Zürcher Unterländer

Der mutige Aussenseit­er

Heute Samstag steigt Collins Ojal nach über sechs Monaten Pause erstmals wieder in den Ring. In seinem sechsten Kampf als Profi trifft der Athlet des BC Glattbrugg in Hamburg auf seinen bisher stärksten Gegner.

- Peter Weiss

Der Regensdorf­er Profi Collins Ojal trifft auf einen starken Gegner.

«Es wird ein Feuerwerk geben» antwortet Collins Ojal auf die Frage, was er von seinem nächsten, grossen Kampf erwarte. Dabei strahlt er übers ganze Gesicht und setzt zu seinem herzlichen Lachen an. So unerbittli­ch der 35-jährige Schwergewi­chtler auf seine Gegner im Ring einzudresc­hen pflegt – im Interview am Rand der Trainingsf­läche im Box-Center Glattbrugg zeigt er wenige Tage vor seinem wichtigste­n Profikampf seine herzliche, zuvorkomme­nde Seite. Stets aufmerksam und geduldig lauscht er den Fragen, beantworte­t sie ausführlic­h, indem er von seiner Vorbereitu­ng erzählt, den Monaten, die hinter ihm liegen. Dabei lässt er immer wieder sein freundlich-einnehmend­es Lächeln aufblitzen.

So tiefenents­pannt und seiner Sache sicher wirkt der 1,98-Meter-Mann, dass er am Ende des Gesprächs feststellt: «Sie haben mich gar nicht gefragt, ob ich nervös bin.» Die Antwort gibt er gleich selbst, während er seine Schuhe für das Training schnürt. «Ich habe Respekt, aber nervös bin ich nicht.» Dabei steigt Ojal, der seine ersten fünf Profikämpf­e allesamt für sich entschiede­n hat nominell als krasser Aussenseit­er in den Ring.

Er will ins Volksparks­tadion

In der Hamburger Boxsportha­lle trifft er auf den Lokalmatad­or Albon Pervizaj. Der Deutsche gilt als grosse Nachwuchsh­offnung des Nachbarlan­des und ist zehn Jahre jünger – doch als Profi hat er deutlich mehr Erfahrung gesammelt als Ojal. 15 Profikämpf­e bestritt Pervizaj, der lange dem Team Sauerland angehörte, bisher. Nur einen davon hat er verloren. Danach verliess er den renommiert­en Boxstall in Berlin und kehrte nach Hamburg zurück, um die Karriere in seiner Heimatstad­t neu zu lancieren. Seine Manager fragten Ojals Team im Februar für den Kampf an. «Pervizaj und seine Leute sehen Collins als Aufbaugegn­er, sie haben Grösseres vor», erklärt Timur Topcu.

Tatsächlic­h soll Pervizaj 2021 gemäss seinem alten und neuen Trainer Christian Morales einen grossen WM-Titel angreifen – am liebsten im Volksparks­tadion, der Heimstätte des Hamburger SV. Topcu, Vize-Präsident des BC Glattbrugg und Manager Ojals ergänzt: «Ein Sieg über Collins ist für Pervizaj eigentlich Pflicht. Für ihn steht sehr viel auf dem

Spiel – eine Niederlage wäre ein Dämpfer für ihn. Daher erwarten wir ihn in Bestform.»

«Das wird interessan­t»

«Der Druck liegt bei ihm», sagt denn auch Collins Ojal über seinen Kontrahent­en. Der Regensdorf­er, der in Kenia aufwuchs und auch in Hamburg als «African Lion» angekündig­t wird, wittert jedoch seine Chance. «Albon Pervizaj boxt aggressiv, geht nach vorne und jagt seine Gegner», erklärt er, «das liegt mir. Denn das gibt auch mir Chancen, ihn zu treffen.» Es ist das, was Ojal unter «Feuerwerk» versteht, anders ausgedrück­t: ein offener Schlagabta­usch. «Er hat 73 Prozent seiner Kämpfe durch einen Knock-out gewonnen, ich 60 Prozent – das wird interessan­t für die Zuschauer», schätzt Ojal, und lächelt dazu verschmitz­t. Ob sein halbernst gemeinter Tipp wahr wird und er durch K. O. in der dritten Runde gewinnt oder nicht – der Schlüssel zum Sieg liege darin, den Gegner genau zu treffen, fügt er an. Landet Ojal, der in der unabhängig­en Weltrangli­ste der Schwergewi­chtler auf Platz 265 liegt, einen Aussenseit­er-Sieg über den um 133 Positionen höher eingestuft­en Pervizaj, könnte ihm das so viele Punkte einbringen, dass er unter die Top 100 der Welt einzieht. Und wenn nicht?

Darüber denke er nicht nach, ebenso wenig wie über die weiteren Ziele im laufenden Jahr, sagt Ojal. Das liegt weniger an der Pandemie, die nach wie vor alles Planen schwierig macht, als vielmehr am aktuellen Fokus. «Ich konzentrie­re mich auf diesen Kampf, nur das zählt.» Immerhin haben die geltenden Coronaviru­s-Bestimmung­en Ojals Vorbereitu­ng nicht gross beeinträch­tigt. Als Profi durfte er seit seinem bisher letzten Kampf im Oktober 2020 stets mit Manager und Trainer Timur Topcu, Chefcoach und BC-Glattbrugg-Präsident Rajko Bojanic sowie mit anderen Profis und Kader-Athleten als Sparringsp­artnern weiter trainieren.

«Laufen gehen konnte ich ja auch immer», erzählt er lachend, «einzig für das Krafttrain­ing im Gym musste ich Alternativ­en suchen.» Nach einer zweiwöchig­en, intensiven Sparrings-Phase in einem befreundet­en Boxclub in Zagreb fühlt er sich nun top in Form, bestens vorbereite­t. Bereit für den grossen Kampf. Zu sehen sein wird der Fight Ojals gegen Pervizaj etwa um 20 Uhr auf dem Online-Portal fight24.tv.

Nicht alle hätten zugesagt

«Wir haben in der Zwischenze­it auch andere Anfragen bekommen», verrät Timur Topcu, «aber diese Möglichkei­t, jetzt gegen Pervizaj anzutreten, war die beste von allen.» Manch andere Teams hätten ein solches Angebot womöglich abgelehnt. «Es ist ein gewisses Risiko dabei», räumt er ein, «aber wir sehen vor allem eine grosse Chance darin. Wir sind überzeugt, dass Collins gewinnen kann. Und dieser Kampf passt zum hohen Tempo in seiner bisherigen Profikarri­ere.» Diese verlief mit fünf gewonnenen Kämpfen innert nur elf Monaten tatsächlic­h überaus rasant. Nicht einmal die Coronaviru­s-Pandemie vermochte den Hünen auszubrems­en.

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Foto: M. Hager Könnte mit einem Sieg in die Top 100 der Weltrangli­ste einziehen: der Regensdorf­er Collins Ojal vom BC Glattbrugg.

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