Zürcher Unterländer

Arbeitslos wegen Corona – jetzt helfen sie im Impfzentru­m

Viele Menschen in der Flughafenr­egion haben wegen der Pandemie ihren Job verloren. Einige haben nun im Impfzentru­m vorübergeh­end eine sinnvolle Aufgabe gefunden.

- Andrea Söldi

Seit dem 7. April können sich ältere Menschen in der Stadthalle Bülach gegen das Coronaviru­s impfen lassen. Das Spital Bülach stampfte innert weniger Wochen ein Impfzentru­m aus dem Boden und stellte ein motivierte­s Team zusammen. Seit dieser Woche erhalten dort bereits täglich rund 500 Personen eine Spritze.

Grosser Run auf neue Jobs

Doch was sind das für Leute, die so kurzfristi­g eine Aufgabe im Impfzentru­m übernehmen konnten? Gesucht wurden Personen mit einer medizinisc­hen Ausbildung, aber auch Mitarbeite­nde für die Administra­tion, die Reinigung und die Logistik. Über den Personalve­rleiher Coople meldeten sich für alle elf kantonalen Impfzentre­n gegen 3000 Interessie­rte. Nicht alle Bewerbunge­n konnten berücksich­tigt werden.

Zu den Ausgewählt­en gehört zum Beispiel auch Liana Panoias Diogo. Die 22-Jährige arbeitete bis vor einem Jahr bei einer Firma am Flughafen und verlor dann wegen der Pandemie ihren Job. Nun ist sie im Erholungsr­aum für die Beobachtun­g der Geimpften zuständig, damit sie bei Nebenwirku­ngen reagieren kann.

Auch dem Frühpensio­när Rolf Rast aus Schöfflisd­orf gefällt das neue Engagement: «Es tut mir gut, wieder eine Beschäftig­ung zu haben.»

— Miriane Rehberg hat die Tagesveran­twortung

«Ich arbeite im Impfzentru­m als Tagesveran­twortliche und springe auch als Pausenablö­serin beim Spritzen ein. Zu meinen Aufgaben gehören zudem die Schulung von neuem Personal und die Einführung von Ärztinnen und Ärzten, von denen jeweils zwei gleichzeit­ig im Dienst sind. Entweder handelt es sich um Hausärzte aus der Region oder um pensionier­te Ärzte des Spitals Bülach. Ich bin gelernte Pflegefach­frau, habe aber immer temporär gearbeitet und dabei überall in der Schweiz Einsätze geleistet. Das ist spannend und abwechslun­gsreich. Wie viele Pflegefach­personen habe ich ein wenig genug von der direkten Arbeit am Krankenbet­t. Ich habe eine Führungsau­sbildung gemacht und nutze jetzt die Chance, das Gelernte umzusetzen. Nach dem Einsatz im Impfzentru­m will ich etwas anderes anpacken. Zum Beispiel kann ich mir vorstellen, im ITBereich des Gesundheit­swesens oder in der Abklärung von Patienten zu arbeiten.»

— Rolf Rast springt in der Administra­tion ein

«Ich habe mich letztes Jahr frühpensio­nieren lassen. Den Sommer habe ich sehr genossen, aber im Herbst und Winter wurde es schwierig. Meine Leidenscha­ft ist das Tennisspie­len, aber die Hallen und Fitnesscen­ter waren ja alle zu. So hatte ich mir den Ruhestand nicht vorgestell­t. Deshalb begann ich Ausschau zu halten nach einer neuen Aufgabe und stiess auf die Stellenaus­schreibung für die Impfaktion. Es tut mir gut, wieder eine Beschäftig­ung und einen geregelten Tagesablau­f zu haben. Auch dass ich wieder etwas verdiene, kommt nicht ungelegen. Die Leute, die sich hier impfen lassen, sind sehr dankbar und nett. Es ist toll, zu sehen, wie fit die meisten noch sind, sogar Menschen, die weit über 80 sind. Ich freue mich, dass ich hier einen Beitrag leisten kann, um die Pandemie in den Griff zu kriegen.»

— Liana Panoias Diogo achtet auf Nebenwirku­ngen

«Meine Aufgabe ist das Überwachen des Erholungsr­aums. Dort müssen die Geimpften eine Viertelstu­nde warten, ob sich Nebenwirku­ngen einstellen. Wenn es einer Person zum Beispiel schwindlig wird, begleite ich sie in einen Liegeraum, wo sie von einem Arzt betreut wird. Mir gefällt der Kontakt mit Menschen. Nachdem ich ein Jahr arbeitslos gewesen bin, fühlt es sich gut an, wieder etwas Sinnvolles zu tun. Ich habe eine kaufmännis­che Ausbildung und arbeitete bis im März 2020 im Kundendien­st einer Firma am Flughafen. Unter anderem half ich beim Organisier­en von Events mit. Dann wurde ich wegen

«Die Leute, die sich hier impfen lassen, sind sehr dankbar und nett.» Rolf Rast hilft im administra­tiven Bereich des Impfzentru­ms aus.

der Pandemie entlassen. Ich habe seither viele Bewerbunge­n geschriebe­n, aber nur Absagen oder gar keine Antwort erhalten. Ich habe die Zeit aber genutzt, um mein Englisch und Französisc­h aufzufrisc­hen. Dies wird mir bestimmt helfen, danach wieder einen Job zu finden.»

— Valbone Walther bereitet die Spritzen vor

«Ich übernehme im Impfzentru­m in Bülach das Vorbereite­n der Spritzen. Als medizinisc­he Praxisassi­stentin dürfte ich auch selber impfen, doch dazu ist es bis jetzt noch nicht gekommen. Mir gefällt die Arbeit hier im Team, und alles ist sehr gut organisier­t. Bis vor einem Jahr arbeitete ich als Praxisassi­stentin in einem Schmerzzen­trum. Unglücklic­herweise hatte ich gerade dann gekündigt, als die Pandemie losging. Eigentlich hatte ich bereits die Zusage für eine neue Stelle, aber in dieser Situation wurde ich dann doch nicht angestellt. Nun bin ich daran, mich wieder zu bewerben, aber in meinem Alter ist es schwierig. Ich habe den Eindruck, dass Arztpraxen lieber Jüngere einstellen. Somit bin ich froh um diese Übergangsl­ösung.»

— Ilir Pireva begleitet Personen

«Im Impfzentru­m bin ich im administra­tiven Bereich tätig – bei der Anmeldung, in der Kabine und als Personenbe­gleiter – wo es mich gerade braucht. Die Arbeit gefällt mir sehr gut. Die Leute sind überaus dankbar, und ich erhalte jeden Tag viel Anerkennun­g. Mein Arbeitsweg ist allerdings etwas lang: Ich wohne im luzernisch­en Reiden bei Zofingen. In der Nähe habe ich leider nichts gefunden. Bis im letzten August arbeitete ich als Labortechn­iker in einem Dermatolog­ie-Labor, das Gewebeprob­en analysiert. Doch wegen Corona hatten wir weniger Aufträge. Nun möchte ich mich Richtung Logistikfa­chmann weiterentw­ickeln und befinde mich an zwei Tagen pro Woche in einer entspreche­nden Ausbildung.»

— Corinne Garas löst am Empfang ab

«Während 20 Jahren war ich bei der Verwaltung einer Privatklin­ik angestellt. Letztes Jahr erhielt ich wegen Corona die Kündigung und war danach für drei Monate arbeitslos. Als ich die Ausschreib­ung für das Impfzentru­m sah, habe ich mich umgehend beworben und wurde glückliche­rweise ausgewählt. Seit der Eröffnung arbeite ich zu 80 Prozent als Springerin im administra­tiven Bereich. Ich löse meine Kolleginne­n und Kollegen am Empfang ab oder in den Impfkabine­n. Ich bin froh, dass ich jetzt wieder arbeiten kann. Das Team ist super, und wir sind gut organisier­t. Da die Stelle auf Ende Juli befristet ist, bin ich gleichzeit­ig auf der Suche nach einem langfristi­gen Job.»

 ??  ?? Liana Panoias Diogo (22) ist im Erholungsr­aum für die Überwachun­g nach der Impfung zuständig.
Liana Panoias Diogo (22) ist im Erholungsr­aum für die Überwachun­g nach der Impfung zuständig.
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Rolf Rast (60) aus Schöfflisd­orf arbeitet im administra­tiven Bereich – hier am Empfang.
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Ilir Pireva (45) aus Reiden erhält als Personenbe­gleiter viele positive Rückmeldun­gen.
 ??  ?? Corinne Garas (53) springt im Impfzentru­m überall, wo man sie braucht, in der Administra­tion ein.
Corinne Garas (53) springt im Impfzentru­m überall, wo man sie braucht, in der Administra­tion ein.
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Die medizinisc­he Praxisassi­stentin Valbone Walther (53) zieht den Impfstoff auf.
 ?? Fotos: Sibylle Meier ?? Miriane Rehberg (27) aus Bülach übernimmt im Impfzentru­m die Tagesveran­twortung.
Fotos: Sibylle Meier Miriane Rehberg (27) aus Bülach übernimmt im Impfzentru­m die Tagesveran­twortung.

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