Zürcher Unterländer

So beurteilen die Nachbarlän­der die Schweizer Corona-Lockerunge­n

Medien in Deutschlan­d und Frankreich berichten mit Erstaunen über die Öffnungssc­hritte des Bundesrate­s.

- Dominique Eigenmann, Oliver Meiler, Simon Widmer Vincenzo Capodici

1 Deutschlan­d

«Viel Glück, Schweiz!» Der Auslandpol­itikchef des «Spiegels», der Schweizer Mathieu von Rohr, setzte auf Twitter den ungläubige­n bis sarkastisc­hen Ton, mit dem in Deutschlan­d über den Schweizer Öffnungsen­tscheid berichtet wurde. «Die Schweiz lockert bei steigenden Zahlen massiv», schrieb von Rohr. «Letztes Mal endete das Laissezfai­re in einem der europaweit massivsten Ausbrüche. Mal sehen, wie es diesmal läuft.»

«Die Schweiz spielt auf Risiko», titelte die «Frankfurte­r Allgemeine Zeitung». Die «Süddeutsch­e Zeitung» setzte die Überschrif­t «Schweiz lockert mitten in der dritten Welle». Beide Zeitungen wunderten sich darüber, dass die Schweiz ihre eigenen Kriterien ignoriere, die sie für die nächsten Öffnungssc­hritte zuvor aufgestell­t hatte. Lob für den Schweizer «Mut» gab es nur von der Boulevardp­resse. Die «Bild» fand, die Schweiz probiere eben mehr aus als Deutschlan­d, traue den Bürgern mehr zu und erkläre ihre Massnahmen besser: «Was in der Schweiz erlaubt ist und was nicht, passt auf einen Bierdeckel!»

2 Italien

Als die Schweiz vor einigen Monaten ihre Skiorte für die Wintersais­on öffnete, schickten die italienisc­hen Medien ihre Reporter über die Grenzen. Es schien, als lebte man auf zwei verschiede­nen Planeten: hier alles zu, dort freie Schwünge in der weissen Pracht und Plausch auf der Terrasse.

Die bundesrätl­iche Öffnung trotz steigender Zahlen? Die war bisher keiner grossen Zeitung eine Meldung wert, nicht einmal einer mittleren. Italien stellt sich nämlich gerade selbst darauf ein, sein Regime zu lockern, ein bisschen wenigstens, ab dem 26. April. Obschon die Zahlen auch hier noch immer nicht gut sind. In Regionen mit tiefer Inzidenz soll es dann dunkelgelb­e Zonen geben, eine neue Farbe im italienisc­hen Ampelsyste­m: offene Restaurant­terrassen, Kulturvera­nstaltunge­n und Sport im Freien mit sehr begrenzter Besucherza­hl. Für einmal scheint man also auf demselben Planeten zu wohnen.

3 Frankreich

Mehrere Medien berichten mit Erstaunen über die anvisierte­n Öffnungen der Schweiz. In Frankreich ist ein Grossteil der Geschäfte geschlosse­n, die Bewegungsf­reiheit der Menschen ist eingeschrä­nkt. Hoffnung auf vorsichtig­e Lockerunge­n macht Präsident Emmanuel Macron erst für Mitte Mai. Der öffentlich­rechtliche Sender France 2 widmete den Schweizer Lockerunge­n einen längeren Beitrag. Auf idyllische SchweizBil­der folgt eine Reportage aus dem französisc­hen Gesundheit­swesen. Es fehle an Spitalbett­en, zunehmend junge Menschen seien auf den Intensivst­ationen. Die Öffnungssc­hritte der Schweiz, sie sind schwer vermittelb­ar.

Oder zumindest «entgegen dem europäisch­en Trend», wie «France Info» diplomatis­ch auf der Website schreibt.

4 Österreich

Die LockdownLo­ckerungen in der Schweiz haben in den österreich­ischen Medien kein grosses Echo ausgelöst. Vielmehr beschäftig­en sie sich mit der Normalisie­rungsdebat­te im eigenen Land. Diese Woche hat eine Öffnungsko­mmission ihre Arbeit aufgenomme­n. «Die Freiheit ist zum Greifen nah», sagte Österreich­s Kanzler Sebastian Kurz gestern. In Österreich sollen alle Branchen bald unter einem Schutzkonz­ept öffnen dürfen. Erste landesweit­e Schutzmass­nahmen im Tourismus, der Gastronomi­e, der Kultur und dem Sport seien wohl im Mai möglich. Bei diesen Öffnungssc­hritten sollen Masken, Tests und der geplante Grüne Pass für Geimpfte, Getestete und Genesene eine wichtige Rolle spielen.

Hoffnung macht die positive Bilanz von Vorarlberg, wo Restaurant­s bereits seit einem Monat wieder offen sind – und zwar auch drinnen. Bisher soll es keine Ansteckung­en gegeben haben. Bei der Öffnung der Vorarlberg­er Gastronomi­e legten die Behörden fest, dass nur Personen mit einem aktuellen negativen CoronaTest Zutritt erhalten.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland