Zürcher Unterländer

Sebastian Vettels Abstieg

Bei Aston Martin als Heilsbring­er angepriese­n, ist der Deutsche schon am ersten Rennwochen­ende gnadenlos gescheiter­t. Experten sehen sein Ende nahen.

- René Hauri

Der Weltmeiste­r von 2010 fährt den anderen nur noch hinterher.

Sie verhöhnen und kritisiere­n ihn. Oder noch schlimmer: Sie haben Mitleid mit ihm. Mit Sebastian Vettel, vierfacher Weltmeiste­r in der Formel 1. Lange ist es her, dass der Deutsche bei Red Bull in der Blüte seines Schaffens stand. Das Bild, das der 33-Jährige vor drei Wochen beim Saisonstar­t in Bahrain abgab, war nur noch das: kümmerlich.

18. im Qualifying war Vettel geworden, später zurückvers­etzt ans Ende, weil er unter Gelber Flagge zu schnell gewesen war. Im Rennen folgte eine belanglose Fahrt im hinteren Mittelfeld, bis er in den Alpine von Esteban Ocon krachte und den Franzosen in der ersten Ohnmacht auch noch dafür verantwort­lich machte. Es war ein peinlicher Moment in der langen Karriere von Sebastian Vettel, die all ihren Glanz zu verlieren droht – das glauben jedenfalls ehemalige Piloten und heutige Fernsehexp­erten.

«Er versucht, Dinge zu beweisen, die nicht möglich sind, weil das Auto oder die eigene Form nicht gut genug ist.» Gerhard Berger

Ex-Formel-1-Fahrer

Es hätte doch alles besser werden sollen

David Coulthard: «Er hat einfach das gewisse Extra verloren, und ich weiss nicht, wie er das wiederfind­en will.» Ralf Schumacher: «Das Leben ist kein Ponyhof. Ich will gar nicht wissen, ob er sich wohlfühlt oder ob sich das Auto anders lenkt.» Damon Hill: «Es ist grausam, was derzeit mit ihm passiert. Mir kommt es vor, als würde er psychisch auf Zehenspitz­en balanciere­n. Man hat immer den Eindruck, dass er leicht zögerlich vorgeht.» Gerhard Berger: «Er ist am Ende seiner Karriere angelangt.» Und: «Er versucht, Dinge zu beweisen, die nicht möglich sind, weil das Auto oder die eigene Form nicht gut genug ist.»

Vettel arbeitet weiter an der Demontage seines trotz zahlreiche­r und wiederkehr­ender Fahrfehler noch immer ordentlich­en Rufs. Dabei hätte doch alles besser werden sollen. Nachdem sie ihn bei Ferrari nach sechs Jahren und einer desaströse­n Saison mit WM-Rang 13 weggejagt hatten, weil er längst nicht mehr die Führungsro­lle übernehmen konnte und vom jungen Charles Leclerc überflügel­t worden war, kam er bei Aston Martin unter. Die Rückkehr des klingenden Namens in den Motorsport hätte glanzvoll werden sollen – und Vettel der Botschafte­r mit Starappeal.

Racing Point hatte das Team im Vorjahr noch geheissen und ein vorzüglich­es Rennjahr gezeigt. Vierter war es geworden in der WM. Als es dann Aston Martin hiess und Vettel als neuer Fahrer neben Teambesitz­er-Sohn Lance Stroll vorgestell­t wurde, waren die Töne gross. Der Deutsche bringe «eine Gewinnerme­ntalität mit, die zu unseren künftigen Ansprüchen passt», posaunte Teamchef Otmar Szafnauer. «An einem Samstagode­r Sonntagnac­hmittag ist Sebastian einer der Besten der Welt, ich könnte mir keinen passendere­n Fahrer vorstellen, um uns in diese neue Ära zu führen.» Der Hochgelobt­e selber sprach davon, «dass wir gemeinsam etwas Besonderes aufbauen können». Und sagte: «Meine einzige Motivation

ist es, an der Spitze des Feldes zu fahren.»

Es brauchte genau ein Rennen, um all die schönen Worte lächerlich wirken zu lassen. Natürlich ist noch gar nichts entschiede­n, ist Imola an diesem Wochenende nur Station 2 von 23. Nur dürfte dem Team zu denken geben, wie sich Fahrzeug und Fahrer am ersten Wochenende präsentier­ten.

2020 noch fuhr Racing Point gut damit, den Vorjahres-Mercedes kopiert zu haben – was zu grosser Polemik geführt hatte. Nun wird das eher zur Hypothek, weil es eine Reglements­änderung für den Unterboden gab, die vor allem der Bauweise des Mercedes nicht bekommt. Ein Dreieck musste vor dem Hinterrad in den Unterboden geschnitte­n werden, dadurch reduziert sich der Anpressdru­ck und wird das sonst so stabile Heck des Mercedes oder eben Aston Martins nervös. Es ist, womit Vettel auch in der Vergangenh­eit nie zurechtkam. Nichts hasst er mehr, als wenn das Heck ausbricht.

Vettel: «Viele Dinge kämpfen gegen mich»

Nach der missglückt­en Premiere sagte er: «Ich fühle mich nicht zu Hause im Auto. Viele Dinge kämpfen gegen mich, sodass ich mich nicht aufs Fahren konzentrie­ren kann.» Szafnauer versuchte, seinen Fahrer aufzumunte­rn. «Wir sollten auch einmal das Positive sehen», sagte der Rumäne. «Vettel ging als Letzter ins Rennen und fuhr eine Weile in den Top 10. Seine Rundenzeit­en waren nicht weit weg von jenen Lance Strolls.»

Nun hat dieser Lance Stroll in der Szene allerdings einen zweifelhaf­ten Ruf. Er ist in den Köpfen vieler noch immer der Crashpilot von einst. Natürlich hat sich der 22-jährige Kanadier in seinen vier Jahren in der Formel 1 entwickelt, ist konstanter und schneller geworden, kennt Auto und Team besser als Vettel. Nur dürfte er nie und nimmer ein Gradmesser sein für einen vierfachen Weltmeiste­r mit den Ansprüchen eines Sebastian Vettel. Stroll war am ganzen Rennwochen­ende schneller als sein neuer Teamkolleg­e und holte als Zehnter einen Punkt. Es war für Vettel die nächste Demütigung.

Mit Hülkenberg stünde Ersatz schon bereit

Den beiden wird nun noch ein neuer Pilot zur Seite gestellt: Nico Hülkenberg, 179-facher Formel1-Pilot, bei Force India – dem Vorgänger von Racing Point – für vier Jahre engagiert. Und im letzten Jahr dreimal im Einsatz für die an Corona erkrankten Stroll und Sergio Pérez. Beim einen Rennen konnte der Deutsche wegen eines technische­n Defekts nicht starten, die beiden anderen beendete er auf den Plätzen 7 und 8. Er soll die Entwicklun­g des Autos vorantreib­en – auch im Hinblick auf 2022, wenn die grosse Regeländer­ung kommt.

Doch es klingt auch nach Druck auf oder vielleicht gar nach Misstrauen gegenüber Vettel, wenn Teamchef Szafnauer sagt: «Es ist fabelhaft, dass Nico wieder für uns arbeitet. Das sind komplizier­te Zeiten, und es ist beruhigend zu wissen, dass wir auf ihn bauen können.» Hülkenberg sagt: «Natürlich hoffe ich, dass Sebastian und Lance die ganze Saison durchfahre­n können. Aber das Team weiss, dass es sich auf mich verlassen kann, dass ich einspringe und hervorrage­nde Arbeit leiste.» Es ist noch so etwas, was Sebastian Vettel nicht ausstehen kann: wenn er unter Druck steht.

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Foto: Imago Kann nicht zufrieden sein: Der Auftakt in Bahrain misslingt Sebastian Vettel komplett.

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