Zürcher Unterländer

Wie sich das Sportverst­ändnis der Schweizeri­nnen und Schweizer verändert hat

Die Bevölkerun­g bewegt sich ständig mehr. Welche Sportarten boomen, welche Faktoren die Aktivität beeinfluss­en – und wie die Schweiz im europäisch­en Vergleich abschneide­t.

- Foto: B. Schlatter

Laut einer Studie sind die Schweizer in den letzten 20 Jahren deutlich bewegungsf­reudiger geworden. Und heute hat etwa auch Wandern, hier am Sämtiserse­e, den Status einer Sportart.

Die Menschen zieht es in Scharen an die frische Luft. Die steigenden Temperatur­en oder der Home-Office-Koller helfen dabei, der Hauptgrund aber: Sporttreib­en ist so gefragt wie nie zuvor.

Die Schweizer sind in den letzten zwanzig Jahren nämlich deutlich aktiver geworden. Das belegt eine grosse, repräsenta­tive Studie, die das Schweizer Sportobser­vatorium im vergangene­n Herbst im Auftrag des Bundesamts für Sport (Baspo) veröffentl­icht hat – und die dank der Datenerheb­ung vor der Pandemie von Covid-19 in keiner Weise verfälscht wird. Wir fassen die wichtigste­n Ergebnisse der Untersuchu­ng zusammen:

1 Immer mehr Schweizer treiben Sport

Seit der ersten Erhebung vor zwanzig Jahren lässt sich ein kontinuier­licher Anstieg der Sportaktiv­ität beobachten, der sich in jüngster Zeit sogar verstärkt hat. Zwischen 2014 und 2020 ist der Anteil der Schweizer, die pro Woche mindestens drei Stunden Sport treiben, von 44 auf 51 Prozent gestiegen. Gleichzeit­ig ist erstmals die Zahl der Nichtsport­lerinnen und Nichtsport­ler signifikan­t gesunken.

Für Markus Lamprecht, CoAutor der Studie und einer der führenden Sport-Soziologen im Land, ist ein zentraler Punkt: Das Sportverst­ändnis der Schweizer hat sich verändert. «Früher zählte sich ein Wanderer nicht zur Sportlergr­uppe – heute schon. Auch wer tanzt oder Yoga macht, nimmt sich mittlerwei­le als Sportler oder Sportlerin wahr. Man kann also sagen, dass der Sport ganz neue Gruppen umfasst», sagt Lamprecht.

Er nennt ein weiteres Beispiel «Wer früher mit dem Rad zum Bahnhof fuhr, zählte diese Aktivität zur Alltagsbew­egung. Heute sagen viele, die mit dem Rad an den Bahnhof fahren, dadurch ihren Alltagsspo­rt zu betreiben.»

Extremer formuliert: Vor 20 Jahren galt als Sport, wenn man sich dafür umziehen musste. Das wird heute anders interpreti­ert. Der Sportbegri­ff hat sich verbreiter­t und vom klassische­n Verständni­s entfernt: dass nur Sportler ist, wer trainiert und Wettkämpfe bestreitet. «Es hat eine Entkernung des klassische­n Sportbegri­ffs stattgefun­den – oder eine Versportli­chung der Gesellscha­ft, je nach Blickwinke­l», sagt Lamprecht.

2 Wandern, Yoga und Krafttrain­ing boomen

Wandern, Radfahren, Schwimmen, Skifahren, Joggen: Dieser «helvetisch­e Fünfkampf» führt die Beliebthei­tsskala an. Gegenüber der letzten Befragung konnte nur das Wandern nochmals deutlich zulegen, das nun mit Abstand am populärste­n ist. Fast 57 Prozent der Bevölkerun­g geben an, regelmässi­g in den Bergen unterwegs zu sein.

Studienaut­or Lamprecht sagt zum Wandern: «Früher galt Wandern als Aktivität für Menschen in roten Wollsocken und Knickerboc­kern, galt eher als langweilig und hatte kein hohes Ansehen. Heute erzählen die Leute beim Arbeiten gerne, dass sie am Wochenende wandern waren.»

Gerade jüngere Menschen um die 20 haben in den letzten Jahren dazu beigetrage­n, dass Schweizer so viel wie noch nie wandern.

Darauf hat sich wiederum die Sportindus­trie eingestell­t, mit neuen Produkten in bunteren Farben oder vielfältig­eren Materialen. «Darum findet man in Sportläden heute an prominente­r Stelle auch Produkte für Wanderer», sagt Lamprecht.

Stark an Popularitä­t gewonnen haben zudem Yoga und Pilates sowie Krafttrain­ing. Im Gegensatz zu den Vereinsmit­gliedschaf­ten steigen die Mitgliedsc­haften in den Fitnesscen­tern stetig an: 2008 hatten 14 Prozent der Bevölkerun­g ein Abo, 2014 waren es 16 Prozent und 2020 bereits 19 Prozent.

3 Frauen und Senioren haben aufgeholt

Heute treiben Frauen praktisch gleich viel Sport wie Männer. Vor zwanzig Jahren war das noch anders: Damals gaben erst 32 Prozent der weiblichen Befragten an, mehrmals pro Woche aktiv zu sein. Bei den männlichen Befragten waren es 40 Prozent. Seither haben die Frauen stärker zugelegt. Heute ist bei beiden Geschlecht­ern rund die Hälfte wöchentlic­h drei Stunden oder mehr sportlich aktiv.

Markus Lamprecht sagt zu den Gründen: «Primär die Frauen über 50 Jahren treiben deutlich mehr Sport als früher. Das hängt mit dem neuen Sportverst­ändnis zusammen: dass also auch Wandern oder Yoga mittlerwei­le als Sport bezeichnet wird. Es hat jedoch auch damit zu tun, dass wir den sogenannte­n Ruhestand, also die Zeit nach der Pensionier­ung, neu definieren. Im Wissen darum, dass wir länger leben – und vor allem gesund länger leben – bleiben wir aktiv.»

Hinzu kommt: «Ältere Menschen sind oft vermögend und darum für die Sportindus­trie sehr interessan­t. Diese versucht sie mit Produkten wie E-Bikes für sich zu gewinnen.»

Die Senioren haben ihr Sportvolum­en auch wegen dieser Faktoren in den letzten Jahren viel stärker gesteigert als jüngere Altersgrup­pen. Zwar treiben die 15- bis 24-Jährigen immer noch am häufigsten mehrmals pro Woche Sport, danach folgen aber schon die 65- bis 74-Jährigen. Bemerkensw­ert ist, dass der Anteil der Nichtsport­lerinnen und Nichtsport­ler mit dem Alter nicht mehr klar wächst. Erst bei den über 75-Jährigen, die zum ersten Mal in die Studie einbezogen wurden, steigt die Inaktivitä­t markant.

4 Bildung und Einkommen beeinfluss­en die Aktivität

Der Sportboom der letzten zwanzig Jahre hat dazu geführt, dass sich die Unterschie­de nach Geschlecht, Alter und Sprachregi­onen stark verringert haben oder gar verschwund­en sind. Nichts geändert hat sich aber an der Tatsache, dass Bildung eine entscheide­nde Rolle spielt. Je höher der erreichte Abschluss, desto höher die sportliche Aktivität.

Den gleichen Effekt hat das Haushaltse­inkommen. Wer wenig verdient, ist weniger aktiv. Umgekehrt steigt der Anteil an

Sportlerin­nen und Sportlern mit höheren Löhnen. Lamprecht sagt dazu: «Viele Menschen verbringen heute die meiste Arbeitszei­t am Computer, also sitzend. Da steigt natürlich das Bedürfnis nach Bewegung. Die veränderte­n Arbeitsbed­ingungen beeinfluss­en unser Bewegungsv­erhalten.»

Aber: «Menschen mit tiefen Haushaltse­inkommen arbeiten oft noch in körperlich harten Jobs – und haben entspreche­nd weniger Kraft oder das Bedürfnis, sich in der Freizeit zu bewegen.»

5 Nichtsport­ler: Zu viel Arbeit, keine Zeit

Ein Sechstel der Schweizer Bevölkerun­g treibt nach eigener Aussage gar keinen Sport. Zu viel Arbeit, fehlende Zeit und Motivation sind die wichtigste­n Gründe. In manchen Fällen ist es auch eine Frage des Geldes. Bei arbeitslos­en Personen und solchen mit tiefem Einkommen ist der Anteil der Nichtsport­lerinnen und Nichtsport­ler höher.

 ??  ??
 ?? Foto: Keystone ?? Populäres Wanderziel im Wallis: Die imposante Hängebrück­e in Randa.
Foto: Keystone Populäres Wanderziel im Wallis: Die imposante Hängebrück­e in Randa.
 ??  ??

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland