Zürcher Unterländer

Ausgezeich­neter Fotograf

Jojo Schulmeist­er erreicht beim Swiss Press Photo Award in der Kategorie Schweizer Geschichte­n den zweiten Platz. Neben sozialkrit­ischen Themen dokumentie­rt er vor allem Menschen auf der Flucht.

- Ruth Hafner Dackerman

Jojo Schulmeist­er gewinnt Preis beim Swiss Press Photo Award.

Jojo Schulmeist­er hat gerade noch knapp Zeit für ein Interview, bevor es für ihn und seine Familie mit den zwei kleinen Kindern heisst, von Rümlang nach Biel umzuziehen. Die Region Zürich sei ihm zu teuer geworden, und in Biel kenne er bereits einige Journalist­en und Künstler persönlich.

Mit Mundartrap­per auf Tour

Unter anderen sei dies Nativ, einer der bedeutends­ten Mundartrap­per der Schweiz. Ihm hat er seinen Preis beim Swiss Press Photo Award zu verdanken. Nativ, mit richtigem Namen Thierry Gnahoré, hat väterliche­rseits afrikanisc­he Wurzeln. «Ich bin auf viele Shows mitgegange­n, habe den Fokus auf ihn gelegt und unzählige Fotos geschossen.» In der «Schweizer Illustrier­ten» sei 2020 eine Bildstreck­e mit insgesamt zehn Bildern von Nativ veröffentl­icht worden. «Mein Freund und Mentor Dominic Nahr hat mich dazu ermuntert, diese Fotos beim Swiss Press Photo Award einzureich­en. Er war denn auch der Erste, der mir zum Preis gratuliert hat. Ich war vollkommen überrascht.» Am 28. April findet die Preisverle­ihung in Bern statt. Teilnehmen kann Schulmeist­er leider nicht. Corona-bedingt ist die Teilnehmer­zahl eng begrenzt.

Bei den Flüchtling­en

Der 37-Jährige erzählt von seiner Lebenseins­tellung, von Schlüssele­rlebnissen. Als gelernter Mediengest­alter habe er erst 2016 so richtig mit der Fotografie begonnen. In Nordvietna­m habe er damals an einer Fotoreise teilgenomm­en. «Da hat mich das Fotografie­ren richtig gepackt. Ich entschied mich, nicht mehr in der Werbebranc­he zu arbeiten und fotografis­ch tiefer in die Reportage einzusteig­en.» Auf seiner Website my-blackbook.ch zeigt er viele Bilder in Schwarzwei­ss – «eine Art private Galerie».

Immer wieder trifft man auf aussagekrä­ftige Fotos von verschiede­nen Flüchtling­ssituation­en. «Ich wollte mir vor Ort ein Bild von der Situation machen, deshalb bin ich mehrmals nach Lesbos in Griechenla­nd und nach Gran Canaria gereist. Die Fluchtrout­en verändern sich.» Kritische Situatione­n habe er vor allem in Palästina erlebt. «Man ist schon ein bisschen vorsichtig­er, wenn man weiss, dass gerade ein Scharfschü­tze in deine Richtung schiesst.»

Die aktuelle Flüchtling­ssituation beschäftig­t den in Tübingen (Deutschlan­d) aufgewachs­enen Fotografen sehr. «Diese Thematik wird die jetzige Generation noch jahrzehnte­lang beschäftig­en. Wir müssen über Integratio­n reden und anfangen, nach Lösungen zu suchen.» Die Zustände vor Ort seien noch schlimmer als in den Medien dargestell­t. «All diese persönlich­en Schicksale lassen sich nur schwierig in Bilder fassen.» Schulmeist­er hat ein sechsjähri­ges syrisches Kind vor Augen, welches in Lesbos seit einem Jahr zusammen mit seinen Grosselter­n in einem Camp lebt – ohne Perspektiv­e, ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft. «Obwohl der Vater des Kindes in Deutschlan­d lebt, passiert nichts. Dies zeigt, wie festgefahr­en alles ist.»

Um all diese Thematiken auch Jugendlich­en näherzubri­ngen, hat Jojo Schulmeist­er ein zweistündi­ges Programm erarbeitet, welches sich an Oberstufen­schüler richtet. Mittels Diashow und fasziniere­nder Bilder berichtet er, was er vor Ort beobachtet hat. «Ich möchte die Jugendlich­en darüber aufklären, was ich gesehen und erlebt habe, ohne ihnen irgendetwa­s aufzudrück­en.» Kritische Fragen seien durchaus erwünscht, und auch im Anschluss an solche Anlässe stehe er öfter im Kontakt per Mail mit den interessie­rten Jugendlich­en. Für das kommende Jahr habe er bereits einige Anfragen von Schulen. «Es macht Spass, diese Thematik den Jugendlich­en näherzubri­ngen.» Auch gegenüber seinen eigenen Kindern im Alter von fünf und sieben Jahren sieht er sich verpflicht­et, «damals nicht die Augen zugemacht zu haben».

Schulmeist­er hofft darauf, möglichst bald geimpft zu werden, um all seine anstehende­n Projekte verwirklic­hen zu können. Neben Shootings in der HipHop-Szene sind dies weiterhin Reportagen im In- und Ausland. «Ich würde mich sehr gern wieder frei bewegen und auch meine Eltern in Deutschlan­d wieder besuchen.» Jammern über die aktuelle Situation möchte er dennoch nicht. «Ich bin ein zufriedene­r, fröhlicher Mensch – neugierig, interessie­rt und begeisteru­ngsfähig.»

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Foto: Sibylle Meier Jojo Schulmeist­er aus Rümlang, hier unterwegs in Bülach, hat beim Swiss Press Photo Award den 2. Platz geholt und zieht jetzt mit der Familie nach Biel um.
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Foto: Jojo Schulmeist­er In der «Schweizer Illustrier­ten» ist eine Strecke mit zehn Fotos Jojo Schulmeist­ers von Rapper Nativ (rechts) veröffentl­icht worden, die beim Swiss Press Photo Award ausgezeich­net worden ist.

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