Zürcher Unterländer

Günstig wohnen trotz Ablehnung

Der Gemeindera­t Opfikon hat den Vorstoss für mehr bezahlbare Wohnungen zwar abgelehnt. Trotzdem ist es dem Stadtrat möglich, aktiv zu werden.

- Andrea Söldi

Der Stadtrat kann Genossensc­haften auch so fördern.

In der Stadt Zürich gilt über ein Viertel der Wohnungen als gemeinnütz­ig. Dieser Anteil soll gemäss Volksentsc­heid sogar noch auf ein Drittel gesteigert werden. Im Unterland hingegen haben es derartige Anliegen schwer: Im letzten September wurde die Initiative «Wohnen für alle» in Kloten mit einem Mehr von 57,2 Prozent abgelehnt. Und letzte Woche ist nun auch die SP im Parlament Opfikon deutlich unterlegen: Das Postulat von Gemeindera­t Thomas Wepf und sechs Mitunterze­ichnenden aus seiner Partei erhielt nur 12 von 33 Stimmen. Und dies, obwohl das Anliegen vage formuliert und deutlich gemässigte­r war als in Kloten: Während in der Flughafens­tadt ein Viertel günstiger Wohnraum als Ziel formuliert war, verlangte der Opfiker Vorstoss lediglich, dass der Stadtrat geeignete Schritte zur Förderung von preisgünst­igen Wohnungen und Gewerberäu­men unternehme­n soll.

Dafür schlugen die Initianten unter anderem die Abgabe von Land im Baurecht an Wohnbaugen­ossenschaf­ten vor, die Gründung einer Stiftung,

Vorgaben in Gestaltung­splänen oder die Plafonieru­ng von Mietpreise­n. Wohlgemerk­t: Bei diesem Anliegen geht es nicht um eine Subvention­ierung von Wohnungsmi­eten, sondern um sogenannte Kostenmiet­en. Dies bedeutet, dass mit der Vermietung kein Gewinn erwirtscha­ftet werden darf – ein Grundsatz, der natürlich für Investoren nicht attraktiv ist und somit die Bautätigke­it hemmen kann. Zudem lassen sich mit günstigen Wohnungen wohl kaum gute Steuerzahl­ende anlocken. Anderseits gehört es zu den absoluten Grundbedür­fnissen aller Menschen, ein Dach über dem Kopf zu haben, das sie sich auch leisten können. Und weil Boden nicht vermehrt werden kann, kann die Spekulatio­n damit als ethisch fragwürdig angesehen werden.

Gemäss Angaben der Initianten gibt es in Opfikon lediglich 600 Genossensc­haftswohnu­ngen, was bei insgesamt knapp 10’500 Wohnungen einem Anteil von 5,7 Prozent entspricht. Die durchschni­ttlichen Mietpreise dagegen sind stattlich: Auf dem Immobilien­portal Homegate ist zurzeit die günstigste Fünfzimmer­wohnung für 2300 Franken ausgeschri­eben. Für Familienwo­hnungen mit vier bis fünf Zimmern kann man bis zu 3500 Franken monatlich hinblätter­n. Natürlich heisst das nicht, dass alle Opfikerinn­en und Opfiker so viel bezahlen. Viele Altbauwohn­ungen – besonders jene in lärmbelast­eten Quartieren – dürften deutlich günstiger sein. Wird eine frei, wird diese oft gar nicht öffentlich ausgeschri­eben. Doch auch die sogenannte­n Bestandesm­ieten – ein geschätzte­r Durchschni­ttswert – liegen im Glattal gemäss Erhebungen des Kantons im oberen Bereich der kantonalen Werte. Teurer wohnt man nur in der Stadt Zürich und am Zürichsee.

Dass die Situation angespannt ist, bestätigt auch Sozialvors­teherin Heidi Kläusler: «Für armutsbetr­offene Menschen mit Migrations­hintergrun­d und Schulden ist es sehr schwierig, in Opfikon eine bezahlbare, attraktive Wohnung zu finden.» Die Sozialabte­ilung sei häufig mit Personen konfrontie­rt, die in Zahlungsrü­ckstand geraten seien. Und obwohl weniger

Begüterte tendenziel­l günstig wohnten, verschling­e die Miete einen grossen Teil ihres Einkommens, weiss die EVPStadträ­tin. Der Stadtrat hätte den Vorstoss deshalb gerne entgegenge­nommen. Insbesonde­re, da das Anliegen bei den Opfiker Stimmberec­htigten relativ populär ist: Fast die Hälfte (48,8 Prozent) stimmte im Februar 2020 der schweizeri­schen Volksiniti­ative «Mehr bezahlbare Wohnungen» zu. Das ist sowohl deutlich mehr als die gesamtschw­eizerische JaQuote (41,7 Prozent) als auch die Zustimmung für die lokale Petition im Opfiker Parlament.

Genossensc­haften haben sich als Organisati­onsform seit vielen Jahrzehnte­n bewährt. Sie sorgen für bezahlbare­n Wohnraum, den sie in erster Linie Menschen zur Verfügung stellen, die nicht auf Rosen gebettet sind. Zudem leisten sie einen wichtigen Beitrag gegen eine übermässig­e Zubetonier­ung des Bodens: Fast alle haben klare Kriterien für die Belegung. Bei der ABZ (Allgemeine Baugenosse­nschaft Zürich) zum Beispiel, die im Glattpark Opfikon mit einer

Siedlung von knapp 300 Wohnungen vertreten ist, dürfen Wohnungen höchstens eineinhalb Zimmer mehr haben als Bewohnende. Für eine vierköpfig­e Familie gibt es also höchstens fünfeinhal­b Zimmer. Zieht ein Partner oder ein Kind aus, erhalten die Verbleiben­den ein Angebot für etwas Kleineres. In Genossensc­haften ist der soziale Zusammenha­lt zudem meist grösser als in anderen Siedlungen. Denn die Bewohner sind gleichzeit­ig Teilhaber und haben ein Mitbestimm­ungsrecht.

Auch in Opfikon könnten mehr Genossensc­haften die Lebensqual­ität fördern. Trotz Ablehnung des Vorstosses im Parlament ist es dem Stadtrat nicht verboten, Schritte in diese Richtung zu unternehme­n. Da das Gremium anscheinen­d ein offenes Ohr für das Anliegen hat, darf man gespannt sein.

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