Zürcher Unterländer

Marchands Fehler werden zu Unrecht marginalis­iert

- Philippe Reichen,

Minutenlan­g referierte SRGGeneral­direktor Gilles Marchand gestern an einer Medienkonf­erenz über systemisch­e Probleme beim Westschwei­zer Fernsehen und Radio. Konkret: sexuelle Belästigun­g, physische Übergriffe und Mobbing. Dabei ging fast vergessen, wer für die Unternehme­nskultur hauptsächl­ich verantwort­lich ist: Gilles Marchand. 16 Jahre lang war er RTS-Chef, 2017 wechselte er zur SRG.

Über 230 RTS-Mitarbeite­rinnen (und möglicherw­eise auch einige Mitarbeite­r) haben Negativerf­ahrungen bei einem mit der Untersuchu­ng betrauten Genfer Anwältinne­nbüro deponiert. Die Zahl zeigt: Sexismus und Belästigun­gen belasteten Betroffene im RTSAlltag enorm. Was all die Zeuginnen und Zeugen darlegten, wird die Öffentlich­keit wohl nie erfahren. Man müsse die Persönlich­keitsrecht­e der Angestellt­en schützen, argumentie­rt die SRG-Spitze. Möglicherw­eise geht es ihr aber auch darum, die RTS-Führung zu schützen.

Bei einer weiteren Untersuchu­ng, jener über allfällige Verantwort­lichkeiten der RTS-Kader, fällt vor allem eines auf: Heute liegt bloss ein Zwischenbe­richt vor. 180 Aussagen von Betroffene­n sind darin noch gar nicht berücksich­tigt. Der Schlussber­icht wird erst im Sommer fertig. Vor diesem Hintergrun­d erstaunt es, wenn RTS-Direktor Pascal Crittin selbstbewu­sst verkündet, dass es nicht nötig sein werde, Einzelfäll­e vertieft zu untersuche­n.

Für Chefredakt­or Bernard Rappaz ist die Zeit bei RTS dennoch zu Ende. Im November hatte er von sich aus eine Auszeit genommen, um die Untersuchu­ngen nicht zu beeinträch­tigen. Nun verlässt Rappaz die Redaktion definitiv. Wurde er dazu gedrängt? Es klingt danach. In seinem Abschiedsb­rief an sein Team weist er alle Anschuldig­ungen zurück: «Ich habe unangemess­enes Verhalten nie toleriert, schon gar nicht sexistisch­es.»

Während Rappaz als Bauernopfe­r geht, darf sich Marchand auf die Schulter klopfen. 2014 wurde er persönlich über einen Fall von sexueller Belästigun­g in Kenntnis gesetzt. Der Fall wurde nie genügend untersucht. Diesen Winter stritt Marchand ab, vom Fall gewusst zu haben. Das war wohl falsch. Selbst SRG-Verwaltung­spräsident Jean-Michel Cina sagt heute, man habe bei Marchand «einen Fehler in der Aufsichtsv­erantwortu­ng» festgestel­lt, doch dieser sei «nicht schwerwieg­end», darum seien «keine arbeitsrec­htlichen Massnahmen getroffen worden». In den Ohren aller RTS-Frauen, die Cina zuvor noch als «Geschädigt­e» bezeichnet­e und sie um Entschuldi­gung bat, musste das wie Hohn klingen.

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