De­mons­tra­tio­nen und Kund­ge­bun­gen statt. Wäh­rend Um­fra­gen von 2016 noch zeig­ten, dass sich im­mer we­ni­ger Ju­gend­li­che vor­stel­len konn­ten, sich po­li­tisch zu en­ga­gie­ren, kam mit dem Hit­ze­som­mer 2018 das grosse Um­den­ken. Zu­dem las­sen sich De­mos mit dem In­ter­net so leicht or­ga­ni­sie­ren wie noch nie. Der

Po­li­to­lo­ge Micha­el Her­mann sieht in der ak­tu­el­len De­mons­tra­ti­ons­lust das An­bre­chen ei­nes neu­en po­li­ti­schen Zy­klus. Auf­fäl­lig sei, dass Ju­gend­be­we­gun­gen frü­her meist auch ge­walt­tä­tig ge­we­sen sei­en, heu­te an den Kli­ma­de­mos aber gan­ze Fa­mi­li­en mit­mar­schier­ten. Da­bei prall­ten kei­ne Ge­gen­sät­ze zwi­schen Ge­ne­ra­tio­nen auf­ein­an­der, sagt Her­mann.

Be­reits im Herbst hat­ten in Zü­rich mehr De­mons­tra­tio­nen statt­ge­fun­den als im Vor­jahr. Da­bei war schon 2018 ein mar­kan­ter An­stieg zu ver­zeich­nen ge­we­sen. 72 De­mons­tra­tio­nen und 232 Kund­ge­bun­gen wur­den 2018 ge­zählt. Für das lau­fen­de Jahr weist die Sta­tis­tik der Stadt­po­li­zei per 20. Ok­to­ber 78 De­mons­tra­tio­nen und 161 Kund­ge­bun­gen aus (Aus­ga­be vom Sams­tag). Zum Ver­gleich: 2005 gab es 27 Kund­ge­bun­gen und 20 De­mons­tra­tio­nen. Micha­el Her­mann, Po­li­to­lo­ge und Lei­ter der For­schungs­stel­le So­to­mo, sieht in der ge­stei­ger­ten De­mons­tra­ti­ons­freu­de das An­bre­chen ei­nes neu­en po­li­ti­schen Zy­klus.

Seit zwei Jah­ren wird deut­lich mehr de­mons­triert in Zü­rich. Was ist pas­siert?

Micha­el Her­mann: Zwei grosse The­men stürm­ten die po­li­ti­sche Büh­ne: Kli­ma und Gen­der. Sie ha­ben die Ju­gend be­wegt, aber auch Äl­te­re. Bis da­hin war von ei­ner zu­neh­men­den Ent­po­li­ti­sie­rung der Jun­gen die Re­de. Er­staun­lich ist, wie plötz­lich die­se Wen­de kam.

Tat­säch­lich. In ei­nem In­ter­view 2016 zu aus­blei­ben­den Pro­tes­ten ge­gen das WEF stell­ten Sie noch De­mons­tra­ti­ons­mü­dig­keit und Re­si­gna­ti­on fest.

Um­fra­gen zeig­ten da­mals, dass sich im­mer we­ni­ger Ju­gend­li­che vor­stel­len konn­ten, sich po­li­tisch zu en­ga­gie­ren oder an ei­ner De­mo teil­zu­neh­men. Mit dem Hit­ze­som­mer 2018 hat dann ein gros­ses Um­den­ken ein­ge­setzt.

Aber das The­ma schwel­te be­reits län­ger.

Ganz klar, es wuchs ei­ne neue Ge­ne­ra­ti­on her­an. Die Jun­gen merk­ten, dass das Kli­ma sie ganz be­son­ders et­was an­geht.

Lässt sich das ein­ord­nen?

Po­li­tik fin­det in gros­sen Zy­klen statt. In den 1960ern und 1970ern wa­ren die Jun­gen letzt­mals sehr po­li­tisch und hat­ten da­mit ei­nen gros­sen Wer­te­wan­del in der Ge­sell­schaft aus­ge­löst. Be­reits ab den 1980ern sprach man von ei­ner Ent­po­li­ti­sie­rung der Ju­gend. Der Zeit­geist dreh­te ins Rechts­bür­ger­li­che, mit Rea­gan, That­cher und Papst Woy­ti­la. In den 1990ern gab es den li­be­ra­len, bür­ger­lich ge­präg­ten Auf­bruch. In den Nul­ler­jah­ren wur­den dann ge­ra­de auch die Jun­gen ver­mehrt kon­ser­va­tiv. Der Gr­a­ben Jung–Alt eb­ne­te sich ein, die Jun­gen wähl­ten plötz­lich SVP. Nun scheint ein neu­er Zy­klus an­ge­bro­chen zu sein, wohl auch als Re­ak­ti­on auf die lan­ge na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ve Pha­se da­vor.

Und al­les we­gen des Kli­mas.

Ich den­ke, dass auch die Er­fol­ge des Rechts­po­pu­lis­mus vie­le wach­ge­rüt­telt ha­ben. In der Schweiz se­he ich in der Re­ak­ti­on auf das Ja zur Mas­sen­ein­wan­de­rungs­in­itia­ti­ve der SVP von 2014 ei­nen ers­ten Im­puls zu die­ser Wen­de.

Aber die Kli­ma­ju­gend gibt sich be­tont über­par­tei­lich.

Kli­ma­wan­del an sich ist kein lin­kes The­ma. Es geht al­le an. Al­le Be­fra­gun­gen zei­gen aber, dass es Leu­te links der Mit­te mehr be­schäf­tigt. Grund­sätz­lich sind De­mons­tra­tio­nen von rechts eher sel­ten – mit Aus­nah­men im Aus­land wie zum Bei­spiel Pe­gi­da in Deutsch­land oder die Gelb­wes­ten in Frank­reich.

Auch in Zü­rich gab es 2019 zwei De­mos von Gelb­wes­ten.

Aber die Mas­sen ha­ben sie nicht an­ge­zo­gen. Das wa­ren die De­mons­tra­tio­nen fürs Kli­ma und für die Gleich­stel­lung mit dem Frau­en­streik im Ju­ni als Hö­he­punkt. Auch bei der Gleich­stel­lung las­sen sich Lin­ke üb­ri­gens ver­mehrt be­we­gen. Aber, und das ist wich­tig zu se­hen: Die po­li­ti­sche Prä­gung der heu­ti­gen Be­we­gun­gen ist an­ders als noch bei den Pro­tes­ten ge­gen WEF und Glo­ba­li­sie­rung. Es geht nun we­ni­ger um grund­sätz­li­che Sys­tem­kri­tik. Das gilt auch im Ver­gleich zu den 1970ern, als das ers­te Mal breit für Ge­sell­schafts­the­men, Um­welt und ge­gen AKW de­mons­triert wur­de. Da­mals pro­pa­gier­ten die neu­en so­zia­len Be­we­gun­gen ei­ne fun­da­men­ta­le Ab­kehr von der bür­ger­li­chen Kon­sum­ge­sell­schaft. Die heu­ti­gen Be­we­gun­gen ver­tre­ten zwar ähn­li­che post­ma­te­ri­el­le Wer­te, sind aber viel zah­mer und wir­ken da­mit brei­ter.

Auf­fäl­lig sind die Slo­gans auf Eng­lisch. Die De­mos in Zü­rich un­ter­schei­den sich kaum von sol­chen an­ders­wo in der Welt.

Ab­so­lut, das ist auch et­was Neu­es an heu­ti­gen Be­we­gun­gen. Sie sind glo­ba­li­siert. Und so ent­steht dann so et­was wie ein Zürcher Fran­chise für Fri­days for Fu­ture. Das ist ein sehr grund­le­gen­der Wan­del. Zy­klen und Zei­ten­wen­den wie 1968 fan­den zwar stets über­na­tio­nal statt, aber eher in dem Sin­ne, dass gleich­zei­tig an ver­schie­de­nen Or­ten die glei­chen The­men auf­ka­men. Neu ist, dass vie­les in­ter­na­tio­nal ko­or­di­niert ist und man sich ge­gen­sei­tig ko­piert – die Kli­ma­be­we­gung als glo­ba­le Mar­ke. Da­mit wird sie gleich­för­mig, er­hält aber auch zu­sätz­li­che Stär­ke.

Na­tio­na­le Al­lein­gän­ge brin­gen nichts mehr?

Je nach­dem schon. Das sieht man am Gen­der­the­ma. Zwar gibt es auch hier #MeToo als glo­ba­le Mar­ke, die ak­tu­el­le Gleich­stel­lungs­be­we­gung ist je­doch ein sehr schwei­ze­ri­sches Phä­no­men. Das liegt zum ei­nen dar­an, dass wir da be­son­de­ren Nach­hol­be­darf ha­ben, zum Bei­spiel was die El­tern­zeit be­trifft. Zum an­de­ren gab es mit dem Frau­en­streik von 1991 auch ei­nen Schwei­zer An­knüp­fungs­punkt. Bei den na­tio­na­len Wah­len im Ok­to­ber ha­ben sich die Pro­tes­te ja auch aus­be­zahlt. Die Frau­en­quo­te im Par­la­ment stieg sprung­haft.

Auch in­ter­na­tio­na­le Kon­flik­te lö­sen De­mons­tra­tio­nen und Kund­ge­bun­gen aus. Die Kur­den et­wa gin­gen in Zü­rich mehr­mals auf die Stras­se. Aber auch für Ve­ga­nis­mus, ge­gen Ab­trei­bung oder ge­gen rech­te Het­ze wur­de de­mons­triert.

Das sind klas­si­sche De­mons­tra­tio­nen, wie es sie im­mer schon gab. Ob es mehr sind als auch schon, kann ich nicht sa­gen. Die De­mons­tra­tio­nen von un­ter­schied­li­chen Volks­grup­pen wi­der­spie­geln auch den Sta­tus von Zü­rich als glo­ba­li­sier­te Gross­stadt.

Mit dem In­ter­net und sei­ner Reich­wei­te – war­um geht man da noch auf die Stras­se?

Zu­nächst ein­mal ist es so, dass mit dem In­ter­net De­mons­tra­tio­nen ein­fa­cher zu or­ga­ni­sie­ren sind. Twit­ter und wei­te­re Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel wa­ren zum Bei­spiel auch wich­tig für den Ara­bi­schen Früh­ling oder heu­te im Iran oder in der Tür­kei. Und in­dem man auf die Stras­se geht, wird der Pro­test auch greif­bar. Ein Pro­test­zug mit ei­ni­gen Tau­send Leu­ten macht Ein­druck. Und ei­ne For­de­rung er­hält da­mit Ge­wicht, auch wenn es sich um das An­lie­gen ei­ner Min­der­heit

han­delt. In re­pres­si­ven Sys­te­men kann dann al­ler­dings auch ei­ne stär­ke­re Un­ter­drü­ckung die Fol­ge sein.

Wenn auch mehr de­mons­triert wird heut­zu­ta­ge – so doch meist fried­lich, zu­min­dest in un­se­ren Brei­ten­gra­den.

Auch das ist auf­fäl­lig. Ge­ra­de Ju­gend­be­we­gun­gen hat­ten frü­her meist auch sehr ge­walt­tä­ti­ge Sei­ten – Stich­wor­te: Glo­bus­kra­wall, «Zü­ri brännt», Wohl­groth-Be­set­zung. Nun hat ge­wis­ser­mas­sen ei­ne Zi­vi­li­sie­rung in der De­mons­tra­ti­ons­kul­tur ein­ge­setzt. Auch um den 1. Mai ist es in den letz­ten Jah­ren recht ru­hig ge­wor­den. An den Kli­ma­de­mos lau­fen oft gan­ze Fa­mi­li­en mit.

Wie in­ter­pre­tie­ren Sie das?

Das heisst, der Kli­ma­kon­flikt äus­sert sich zwar auch als Ge­ne­ra­tio­nen­fra­ge. Aber es pral­len kei­ne un­über­brück­ba­re Ge­gen­sät­ze zwi­schen den Ge­ne­ra­tio­nen auf­ein­an­der. Die Ju­gend­li­chen ren­nen ja teils of­fe­ne Tü­ren ein bei ih­ren El­tern. Von die­sen freu­en sich nicht we­ni­ge, an frü­he­re be­weg­te Zei­ten an­knüp­fen zu kön­nen.

«Ge­ra­de Ju­gend­be­we­gun­gen hat­ten frü­her meist auch sehr ge­walt­tä­ti­ge Sei­ten.» Micha­el Her­mann Po­li­to­lo­ge

Nüt­zen De­mos?

Für die Frau­en und die Kli­ma­be­we­gung ist es in der Schweiz nun ja ide­al ge­lau­fen. Die Wah­len im Ok­to­ber brach­ten ei­ne mas­si­ve Stär­kung der Frau­en und des öko­lo­gi­schen La­gers. Die Ener­gie von Pro­test­be­we­gun­gen lässt sich nicht ewig auf­recht­er­hal­ten. So konn­ten die An­lie­gen die­ser Be­we­gun­gen nun per­fekt ge­timet und im Eil­tem­po in die In­sti­tu­tio­nen ein­ge­speist wer­den.

Fo­to: Urs Jau­das

Kli­ma­de­mons­tra­ti­on in der Zürcher In­nen­stadt am Black Fri­day letz­te Wo­che.

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