Zürcher Unterländer

Mensch-Tier-Embryo gezüchtet

Ein internatio­nales Forscherte­am hat menschlich­e Stammzelle­n in Embryonen von Makaken gespritzt – die entstanden­en Mischwesen lebten fast drei Wochen in der Kulturscha­le.

- Christina Berndt

Bereits im Juli 2019 erzählte Juan Carlos Izpisua Belmonte der Zeitung «El País», dass er gemeinsam mit chinesisch­en Wissenscha­ftlern Embryonen gezüchtet habe, in denen sowohl Mensch als auch Affe steckt. Damit löste der spanische Stammzellf­orscher neben Zweifeln und Bewunderun­g vor allem Empörung aus. Fast zwei Jahre später ist nun die zugehörige wissenscha­ftliche Veröffentl­ichung im angesehene­n Journal «Cell» da – und es darf erwartet werden, dass sie erneut zu Diskussion­en führen wird.

Denn Izpisua Belmonte hat mit seiner Arbeit zweifelsoh­ne eine ethische Grenze übersprung­en. Was er getan hat, so viel kann man sachlich und auch ohne Empörung feststelle­n, ist schlicht wider die Natur: Chimären aus verschiede­nen Arten soll es eigentlich nicht geben. Ausser der erfolgreic­hen Liebe zwischen Eseln und Pferden gibt es kaum Beispiele dafür.

Izpisua Belmonte vom Salk Institute in San Diego hat mit seinem Team zunächst Embryonen von Javaneraff­en in der Kulturscha­le angezüchte­t und diesen nach sechs Tagen extrem wandlungsf­ähige menschlich­e Stammzelle­n (sogenannte erweiterte pluripoten­te Stammzelle­n, hEPSC) eingepflan­zt.

Tatsächlic­h fügten sich die menschlich­en Zellen in die Affenembry­onen ein. Es entstanden 132 Affe-Mensch-Chimären, von denen nach zehn Tagen noch 103 lebten und am 19. Tag immerhin noch 3. Dabei leisteten die menschlich­en Zellen einen echten Beitrag zur Entwicklun­g der Chimären. Auch beeinfluss­ten Affen- und Menschenze­llen einander gegenseiti­g. Die Experiment­e sind nicht nur wegen der ethischen Fragen, die sie aufwerfen, erstaunlic­h. Aufsehener­regend ist auch, dass sie überhaupt gelungen sind.

«Dringender rechtliche­r Regelungsb­edarf»

Nie zuvor haben Tier-MenschEmbr­yonen so lange in der Kulturscha­le überlebt. Frühere Versuche mit Chimären von Mensch und Schwein sowie von Mensch und Maus waren gescheiter­t. Die Affe-Mensch-Chimären scheinen hingegen recht lebenstüch­tig zu sein, doch daraus ergibt sich eine bange Ahnung: Würden sie einer menschlich­en oder tierischen Leihmutter eingepflan­zt, könnten sie sich zu einem eigenständ­igen Lebewesen entwickeln.

Izpisua Belmonte versichert, dass er so etwas keineswegs vorhabe. Auch hätten Ethikkommi­ssionen seine Experiment­e zuvor begutachte­t. «Es ist unsere Verantwort­ung als Wissenscha­ftler, unsere Forschung gut zu durchdenke­n und allen ethischen, rechtliche­n und sozialen Richtlinie­n zu folgen», sagte er. Ziel seiner Experiment­e sei es, die Embryonale­ntwicklung besser zu verstehen. Auch arbeitet er schon seit langem daran, in Schweinen menschlich­e Organe und Gewebe für kranke Menschen zu züchten.

Ethiker fordern, dass Gesellscha­ft und Gesetzgebe­r die Chimären-Thematik endlich angehen. Es bestehe «ein dringender rechtliche­r Regelungsb­edarf für diese Art der Forschung», sagt Michael Coors, Leiter des Instituts für Sozialethi­k am Ethikzentr­um der Universitä­t Zürich.

Dabei geht es nicht nur um die mögliche Entstehung von Mischwesen, in denen menschlich­e Zellen die Gehirne von Affen beeinfluss­en oder in die Spermien eindringen und so an die nächste Generation weitergege­ben werden. Es geht auch um die Instrument­alisierung der Tiere und «die potenziell­en Leiden, die man diesen Chimären möglicherw­eise zufügen würde».

 ?? Foto: Alamy Stock ?? Augen auf: Dieses Tier ist ganz Javaneraff­e (Makake).
Foto: Alamy Stock Augen auf: Dieses Tier ist ganz Javaneraff­e (Makake).

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland