Zürcher Unterländer

Viele impfen lieber bei der Hausärztin

In der Gemeinscha­ftspraxis in Oberwening­en empfängt Ursula Köppel seit rund drei Wochen regelmässi­g Frauen und Männer, um sie gegen Covid-19 zu impfen. Die Hausärztin erachtet eine solche Aktion als dringend nötig.

- Barbara Gasser

An einem Nachmittag empfängt Ursula Köppel, Hausärztin in der Gemeinscha­ftspraxis in Oberwening­en, 44 Patientinn­en und Patienten. Zwischen 14 und 18 Uhr verabreich­t sie jede Stunde elf Spritzen mit dem Impfserum gegen das Coronaviru­s. «Im Moment haben wir 300 Dosen für eine Erstimpfun­g zur Verfügung», sagt sie. Und sie hofft sehr, dass sie auch für die nächste Runde genügend Impfstoff erhält. «Es ist äusserst wichtig, alte Menschen und solche, die einer Risikogrup­pe angehören, so schnell wie möglich zu impfen.»

Überzeugun­gsarbeit gefragt

Ihre Patientinn­en und Patienten kommen aus dem ganzen Wehntal und lassen sich teilweise schon jahrelang in der Oberwening­er Praxis behandeln. Die Ärztin kennt alle gut und weiss sehr genau, für wen eine Impfung jetzt dringend ist. «Natürlich gibt es Menschen, die sich nicht sicher sind, ob sie sich impfen lassen wollen. Aber wenn ich ihnen die Situation erkläre, lassen sie sich überzeugen», erklärt sie. Alle, die sie angerufen habe, seien schliessli­ch am vorgegeben­en Zeitpunkt erschienen. In den Impfzentre­n dagegen hätten sich entgegen den Erwartunge­n weniger Risikopati­enten gemeldet.

Kein lohnendes Geschäft

Gemäss Köppel ziehen es viele von ihnen vor, in ihre Hausarztpr­axis zu gehen. «Leider fehlen dort aber die Impfdosen. Wir Hausärztin­nen und Hausärzte fühlen uns vom Kanton nicht genügend unterstütz­t.»

Der organisato­rische Aufwand für die Abwicklung der Impfung sei sehr gross. «Bis wir nur alle angerufen haben, braucht es viel Zeit», sagt Köppel. Das Impfen an sich gehe sehr schnell. Doch die Vorbereitu­ngen und die administra­tiven Arbeiten erforderte­n viel Engagement. Pro Dosis erhalten sie 50 Franken, die je zur Hälfte vom Bund und Kanton stammen. «Dieser Betrag deckt unsere Kosten aber bei weitem nicht», sagt sie.

Doch die Patientinn­en und Patienten sind sehr froh über die Möglichkei­t, sich bei ihrer Hausärztin impfen lassen zu können. Sie sitzen auf ihren Stühlen und machen auf Geheiss den Arm frei. Die meisten spüren den Einstich kaum.

Fünf Stühle und eine alte Kommode stehen in einem Raum im Untergesch­oss der Arztpraxis in Oberwening­en. Bis vor kurzem war er noch das Schlafzimm­er von Ursula und Christian Köppel, die in der Praxis arbeiten und im gleichen Haus wohnen. «Für mich war sofort klar, dass wir unsere Patientinn­en und Patienten gegen Covid-19 impfen müssen», sagt Ursula Köppel. «Aber ich habe mir den Kopf zerbrochen, wie wir den dafür nötigen Platz schaffen.» Dann sei ihr die Idee mit dem Schlafzimm­er gekommen. Ihr Mann sei nicht begeistert gewesen, schon gar nicht, als beim Ausräumen das Wasserbett kaputt gegangen ist.

Sie erzählt es lachend, denn für sie geht es vor allem um das Wohl der Patientinn­en und Patienten. Dank dieses zusätzlich­en Zimmers können nun elf Personen pro Stunde geimpft werden. «Es ist sehr wichtig, dass die über 65-Jährigen und jene, die einer Risikogrup­pe angehören, so rasch wie möglich eine Impfung bekommen», sagt Köppel.

Den Einstich nicht gespürt

Deshalb werden nun seit rund drei Wochen telefonisc­h Impftermin­e vergeben. «Wenn jemand von den ausgewählt­en Personen nicht erreichbar ist, melden wir uns auch bei Jüngeren. Es kann nicht sein, dass wir einfach warten und auf den Dosen sitzen bleiben.» Bis jetzt seien immer alle gekommen.

Am Mittwoch sind bereits vor dem angegebene­n Termin alle elf

Stühle besetzt. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre, und Ursula Köppel legt sofort los. Mit ihrem Wägeli voller aufgezogen­er Spritzen geht sie in ihr ehemaliges Schlafzimm­er. Sie kennt die wartenden Frauen und Männer alle, viele nennt sie beim Vornamen, macht Witze. Alle müssen einen Arm freimachen, «nicht den, auf dem ihr liegt, es könnte nämlich am nächsten Tag Schmerzen geben, wie wenn jemand mit dem Hammer draufgesch­lagen hat», erklärt sie und lacht dazu. Und schon ist die erste Dosis verabreich­t. Der Mann hat es nicht einmal gespürt und wundert sich, dass es bereits vorbei ist. Auch seine Frau ist mitgekomme­n, beide sind älter als 65 und sehr froh, dass Impfen endlich möglich ist.

Enkelkinde­r wiedersehe­n

Keine Angst hat ein anderes Ehepaar, im Gegenteil. «Wir waren freudig überrascht und sehr erleichter­t, als der Anruf für einen Termin kam», sagt sie. Sie und ihr Mann freuen sich, demnächst ihre Enkelkinde­r wiederzuse­hen und auch den Kontakt zum 92-jährigen Vater jetzt ohne schlechtes Gewissen zu pflegen. Eine andere Frau ist froh, jetzt auch an der Reihe zu sein, nachdem ihr Mann altersmäss­ig bereits zu einem früheren Zeitpunkt die erste Impfdosis erhalten hat. Die Geimpften bleiben noch eine Viertelstu­nde auf ihren Stühlen sitzen für den Fall, dass es zu einer allergisch­en Reaktion kommt.

Im Nebenraum nimmt die Ärztin eine gefüllte Spritze nach der anderen auf und impft die sechs Personen, die dort in gebührende­m Abstand voneinande­r Platz genommen haben. Ohne viel Aufhebens geht sie von einer zum anderen, während sie über Alltäglich­es spricht. Dadurch wirkt die Anwesenhei­t der Impfwillig­en fast wie eine private Zusammenku­nft. Das ist durchaus die Absicht von Ursula Köppel. «Wir wollen die Situation so entspannt wie möglich gestalten.» Doch für sie und ihre Assistenti­n Sharon Möckli bedeutet es konzentrie­rtes Arbeiten. Es seien jedoch die Vorbereitu­ngen, die sehr aufwendig seien. «Diese Situation ist für alle neues Territoriu­m», sagt Köppel. «Die Organisati­on kann zu Überforder­ung führen, Impfen ist dagegen nur Peanuts.»

Köppel hält nichts von Verschwend­ung des kostbaren Impfstoffs. Vor allem auch deshalb, weil die den Hausarztpr­axen zugeteilte­n Mengen durch den Kanton ihrer Meinung nach

«Diese Situation ist für alle neues Territoriu­m.» Ursula Köppel

Hausärztin

viel zu gering sind. Deshalb werden in ihrer Praxis aus jedem Fläschchen statt der vorgesehen­en zehn Dosen deren elf gezogen. «Das bedeutet, dass wir pro Nachmittag 44 Personen impfen können, eben auch jüngere, die allenfalls zur Risikogrup­pe zählen.» Es sei wichtig, möglichst rasch möglichst viele Menschen gegen das Virus zu impfen, «damit wir endlich wieder normal leben können».

Vom entschloss­enen Handeln in der Hausarztpr­axis profitiere­n sehr viele Menschen aus dem ganzen Wehntal, die dort als Patientin oder Patient gemeldet sind. Zwar hat Marianne Zöbeli den Einstich «bis auf den Knochen» gespürt. «Aber ich bin sehr froh, bin ich jetzt endlich an der Reihe», sagt sie. Sie ist überzeugt davon, dass Reisen oder der Besuch von Veranstalt­ungen in Zukunft einfacher sein werden mit dem entspreche­nden Vermerk im Impfbüchle­in.

Eine grosse Erleichter­ung

Weil er unter Asthma leidet, ist Ruedi Stettler ein sogenannte­r Risikopati­ent. «Die Corona-Impfung fühlt sich nicht anders an als sonst eine Impfung», sagt er. Für ihn ist es ein grosser Vorteil, geimpft zu sein, weil er oft nach Portugal reist. «Es war mühsam und teuer, jedes Mal einen PCRTest machen zu müssen.» Auch Sonja Bucher ist erleichter­t, an diesem Nachmittag ihre erste Impfung zu bekommen. «Ich bin zwar erst 61, gehöre aber zur Risikogrup­pe. Deshalb freue ich mich sehr, demnächst gegen

Corona geschützt zu sein. Es wäre für mich ein Albtraum, deswegen auf der Intensivst­ation zu landen.»

Die Räume fürs Impfen im Untergesch­oss sind komplett getrennt von der Praxis, wo der Betrieb normal weitergeht. «Es ist zwar nicht schwierig, den Eingang zu finden», sagt Ursula Köppel. Trotzdem hätten einige den falschen Weg eingeschla­gen. Deshalb wurde eine blinkende Baustellen­lampe beim Gartentor montiert. «Mein Mann hat sie über ein Onlineport­al gefunden», erklärt sie.

Die Ärztin hofft sehr, dass sie weitere 300 Dosen erhält, um ihren Patientinn­en und Patienten die Zweitimpfu­ng verabreich­en zu können. Die Termine jedenfalls sind bereits vergeben. So lange wird auch das Schlafzimm­er von Christian und Ursula Köppel noch zweckentfr­emdet, und das Ehepaar schläft derweil im Gästezimme­r.

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Hausärztin Ursula Köppel von der Gemeinscha­ftspraxis in Oberwening­en impft einen Patienten gegen Covid-19.
 ??  ?? Bis auf weiteres bleibt das Schlafzimm­er fürs Impfen reserviert.
Bis auf weiteres bleibt das Schlafzimm­er fürs Impfen reserviert.
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Pro Stunde erhalten elf Frauen und Männer eine Impfung.
 ??  ?? Sharon Möckli hat mittlerwei­le Übung im Füllen der Spritzen.
Sharon Möckli hat mittlerwei­le Übung im Füllen der Spritzen.
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Die insgesamt 300 Dosen werden so rasch wie möglich verimpft.

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