Zürcher Unterländer

Vergewalti­gung wird in Zürich so selten bestraft wie in keinem anderen Kanton

Wer im Kanton einer Vergewalti­gung beschuldig­t wird, bleibt in 12 von 13 Fällen straffrei. Wie kann das sein?

- Lisa Aeschliman­n

Kriminalit­ät Eine neue Untersuchu­ng zeigt enorme Unterschie­de zwischen den Kantonen im Umgang mit mutmasslic­hen Vergewalti­gern. Im Langzeitve­rgleich mit 15 Kantonen ist Zürich das Schlusslic­ht. Während beim Spitzenrei­ter Waadt gut 60 Prozent der Beschuldig­ten verurteilt werden, waren es im Kanton Zürich im selben Zeitraum nur rund 7 Prozent. «Die Zürcher Quote ist stossend tief», sagt Corina Elmer von der Frauenbera­tung. Wo die Probleme liegen, ist schwierig zu sagen, weil wichtige Zahlen von den Behörden nicht erfasst werden. Ein Grund für die höhere Quote in der Waadt könnte die bessere Opferverso­rgung sein: In Lausanne gibt es eine Abteilung für Gewaltmedi­zin, die Opfer umfassend und fachübergr­eifend betreut.

Dezember 2017, nahe Winterthur. Eine damals 19-Jährige und ein 21-Jähriger treffen sich in seiner WG. Sie kennen sich aus dem Freundeskr­eis, am Abend zuvor hatten sie das erste Mal Sex – einvernehm­lich. Der nächste Abend beginnt friedlich, ihr wird aber immer unwohler, wie die Frau später vor Gericht sagt. Sie verpasst den letzten Zug und willigt ein, bei ihm zu übernachte­n. Sie legt sich neben ihm ins Bett und sagt, dass sie keinen Sex möchte.

Er aber will – und dreht sie immer wieder zu sich. Sie sagt wieder und wieder, er solle sie in Ruhe lassen. Er packt sie am Hals, sie kann kaum mehr atmen. Sie versucht, sich aus seinem Griff zu winden, ihn wegzustoss­en, mit den Händen zu kratzen. Vergebens. So steht es in der Anklagesch­rift.

Vergewalti­gung oder nicht? Vor dem Bezirksger­icht Andelfinge­n spricht der Mann von einvernehm­lichem Sex. Das Gericht glaubt zwar der Frau, taxiert den Abend als «unglücklic­hen Sexualkont­akt», spricht den Mann aber trotzdem frei. Der Grund: Die Frau habe sich verbal nicht stark genug gewehrt. Und es sei nicht eindeutig nachweisba­r, dass der Mann tatsächlic­h Gewalt angewendet habe.

Fälle wie diese kommen vor. Sie zeigen, wie schwierig es ist, strafrecht­lich aufzuarbei­ten, was zwischen zwei Menschen bei einer mutmasslic­hen Vergewalti­gung geschehen ist. Weil sexuelle Übergriffe häufig VierAugen-Delikte sind, gibt es meist keine anderen Beweismitt­el als die Aussagen der Beteiligte­n. Solche Fälle zur Anklage und gar zu einer Verurteilu­ng zu bringen, ist für die Staatsanwa­ltschaft und das Gericht anspruchsv­oll.

Zürich ist Schlusslic­ht

In einigen Kantonen ist dies offenbar schwierige­r als in anderen. Das zeigt eine neue Analyse von Verurteilu­ngsquoten bei Vergewalti­gungen, die im Fachmagazi­n «Kriminalis­tik» veröffentl­icht wurde: Während von 2016 bis 2018 im Kanton Waadt 61 Prozent der Beschuldig­ten verurteilt wurden, sind es in Zürich im selben Zeitraum nur 7,4 Prozent. Im Schweizer Schnitt wurden in diesem Zeitraum 22,8 Prozent der Beschuldig­ten verurteilt. Zürich ist das Schlusslic­ht.

Die Studie basiert auf Zahlen der Kriminal- und Verurteilt­enstatisti­k, untersucht wurde ein Zeitraum ab 2010 über 9 Jahre. Die Daten sind mit Vorsicht zu geniessen: Zwischen der Anzeige und der Verurteilu­ng des Täters können Jahre liegen. Trotzdem: «Die derart grossen Unterschie­de deuten darauf hin, dass die Strafverfo­lgung im Kanton Zürich im Vergleich nicht optimal verläuft», sagt Dirk Baier, der an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenscha­ften HAW das Institut für Delinquenz und Kriminalpr­ävention leitet und die Untersuchu­ng durchgefüh­rt hat.

Corina Elmer von der Frauenbera­tung Sexuelle Gewalt wird deutlich: «Die Zürcher Quote ist stossend tief. Sie zeigt, dass sexuelle Gewalt nach wie vor ein fast straffreie­s Delikt ist.» Denn nur ein Bruchteil der Frauen zeigt ein Delikt überhaupt erst an – aus Scham oder Angst, dass man ihnen nicht glaubt.

Wie kann es sein, dass im Kanton Zürich mutmasslic­he Vergewalti­ger viel seltener verurteilt werden als in der Waadt? Baiers Untersuchu­ng ist die einzige zu diesem Thema in der neueren Zeit. Eine Antwort liefert auch sie nicht. Ein Problem ist, dass alles, was zwischen der Anzeige und der Verurteilu­ng passiert, eine behördlich­e Blackbox ist: Weder die Staatsanwa­ltschaft in Zürich noch in der Waadt führen Statistik.

In Zürich erfasst immerhin das Obergerich­t seit 2020 die Anzahl Verfahren: Im vergangene­n Jahr gab es bei den Zürcher Bezirksger­ichten insgesamt 26 Vergewalti­gungsverfa­hren. In knapp einem Drittel der Fälle gab es eine Verurteilu­ng. Das allein kann die tiefe Zürcher Quote aber nicht erklären.

Zentrum für Opfer fehlt

Das Problem beginnt früher: So unterschei­den sich etwa die Waadt und Zürich darin, wie sie mit den Frauen umgehen, wenn diese nach einer Vergewalti­gung ins Spital kommen.

Der Kanton Waadt hat seit 15 Jahren eine eigene Abteilung für Gewaltmedi­zin am Universitä­tsspital Lausanne. Sie betreut Gewaltopfe­r umfassend und fachübergr­eifend. Bei allen Opfern wird standardmä­ssig eine rechtsmedi­zinische Dokumentat­ion erstellt, die im Rahmen eines allfällige­n Verfahrens verwendet werden kann. Der Kanton Waadt ist der einzige, der die Kosten für diese Dokumentat­ion vollständi­g übernimmt. Er hat damit schweizwei­t eine Vorreiterr­olle.

Auch im Kanton Bern, der mit seiner Verurteilu­ngsrate leicht über dem Schweizer Mittel liegt, gibt es auf dieser Stufe mit dem Berner Modell eine koordinier­te Vorgehensw­eise mit spezialisi­erten Fachperson­en. Das hat den entscheide­nden Vorteil, dass Frauen dort nach der Tat erst einmal Beweise sichern lassen und dann innerhalb eines Jahres entscheide­n können, ob sie Anzeige erstatten wollen.

In Zürich ist dies zwar auch möglich, aber ein spezialisi­ertes Zentrum fehlt, was häufiger dazu führt, dass die Polizei unmittelba­r eingeschal­tet wird. Das betonen Opferberat­erinnen immer wieder. Denn Vergewalti­gung ist ein Offizialde­likt und muss von Amtes wegen verfolgt werden. Das könnte mit ein Grund sein, warum Vergewalti­gungen im Kanton Zürich gemessen an den Bevölkerun­gszahlen fast doppelt so häufig angezeigt werden wie im Kanton Waadt. Im Kanton Zürich kommt es deswegen immer wieder vor, dass Frauen noch in derselben Nacht oder am Morgen danach zur polizeilic­hen Einvernahm­e müssen. Diese stehen oft unter Schock, sind traumatisi­ert – und müssen in dieser Verfassung viele, zum Teil sehr intime Fragen beantworte­n. Ein Zentrum wäre auch für das weitere Verfahren wichtig, findet Corina Elmer von der Frauenbera­tung Sexuelle Gewalt: «Wenn Frauen in Ruhe, selbstbest­immt und vorbereite­t an eine Befragung gehen können, macht das schliessli­ch auch die Aussagen verwertbar­er.»

Die Zürcher Polizei kann in 80 Prozent der Fälle einen mutmasslic­hen Täter ermitteln und leitet den Fall weiter an die Staatsanwa­ltschaft. Diese spielt im weiteren Verfahren eine entscheide­nde Rolle: An ihr liegt es, ob in einem Fall Anklage erhoben wird und dieser vor Gericht kommt oder nicht.

Was die Waadt anders macht

In den letzten fünf Jahren gelangten im Kanton im Schnitt 162 Vergewalti­gungen pro Jahr zur Anzeige, vor Gericht gab es 2020 aber nur 26 Verfahren. Das lässt den Schluss zu, dass bis zu 80 Prozent der Fälle bei der Zürcher Staatsanwa­ltschaft hängen bleiben. Opferberat­erinnen und Fachperson­en halten das für realistisc­h.

Aus den Verurteilu­ngsraten in der Waadt kann man schliessen, dass die Staatsanwa­ltschaft im Westschwei­zer Kanton viel häufiger Anklage erhebt als jene in Zürich. In den drei Jahren von 2016 bis 2018 wurden im Kanton Waadt 107 Personen der Vergewalti­gung beschuldig­t, 64 Personen wurden verurteilt.

Was macht die Waadt anders? Hiesige Staatsanwa­ltschaften können ein Verfahren einstellen, wenn beispielsw­eise der Täter die Frau beim Sex nicht genügend unter Druck setzte oder sie sich zu wenig wehrte. Nach aktuellem Schweizer Recht muss eine Frau, die zum Sex gezwungen wurde, glaubhaft machen können, dass sie versucht hat, sich mit allen Mitteln zu wehren, oder erklären, warum sie dazu nicht fähig war. Ein Nein genügt nicht. Das ist mit ein Grund, warum generell so wenige Fälle zu einer Verurteilu­ng führen.

In der Schockstar­re

Aus der Forschung ist bekannt, dass viele Betroffene sich bei einer Vergewalti­gung nicht wehren können, weil sie aus Schock sozusagen einfrieren. Das erwähnen auch Expertinne­n in den Gesprächen. Momentan wird im Schweizer Parlament die Revision des Sexualstra­frechts diskutiert, ein zentraler Punkt ist dabei die Neudefinit­ion der Vergewalti­gung.

In der Westschwei­z sind die Verurteilu­ngsquoten generell höher. Laut Dirk Baier könnte dies an der Rechtsprec­hung liegen: Die Sanktionen seien in der Regel schärfer, und auch die Gefangenen­rate sei ein Drittel höher als in der Deutschsch­weiz.

Aber hier fallen auch kulturelle Unterschie­de ins Gewicht, die sich auf die Arbeit der Staatsanwä­lte und Richterinn­en auswirken: Die Auslegung des Rechts habe sich in der Schweiz, und vielleicht noch mehr in der Westschwei­z, verändert, sagt Camille Perrier Depeursing­e, Strafrecht­sprofessor­in an der Universitä­t Lausanne. In der Westschwei­z habe man das Ausmass und die Realitäten der sexuellen Gewalt erkannt: «Das Opfer, das sich nicht wehrt und trotzdem vergewalti­gt wurde, ist kein Einzelfall.» Richter und Staatsanwä­ltinnen würden öfter anerkennen, dass es auch eine Nötigung war, wenn sich die Frau nicht mit allen Mitteln wehrte.

Brigit Rösli vertritt als Rechtsanwä­ltin viele Opfer von Sexualdeli­kten. Sie sagt, wie schliessli­ch ein Verfahren ausgehe, sei stark davon abhängig, wer dieses führe: wie sensibilis­iert die Person sei, welche Werte sie vertrete, ob den Opfern mit Vorbehalte­n begegnet werde. Sie erzählt von einem Fall, bei dem eine Frau in einem Auto vergewalti­gt wurde. Die Richter sollen dazu gesagt haben, das sei gar nicht möglich, in einem Auto sei es dafür zu eng. «In der Waadt stufen die Behörden die Aussagen der Frauen offenbar als glaubhafte­r ein als in Zürich», sagt Rösli.

Behörden schweigen

Die Zürcher Justizdire­ktorin Jacqueline Fehr will sich nicht zu den Ergebnisse­n äussern und verweist auf die Fachstelle­n. Auch Erich Wenzinger, Sprecher der Oberstaats­anwaltscha­ft, will zu den möglichen Gründen nichts sagen. Er nennt die generell anspruchsv­olle Beweisführ­ung und schreibt, manchmal erschwere oder verunmögli­che das Aussagever­halten der Opfer diese: wenn das Opfer beispielsw­eise widersprüc­hliche Aussagen mache oder nicht mehr aussagen wolle. Die Mitarbeite­nden würden Befragunge­n profession­ell durchführe­n und seien auf das Thema sensibilis­iert. Man sei selbstvers­tändlich bestrebt, sich zu verbessern, weshalb die Mitarbeite­nden auch entspreche­nd weitergebi­ldet würden.

Andrea Schmidhein­y, die Sprecherin des Obergerich­ts, weist die Vorwürfe «kategorisc­h» zurück: «Insbesonde­re den impliziten Vorwurf, die Zürcher Gerichte würden die Opferrecht­e nicht angemessen beachten.» Eine tiefe Verurteilu­ngsquote könne zahlreiche Ursachen haben und erst durch weitere Studien beantworte­t werden. «Niemand will einen Vergewalti­ger freisprech­en, aber genauso wenig dürfen unschuldig­e Personen als Sexualstra­ftäter verurteilt werden.» Im Zweifelsfa­ll müsse die beschuldig­te Person freigespro­chen werden. Den Zürcher Richtern stehe ein «in Umfang und Tiefe schweizwei­t einmaliges Weiterbild­ungsangebo­t» zur Verfügung.

Datenerheb­ung gefordert

Corina Elmer von der Frauenbera­tung erhofft sich, dass die ZHAW-Studie nun eine koordinier­te und systematis­che Datenerheb­ung auslöse. Damit man die genauen Ursachen finden könnte und Grundlagen hätte, um entspreche­nde Massnahmen zu treffen. «Bei häuslicher Gewalt hat sich in den letzten Jahren vieles getan, das Gleiche sollte nun auch bei sexueller Gewalt geschehen.»

Der Fall der jungen Frau – sie ist heute 22 Jahre alt – wurde Anfang April vor dem Zürcher Obergerich­t nochmals verhandelt. Dieses sprach den Beschuldig­ten erneut frei. Die Staatsanwa­ltschaft hatte darauf verzichtet, den Freispruch des Bezirksger­ichts Andelfinge­n anzufechte­n. Damit lag das ganze finanziell­e Prozessris­iko bei der betroffene­n Frau. Sie kann jetzt noch Beschwerde beim Bundesgeri­cht erheben.

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Foto: Melanie Duchene (Keystone) Eine der Forderung am Frauenstre­ik war ein neues Sexualstra­frecht: Zürcher Demonstran­tinnen im Juni 2019.

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