Zürcher Unterländer

Bis Mitte Juli sollen alle geimpft sein

Christoph Berger sagt, dass die ganze Schweiz beim Impfen jetzt deutlich an Tempo zulegen müsse. In den Kantonen Genf und Waadt seien schon 50-Jährige an der Reihe.

- Barbara Reye

Pandemie Es geht vorwärts mit den Impfungen. Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit wurden vom 8. bis 14. April insgesamt 269’146 Impfdosen gegen Covid19 verabreich­t. Christoph Berger, Präsident der Schweizeri­schen Kommission für Impffragen, denkt, dass bis zu den Sommerferi­en alle impfwillig­en Erwachsene­n eine Dosis bekommen haben.

Herr Berger, die Schweiz hat ihre Impfstrate­gie stark vereinfach­t, damit es schneller vorwärtsge­ht. Sind die Sommerferi­en gerettet?

Ich denke schon. Zumindest für die erste Impfung sollte es aufgehen, dass in der Schweiz bis Ende Juli alle impfwillig­en Erwachsene­n die erste Dosis bekommen haben. Wir erhalten von jetzt bis dahin insgesamt 8 Millionen mRNA-Impfdosen. Das ist richtig viel. Deshalb müssen wir auch schneller vorwärtsma­chen. Es darf nicht mehr sein, dass wir wie nach Ostern plötzlich mehrere Tausend freie Impftermin­e hatten, weil ältere Personen sich einfach nicht gemeldet haben. Deshalb müssen wir in Zukunft viel flexibler sein und stattdesse­n anderen Menschen kurzfristi­g die Möglichkei­t einer Impfung geben.

Also das Impftempo jetzt deutlich erhöhen.

Ja, auf alle Fälle. Insbesonde­re auch um die Hospitalis­ationen in der dritten Welle möglichst abzuschwäc­hen. Je mehr geimpft sind, umso besser ist es. Wie wir in England, Schottland und Israel gesehen haben, schützen die mRNA-Impfstoffe gut vor der bei uns derzeit dominanten britischen Mutation B.1.1.7. Mit einer ersten Impfdosis gibt es rund zwei Wochen nach der Spritze bei einer bisher noch nicht an Covid-19 erkrankten Person einen partiellen Schutz, der etwa zwei Drittel vom vollständi­gen Schutz beträgt. Wir wollen unbedingt verhindern, dass es erneut zu einer so hohen Belastung des Gesundheit­ssystems wie im Herbst kommen könnte.

Nachdem die sehr Alten, sehr Kranken mit hohem Risiko sowie das Gesundheit­spersonal drankamen, wird neu nur noch abgestuft nach Alter eingeteilt. Warum erst jetzt?

Zum einen haben wir nun viel mehr Impfstoff zur Verfügung. Zum anderen wissen wir jetzt, dass die gefährdete­n Personen durch die Impfung gut geschützt sind und schwere Infektione­n und Hospitalis­ationen extrem gut mit dem Alter korreliere­n. Das macht die ganze Sache einfacher, da man kein ärztliches Attest mehr braucht, um etwa einer bestimmten Impfkatego­rie xy prioritär zugeordnet zu werden. Das Impfzentru­m kann neu einfach auf den Jahrgang schauen. Und jeder weiss sein Alter. Das ist total easy und beschleuni­gt alles.

Müssen die vergebenen Impftermin­e jetzt umgebucht werden?

Nein, wir wollen keine riesige Terminumbu­chungsakti­on auslösen. Allerdings können die Kantone nach der Registrier­ung der Personen die Vergabe der Termine besser managen und deren Freigabe einfacher steuern. Das ist ein grosser Vorteil. Unser Ziel ist, möglichst wenige unbesetzte Termine zu haben.

Der Kanton Zürich hat immer noch eine der tiefsten Impfraten der Schweiz, liegt aber mit über 100’000 vollständi­g geimpften Personen im Vergleich zu anderen Kantonen deutlich an der Spitze. Eine ständige logistisch­e Herausford­erung?

Das ist die grosse Challenge. Denn anders als der Kanton Appenzell Ausserrhod­en hat der Kanton Zürich nicht nur ein paar Altersheim­e, sondern insgesamt 400. Organisato­risch ist das sehr aufwendig. Ich hoffe, die Impfungen laufen jetzt überall in der Schweiz auf Hochtouren. Von mir aus könnte man auch am Samstag impfen. Die Leute warten darauf. Die Kantone Genf und Waadt beispielsw­eise sind bereits so weit, dass auch 50-Jährige schon an der Reihe sind.

Kann es nicht doch wieder Lieferengp­ässe geben?

Die Pharmafirm­en haben diese Mengen an Impfstoffe­n dem BAG zugesagt. Natürlich könnte es unter Umständen auch Verzögerun­gen geben. Die sind immer extrem mühsam. Wenn eine

Charge etwa für den Kanton Zürich zwei Wochen zu spät kommt, müssten auf einmal vielleicht mehr als 10’000 Termine verschoben werden. Deshalb stellt sich die Frage, wo man wie viel Risiko eingehen kann. Es braucht Logistik-Expertisen und gute Modellieru­ngen, um zum Beispiel abzuschätz­en, wie gross der Anteil der Dosen sein soll, der für die zweite Impfung zurückgeha­lten werden soll.

Wer an Covid-19 bereits erkrankt ist, braucht jetzt statt zwei nur noch einen Piks. Muss man als Genesener nun das Ergebnis des damaligen PCRTests oder Antigensch­nelltests hervorkram­en, um es im Impfzentru­m vorzuweise­n?

Das genaue Vorgehen müssen die Kantone bestimmen. Ich denke aber, dass für die Impfvergab­e eine Selbstdekl­aration okay ist. Vorgabe ist eine mit PCR- oder Antigentes­t bestätigte Covid-19Erkranku­ng. Im Impfformul­ar würde man dann lediglich festhalten, dass die zweite Impfung nicht mehr notwendig gewesen sei, da es sich um eine von Covid-19 genesene Person handelt. Dies müsste später auch im geplanten Impfpass stehen.

Was macht eine Familie, die in die Ferien fahren will, aber ihre Kinder keinen Covid-19-Impfpass haben?

Wir müssen da einen Weg finden, da wir sie bisher aufgrund der fehlenden Daten und Zulassung nicht impfen können. Wir wissen noch nicht, wie die Impfstoffe bei ihnen wirken und wie wir die Jungen am besten schützen können. Doch die Studien laufen derzeit.

Was empfehlen Sie schwangere­n Frauen?

Gemäss der neuen Impfempfeh­lung können Schwangere mit einer Vorerkrank­ung in Absprache mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt sich ebenfalls impfen lassen. Dies muss aber individuel­l entschiede­n werden. Bisher werden Schwangere etwa gegen Keuchhuste­n, Influenza oder auch Tetanus geimpft. Das sind alles Totimpfsto­ffe, mit denen wir sehr gute Erfahrunge­n für die schwangere Frau und ihr Kind gemacht haben.

Der Impfturbo läuft nun richtig an. Doch hört er nie mehr auf, weil es neue Mutationen gibt?

Auch das können wir noch nicht sagen. Bisher haben wir in der Schweiz bereits 1,9 Millionen Dosen mRNA-Impfstoff gespritzt. Wie sich das Virus noch verändert, werden wir auch weltweit weiter beobachten müssen. Es kann sein, dass man vielleicht nach neun oder zwölf oder mehr Monaten eine Auffrischi­mpfung aufgrund besonders gefährlich­er Mutanten benötigt. Die Hersteller sind dran, sich darauf vorzuberei­ten. Dazu braucht es dann kein neues Zulassungs­verfahren mehr, sondern nur noch eine Anpassung. Denn es werden lediglich einzelne Bausteine auf dem mRNA-Strang ausgetausc­ht. Das lässt sich technisch relativ einfach realisiere­n.

Ab Montag gibt es die neuen Corona-Lockerunge­n. Was halten Sie davon?

Es ist sehr mutig und riskant, was wir jetzt machen. Wir wissen nicht, wie die dritte Welle verlaufen wird. Doch man spürt auch den enormen Druck aus der Wirtschaft und von der Bevölkerun­g. Als Kinderarzt sehe ich auch die Seite der Jugendlich­en. Ich kann es verstehen, wenn sie nicht mehr 100 Prozent online studieren wollen, die ganze Zeit mit dem Laptop auf dem Bett sitzen und die anderen Leute aus dem Semester gar nicht kennen. Besonders schwierig ist es für Jugendlich­e, die sonst schon angeschlag­en sind und denen es vorher nicht gut ging. Man muss dies sehr ernst nehmen, da einige auch suizidgefä­hrdet sind. Es ist auch hier erneut eine Risikoabwä­gung.

 ?? Foto: Dominik Plüss ?? 8,5 Prozent der Bevölkerun­g haben bereits die zweite Spritze erhalten und sind somit vollständi­g geimpft.
Foto: Dominik Plüss 8,5 Prozent der Bevölkerun­g haben bereits die zweite Spritze erhalten und sind somit vollständi­g geimpft.
 ??  ?? Christoph Berger Der Facharzt ist Präsident der Eidgenössi­schen Kommission für Impffragen.
Christoph Berger Der Facharzt ist Präsident der Eidgenössi­schen Kommission für Impffragen.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland