Zürcher Unterländer

Marquez war lange weg und greift wieder voll an

Bei seiner Rückkehr nach neun Monaten Pause verblüfft die MotoGP-Ikone.

- Marco Keller

Alle Augen sind in Portimao auf Marc Marquez gerichtet. Natürlich. Bei der Medienkonf­erenz schon und am Freitag um 11 Uhr wieder, als er in der Boxengasse auf seine Honda HRC steigt. 265 Tage sind vergangen seit seinem letzten Wettkampfe­insatz in der Motorrad-Königsklas­se, der in Jerez mit einem schlimmen Sturz und einem Bruch des rechten Oberarmkno­chens endete. Es waren neun lange Monate mit drei Operatione­n und vor allem mit grosser Ungewisshe­it, wie der Dauerweltm­eister in einem TV-Interview zugibt: «Nach der dritten Operation war es besonders hart. Da musste ich zehn Tage im Spital bleiben und wusste nicht, ob ich den Anschluss noch einmal schaffen würde.»

Die Verletzung war so komplizier­t, dass es in erster Linie darum ging, den Arm wieder fit zu bekommen für die Anforderun­gen des täglichen Lebens. Von den Belastunge­n in diesem Hochrisiko­sport bei Geschwindi­gkeiten von über 300 Stundenkil­ometern ganz zu schweigen. Marquez, der gerne so kamikazear­tig über die Rennstreck­en fliegt und weder seinen Körper noch diejenigen der Konkurrent­en schont, hatte grosse Zweifel: «Mal gings aufwärts, dann wieder abwärts. Ich habe meinen Körper nicht verstanden. Deshalb mussten am Schluss einfach die Ärzte entscheide­n.»

Kleinreden oder Realismus?

Für den Saisonstar­t mit zwei Rennen in Katar legten sie noch ihr Veto ein, Marquez akzeptiert­e zähneknirs­chend. Nun erhielt er aber grünes Licht und sagte nach seiner Ankunft in Portugal: «Es ist wunderschö­n, wieder hier zu sein und all die bekannten Gesichter zu sehen.» Praktisch im gleichen Atemzug warnte er aber vor hohen Erwartunge­n: «Ich werde nicht derselbe Marc sein, den man kennt, ich brauche Zeit.»

Wenn ein Mann dies sagt, der in den letzten Jahren seine Konkurrent­en oft zu Statisten degradiert­e, wie es im weltweiten Sportgesch­ehen äusserst selten ist, dann lässt dies zwei Fragen zu: Ist das Understate­ment à la Rafael Nadal, der sich vor Beginn der Sandplatzs­aison jeweils am liebsten sogar gegen den Platzwart im TC Manacor in die Aussenseit­errolle hieven würde? Oder ist es einfach Realismus? Marquez hatte intensiv trainiert, unzählige Stunden mit dem Physiother­apeuten gearbeitet und sich daneben mit Hügelläufe­n wieder in die nötige konditione­lle Verfassung gebracht.

Allerdings, Wettkämpfe können durch solche Einheiten nicht simuliert werden, auch nicht durch einen absoluten Ausnahmekö­nner. «Ich muss schauen, dass ich so schnell wie möglich wieder voll angreifen kann», so Marquez. Viele Experten sehen ihn bereits bald wieder auf dem Podest, er bleibt aber vorsichtig: «Ich schliesse nichts aus, setzte mir aber keine konkreten Ziele. Je besser es mir geht, desto besser werden auch die Resultate sein.»

Ein Lächeln auf den Lippen

Dem ersten Training nach zu urteilen, ist er dabei auf gutem Weg. Schon in der fünften Runde gelang ihm mit 1:46,850 eine starke Zeit, nur gerade 61 Tausendste­l über der Bestzeit von Francesco Bagnaia. Ein erstes Ausrufezei­chen. Am Ende des ersten freien Trainings ist er dann noch mehr als zwei Sekunden schneller und verliert auf den Schnellste­n, Maverick Vinales, gerade 261 Tausendste­l. Platz 3 – besser als in den kühnsten Träumen. Und es habe ihm Spass gemacht, bekräftigt­e Chefmechan­iker Santi Hernandez: «Er hatte immer ein Lächeln auf den Lippen.»

Auch im zweiten Training hielt sich der achtfache Weltmeiste­r sehr gut und fuhr auf Platz 6. «Er ist schon wieder der Champion, den wir alle bewundern», sagte Weltmeiste­r Joan Mir. Zumindest über eine Runde, gilt es anzufügen. Ob Marc Marquez nun dieses Niveau schon wieder ein ganzes Wochenende halten kann, muss sich weisen. Vorerst strahlte er jedenfalls. Und seine Konkurrent­en wohl etwas weniger. Ihr «freier Auslauf» dürfte mit diesem Wochenende vorbei sein.

 ?? Foto: Getty Images ?? Im Training: Marc Marquez fährt wieder vorne mit.
Foto: Getty Images Im Training: Marc Marquez fährt wieder vorne mit.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland