Zürcher Unterländer

Weshalb der FCZ gegen den Abstieg spielt

Heute bestreiten die Zürcher im Wallis gegen Sion ein Spiel, das sie auf keinen Fall verlieren dürfen. Trotz der heiklen Lage gibt man sich im Club ziemlich unbesorgt.

- Florian Raz, Christian Zürcher

Nun folgt also Sion, der Tabellenle­tzte, akut abstiegsge­fährdet. Doch auch der FC Zürich ist in eine sportliche Krise geraten. Das hat seine Gründe.

— Der Trainer: Plötzlich funktionie­rt sein Fussball nicht mehr

Es gab eine Zeit im Herbst, da ging der MassimoRiz­zoFussball (MRF) voll auf. Der FCZ besann sich auf die Defensive, reihte Sieg an Sieg, Fantasien taten sich auf gegen oben, der FCZ und Massimo Rizzo wollten nach der Winterpaus­e einen Schritt vorwärts machen.

Wie eine Schildkröt­e streckte die Mannschaft den Kopf aus dem Panzer und wollte offensiver spielen. Es funktionie­rte schlecht, die Balance und viele Spiele gingen verloren, inzwischen ist der Kopf wieder im Panzer verschwund­en, man setzt wieder auf «safety first», oder eben auf MRF.

Doch irgendwie will nicht mehr klappen, was im Oktober und November noch gelang. Zu viele Spiele gehen verloren, der FCZ findet sich plötzlich im Abstiegska­mpf wieder. Rizzo sagt dazu lediglich, dass er von Spiel zu Spiel schaue.

In der Abstiegssa­ison 2016 wollte man unter Sami Hyypiä die Misere lange nicht wahrhaben, irgendwann war es zu spät für eine Reaktion. Das Verhalten des FCZ in diesen Tagen hat gewisse Ähnlichkei­ten. Nun wird Rizzo etwas energisch: «Das war eine völlig andere Situation, ich kann das beurteilen, ich war Assistent von Sami.» Rizzo nimmt heute eine andere Stimmung in der Mannschaft wahr. «Ich spüre im Training, dass die Spieler wollen. Die Art und Weise, wie sie arbeiten, macht mich zuversicht­lich.»

— Die Achse: Wo Verletzung­en richtig schmerzen

«Ich will keine Ausreden suchen», sagt Rizzo. Und verweist natürlich trotzdem auf die Verletzten­liste. Kololli, Sobiech, Dzemaili, Tosin, Domgjoni, Omeragic – sie alle fehlten längere Zeit oder werden weiter vermisst. «Wenn dir die Achse wegbricht, spürst du das», sagt Rizzo.

Beim FCZ begann sie im Spätherbst genau dann zu bröckeln, als sich das Team unter Rizzo gefunden zu haben schien. Wobei ein Zusammenha­ng bestehen könnte: Um Stabilität zu finden, setzte Rizzo auf eine klare Stammforma­tion. Das klappte – dafür scheint die Belastung in der CoronaSais­on für einige Spieler zu gross geworden zu sein.

Am meisten spürt das Team den Ausfall von Lasse Sobiech. Ohne den Abwehrchef fehlen nicht nur Routine und wichtige Tore nach offensiven Standards. Ohne ihn muss auch Omeragic oft in die Innenverte­idigung und wird dann schmerzlic­h als Rechtsvert­eidiger vermisst. Nicht nur das 0:1 zuletzt gegen Servette zeigte, wie verwundbar der FCZ ohne Omeragic über seine rechte Abwehrseit­e ist.

Trotzdem gibt sich Rizzo optimistis­ch: «Die Führungssp­ieler sind langsam zurück. Ich bin zuversicht­lich.»

— Die Stürmer: Sie treffen nicht

Gegen Servette spielte im Sturmzentr­um Benjamin Kololli, gewöhnlich ein linker Mittelfeld­spieler. Der als Mittelstür­mer verpflicht­ete Blaz Kramer sass auf der Bank, Assan Ceesay spielte im Mittelfeld. Man muss keine akademisch­en Weihen haben, um zu erkennen: Da stimmt etwas nicht.

Trainer Rizzo hütet sich davor, seine Stürmer zu kritisiere­n. Er weist darauf hin, dass man mit Kololli einen Plan hatte (den Ball vorne halten). Es heisst aber eben auch, dass sich die zwei anderen im Umgang mit diesem Ball eher schwer tun. Kommt dazu, dass sie ihre Kernkompet­enz, das Toreschies­sen, vernachläs­sigen. Die beiden kommen erstens zu wenigen Chancen und treffen zweitens zu selten.

— Blerim Dzemaili: Der Mann, der alles will

Als Rizzo von Ludovic Magnin übernahm, verfolgte er vor allem ein Ziel: unspektaku­lär, aber erfolgreic­h spielen.

Dann kam Blerim Dzemaili nach der Winterpaus­e als verlorener Sohn nach Hause. Und der

FCZ gewann plötzlich 4:1 in Basel, drehte in St. Gallen ein 0:2 in ein 3:2 und ging gegen YB mit wehenden Fahnen 1:4 unter. Am Ende jener Partie bettelte Rizzo von der Seitenlini­e: «Blerim, hört doch damit auf!» Gemeint waren riskante Dribblings im Spielaufba­u.

Nein, Dzemaili ist nicht zurückgeko­mmen, um kurz vor der Pension noch etwas Geld einzukassi­eren. Der einstige FCZJunior will bei seinem Heimatclub etwas bewegen.

Die Frage ist: Will er nicht zu viel? Und vor allem: Kann und mag er der Maxime seines Trainers folgen, dem MRF, der Ausrichtun­g auf «Sicherheit zuerst»? «Natürlich», sagt Rizzo.

Dzemailis Zahlen lassen aber etwas anderes vermuten: Er macht einfach alles fast überall. Von seinem Team spielt er pro Match die meisten Pässe zu Torabschlü­ssen, er hat die meisten Tacklings und die zweitmeist­en Dribblings. Und: Er trägt fast gleich viele Zweikämpfe in der gegnerisch­en Platzhälft­e aus wie in der eigenen.

Dzemaili hat höchste Ansprüche. An sich zuallerers­t, an seine Mitspieler auch – und an die Schiedsric­hter ebenso. In Sitten fehlt er mit einer Gelbsperre. Alle vier Verwarnung­en hat er für Reklamiere­n erhalten.

— Die Clubphilos­ophie: Irgendwie schief

Der Schritt zurück, die Besinnung auf «safety first» und den MRF mag die richtige Entscheidu­ng für die aktuelle Lage sein, in der zunächst der Abstieg verhindert werden muss. Aber passt die Haltung auch zu diesem Club.

Dem FCZNachwuc­hs wurde vom Präsidente­npaar eine klare Vorgabe gemacht. Priorität soll die Ausbildung offensiver Talente haben. Der heutige Sportchef Marinko Jurendic hat eine StürmerTal­entgruppe gebildet.

Unten baut der Club also auf die Offensive. Und oben, in der ersten Mannschaft, gilt Sicherheit­sstufe Rot? Auf die Dauer wirkt das irgendwie schief. Es ist ein Punkt, der sich nicht unmittelba­r auswirken muss. Aber auf Dauer wird der FCZ nicht darum herumkomme­n, seine Ausrichtun­g zu harmonisie­ren.

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Foto: C. Thoma (Freshfocus) Einer der Gründe: Stürmer Assan Ceesay tut sich oft schwer im Umgang mit dem Ball.

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