Ur­teil gibt «An­lass zu Dis­kus­sio­nen»

Den Frei­spruch für die Lau­san­ner Kli­maak­ti­vis­ten führt der ehe­ma­li­ge Bun­des­rich­ter Ni­k­laus Ober­hol­zer auf den ge­sell­schaft­li­chen Wan­del zu­rück. Ein po­li­ti­sches Ur­teil sieht er dar­in aber nicht.

Zürcher Unterländer - - Vorderseit­e - Phil­ip­pe Rei­chen,

Lau­sanne Das Ur­teil zu­guns­ten der Lau­san­ner Kli­maak­ti­vis­ten von Mon­tag löst kon­tro­ver­se Re­ak­tio­nen aus. Die Staats­an­walt­schaft will das Ur­teil an­fech­ten. Der ehe­ma­li­ge Bun­des­rich­ter Ni­k­laus Ober­hol­zer be­zeich­net den Frei­spruch in un­se­rem Interview als «mu­tig» und «ju­ris­tisch sorg­fäl­tig be­grün­det». Das Ur­teil be­deu­te aber kei­nes­wegs, dass je­der sein «Recht in die ei­ge­nen Hän­de neh­men darf.» Ges­tern be­setz­ten Lau­san­ner Kli­maak­ti­vis­ten ei­ne UBS-Fi­lia­le.

Kli­maak­ti­vis­ten de­mons­trier­ten 2018 im Vor­raum ei­ner Bank­fi­lia­le. Die Staats­an­walt­schaft sah dar­in Haus­frie­dens­bruch. Am Mon­tag wur­den sie frei­ge­spro­chen, weil Ein­zel­rich­ter Phil­ip­pe Co­le­lough in der Kli­ma­kri­se ei­nen «recht­fer­ti­gen­den Not­stand» sieht. Kön­nen Sie den Ent­scheid nach­voll­zie­hen?

Oh­ne wei­te­res. Die Be­grün­dung leuch­tet ein. Der Ent­scheid ist aber kein Frei­pass für ir­gend­wel­che Ak­tio­nen.

Doch er weckt Emo­tio­nen. Von ei­nem rein po­li­ti­schen Ent­scheid ist die Re­de.

Rein po­li­ti­sche Ent­schei­de wur­den zu Sta­lins Zeit in so­ge­nann­ten ver­klei­de­ten Straf­pro­zes­sen, al­so Schau­pro­zes­sen, ge­fällt. Der Frei­spruch der Lau­san­ner Kli­maak­ti­vis­ten hal­te ich ju­ris­tisch für sorg­fäl­tig be­grün­det. Aber na­tür­lich hat das Straf­recht an sich im­mer ei­ne po­li­ti­sche Kom­po­nen­te. Wo­für wir be­straft wer­den, ist auch ei­ne po­li­ti­sche Fra­ge. Er­eig­nis­se wer­den zu un­ter­schied­li­chen Zei­ten an­ders be­ur­teilt. In Zei­ten des Kal­ten Kriegs hät­te ein Rich­ter die Kli­maak­ti­vis­ten wohl ver­ur­teilt.

Was ist ein «recht­fer­ti­gen­der Not­stand»?

Es geht dar­um, dass je­mand sein ei­ge­nes Rechts­gut oder das Gut ei­nes an­de­ren ret­tet, weil ei­ne un­mit­tel­ba­re, nicht an­ders ab­wend­ba­re Ge­fahr droht oder hö­he­re In­ter­es­sen ge­wahrt wer­den kön­nen. Das kann bei ei­ner Ehe­frau der Fall sein, die ih­ren schwer ver­letz­ten Ehe­mann mit über­setz­ter Ge­schwin­dig­keit ins Spi­tal fährt und da­bei Rot­lich­ter über­fährt.

Wie be­ur­teilt das Bun­des­ge­richt in sei­ner Recht­spre­chung den Not­stand?

Zu­rück­hal­tend. En­de der 1990er­Jah­re blo­ckier­ten Gre­en­peace­Ak­ti­vis­ten wäh­rend elf Ta­gen die Zu­fahrt und die Werk­glei­se zu den Atom­kraft­wer­ken in Gös­gen, Leib­stadt und Bez­nau. Die Ak­ti­vis­ten be­nütz­ten tech­ni­sche Hilfs­mit­tel und blie­ben elf Ta­ge lang. Das Bun­des­ge­richt sah in die­sem Fall kei­nen Recht­fer­ti­gungs­grund. An­ders als im Fall von Stu­den­ten, die vor ei­ner Fa­kul­täts­sit­zung ein Sit­zungs­zim­mer blo­ckier­ten. Der Streik dau­er­te fünf bis zehn Mi­nu­ten. Die Hoch­schu­le ver­klag­te die Stu­den­ten we­gen Nö­ti­gung, doch das Ge­richt schütz­te die Kla­ge nicht. Das Bun­des­ge­richt ver­folgt im Fall des recht­fer­ti­gen­den Not­stands nicht im­mer ei­ne ganz kla­re Li­nie.

Hal­ten Sie den Ent­scheid von Rich­ter Co­le­loughs für mu­tig?

Ja. Da­bei hal­te ich es aber mit dem ver­stor­be­nen Zürcher Straf­rechts­pro­fes­sor

Pe­ter Noll, der kri­tisch an­merk­te: «Schon braucht es of­fen­bar wie­der Mut, ein gu­ter Rich­ter zu sein.» Ein Rich­ter muss ei­ne sach­ge­rech­te Lö­sung fin­den und nicht sei­nen Ent­scheid da­nach aus­rich­ten, was der Öf­fent­lich­keit ge­fällt.

Die An­wäl­te der Ak­ti­vis­ten spre­chen gar von ei­nem his­to­ri­schen Ur­teil.

Es ist si­cher ein Ur­teil, das auf­hor­chen lässt und aus ver­ständ­li­chen Grün­den An­lass zu Dis­kus­sio­nen gibt. Es ist aber die Auf­ga­be der Recht­spre­chung, auf ver­än­der­te Si­tua­tio­nen zu re­agie­ren und sich ei­nem Wan­del an­zu­pas­sen.

Sie mei­nen den Kli­ma­wan­del.

Im vor­lie­gen­den Fall, ja. Aber das gilt auch für das Ehe-, Fa­mi­li­en­und Kin­der­recht. Ich er­in­ne­re mich an den Mo­ment, als die

St. Gal­ler Jus­tiz das Kon­ku­bi­nats­ver­bot kipp­te, ob­schon das Ver­bot noch im Ge­setz war.

Stel­len wir uns vor, rech­te Ak­ti­vis­ten wür­den aus Pro­test ge­gen das Schwei­zer En­ga­ge­ment ge­gen die Flücht­lings­kri­se ins Staats­se­kre­ta­ri­at für Mi­gra­ti­on zie­hen und Brat­würs­te bra­ten. Lies­se sich dies in der Lo­gik des Lau­san­ner Ent­scheids eben­falls mit ei­nem «Not­stand» recht­fer­ti­gen?

Mit dem wo­chen­lan­gen Ge­ruch nach Brat­würs­ten in ei­nem Ver­wal­tungs­ge­bäu­de wür­de dann wohl selbst ei­nem St. Gal­ler et­was gar viel zu­ge­mu­tet. Aber ich ge­be Ih­nen recht, wenn Sie nach dem Lau­san­ner Ur­teil fra­gen: Darf nun je­der sein Recht in die ei­ge­nen Hän­de neh­men?

Darf er?

Nein. Zu be­rück­sich­ti­gen bleibt aber, dass in der CS in Lau­sanne die Kli­maak­ti­vis­ten fried­lich pro­tes­tiert, kei­ne Ge­walt an­ge­wen­det und von selbst Me­dia­to­ren ein­ge­setzt und sich nur für re­la­tiv kur­ze Zeit in ei­nem Vor­raum der Bank auf­ge­hal­ten ha­ben. Es hät­te wohl we­ni­ger Dis­kus­sio­nen ge­ge­ben, wenn sie draus­sen de­mons­triert hät­ten. Ur­tei­le hän­gen im­mer von den ganz spe­zi­fi­schen Um­stän­den und auch von der Wer­tung der ein­zel­nen Rich­ter ab. Ein an­de­rer Rich­ter hät­te vi­el­leicht an­ders ent­schie­den.

Rich­ter Co­le­lough sass 11 Ak­ti­vis­ten und 13 An­wäl­ten ge­gen­über. Die Staats­an­walt­schaft war eben­so ab­we­send wie die Cre­dit Suis­se als Klä­ge­rin. Hat die Ku­lis­se den Rich­ter zu sehr be­ein­druckt?

Das kann ich nicht sa­gen. Druck auf den Rich­ter ent­steht in ei­nem Pro­zess im­mer. Er muss in der La­ge sein, ihm zu wi­der­ste­hen, und ei­ne Gü­ter­ab­wä­gung tref­fen.

Die Ge­ne­ral­staats­an­walt­schaft re­kur­riert ge­gen das Ur­teil, was ist Ih­re Pro­gno­se?

Ei­ne Pro­gno­se zu stel­len, bringt nichts. Die Haupt­fra­ge wird sein: Was lässt ein Rich­ter bei den ak­tu­el­len ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen zu und was nicht? Be­steht beim Kli­ma­wan­del ei­ne kon­kre­te Ge­fahr für den ein­zel­nen Men­schen? Ist er ei­ne kol­lek­ti­ve Ge­fahr? Man darf ge­spannt sein.

«Ein Rich­ter muss sei­nen Ent­scheid nicht da­nach aus­rich­ten, was der Öf­fent­lich­keit ge­fällt.»

Foto: Va­len­tin Flauraud (Keysto­ne)

«Die Be­grün­dung leuch­tet ein»: Kli­maak­ti­vis­ten und An­wäl­te tre­ten nach dem Frei­spruch in Re­nens vor die Me­di­en.

Ni­k­laus Ober­hol­zer Der lang­jäh­ri­ge St. Gal­ler Kan­tons­rich­ter war von 2012 bis 2019 Bun­des­rich­ter.

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