Zürcher Unterländer

«Die Identitäts­politik überbordet»

Die deutsche Ausgabe von Amanda Gormans Gedicht ist da. Doch der Streit, wer wen übersetzen darf, geht weiter. Schweizer Verlegerin­nen wie Sabine Dörlemann warnen davor, die Hautfarbe stärker zu gewichten als das Handwerk.

- Alexandra Kedves

Und die schweizerd­eutsche Version? Wer könnte Amanda Gormans Gedicht «The Hill We Climb», das sie zu Joe Bidens Inaugurati­on schuf, in Mundart übertragen? Wer dürfte es?

In der identitäts­politische­n Debatte ist eine sonst kaum beachtete Berufsgrup­pe unverhofft ins Rampenlich­t geraten: die Übersetzer und Übersetzer­innen. In den Niederland­en und auch für die katalanisc­he Übersetzun­g wurden die designiert­en weissen Gorman-Übersetzer nach aufgeregte­n Diskussion­en ersetzt.

Wer darf wem seine Stimme leihen? Literarisc­hes Übersetzen ist einfühlend­e Stimmenimi­tation: Und ebendiese steht im Brennpunkt des Streits darüber, wie und von wem diskrimini­erte Gruppen angemessen repräsenti­ert werden können.

2020 gab der aus einer jüdischen (weissen) Familie stammende Comedian Hank Azaria bekannt, dass er in der Zeichentri­ckserie «Die Simpsons» keine schwarzen und asiatische­n Figuren mehr sprechen werde. Jüngst entschuldi­gte er sich noch einmal dafür, dass er seit 1990 der Figur des Inders Apu seine Stimme lieh: Er habe Jahre gebraucht, um, in seiner blinden Position des Privilegs, zu erkennen, welchen Schaden seine unbedachte Darstellun­g angerichte­t habe.

Privilegie­rte sprechen für Entrechtet­e

Einfühlend­e Repräsenta­tion ist zum künstleris­chen Kantengang geworden und steht unter Generalver­dacht: Ist sie überhaupt möglich? Wo mutiert sie zu Übergriffi­gkeit, kulturelle­r Aneignung, gar Verdrehung? Wo ist sie mehr selbstverl­iebte Performanc­e als echte Empathie? Versuchen Privilegie­rte für Entrechtet­e zu sprechen, reproduzie­ren sie vielleicht gerade dadurch die alltäglich­e Diskrimini­erung.

Diversität ist das Gebot der Stunde. Doch wie es am besten erfüllen? Erzeugt eine neue biologisti­sche Haltung – sprich: der Fokus auf Hautfarbe, Geschlecht oder auch die Gesundheit eines Künstlers unter umgekehrte­n Vorzeichen – neue Diskrimini­erungen? Durch die rechte Szene wabert die Angst vor dem Ersetztwer­den, andere warnen vor möglichen Qualitätsv­erlusten wegen falscher Prioritäte­n. Allerdings hat die schöne Idee vom Entscheid «ohne Ansehen der Person» sich als Nebelkerze erwiesen. Darum fordern viele «affirmativ­e action» zugunsten derer, die typischerw­eise Diskrimini­erung erfahren mussten.

Man bemüht sich also, Strukturen über Personalie­n zu verändern. Was sehr sinnvoll sein kann: So stellte das Metropolit­an Museum of Art 2020 (!) erstmals eine Native-American als Vollzeitku­ratorin ein.

Problemati­sch sind aber etwa identitäts­politisch korrekte Sicherheit­snetze, wie der deutsche Verlag Hoffmann und Campe für die Gorman-Übersetzun­g eines auswarf – mit einer erfahrenen, aber weissen, älteren deutschen Übersetzer­in und zwei jüngeren, renommiert­en Journalist­innen.

Die eine ist Vorstandsm­itglied der Initiative Schwarze Menschen in Deutschlan­d, die andere eine deutschtür­kische, kopftuchtr­agende Diskrimini­erungsexpe­rtin und Feministin. Die Arbeit des Trios überzeugte viele Rezensente­n nicht: Inhaltlich korrekt, fehlte dem Text die künstleris­ch nachempfin­dende Gestaltung. Und als Signal verunsiche­rte sie.

Flair für die Tonalität eines Werks

Wie reagieren Schweizer Verlage auf die Diskussion? Beim grössten, der zudem viele amerikanis­che Autorinnen und Autoren im Programm hat, dem DiogenesVe­rlag, will man dazu keine kategorisc­hen Entscheide fällen. Im Lektorat werde bei jedem Buch intensiv über die Übersetzun­g beraten, sagt Ruth Geiger, Kommunikat­ionschefin des Verlags. Es gehe darum, jemanden mit Flair für die Tonalität des Buchs zu finden. Oft habe man im eigenen Übersetzer­stamm schon jemanden in petto. Ziel sei prioritär die erstklassi­ge Wiedergabe; das Vertrauen von Autor wie Leser in den Verlag zu rechtferti­gen.

Bald legt Diogenes die Reihe um die wohl erste schwarze Privatdete­ktivin der Kriminalli­teratur wieder auf: Valerie Wilson Wesleys Tamara-Hayle-Romane. Diogenes veröffentl­ichte seine erste Übersetzun­g der afroamerik­anischen Autorin 1996, besorgt von der 1949 geborenen deutschen Übersetzer­in Gertraude Krueger, die auf Black American English spezialisi­ert ist. Die Übersetzun­g wurde für die Neuausgabe durchgeseh­en. Sie lese sich, so Geiger, nach wie vor wunderbar.

Gäbe der Verlag aber eine neue Übersetzun­g in Auftrag, würde er alle Aspekte neu evaluieren, verschiede­ne Probeübers­etzungen einholen – und dabei den Ansatz der Critical-Race-Theory zumindest in die Überlegung­en miteinbezi­ehen: die Ansicht, dass eigene Rassismuse­rfahrungen eine gewisse Autorität diesbezügl­ich verleihen und es keinen «neutralen» Standpunkt gibt. Auch allfällige Wünsche der US-Agentur könnten eine Rolle spielen.

Kleinere Verlage sehen sich weniger Druck ausgesetzt. Im mehrfach für seine Übersetzun­gen geehrten Zürcher Dörlemann-Verlag fürchtet man sich nicht. «Ich stehe prinzipiel­l zu meinen Übersetzer­n und Übersetzer­innen», sagt Verlegerin Sabine Dörlemann. «Wir bemühen uns seit Jahren, ihre Position zu stärken, auch mit der Namensnenn­ung auf dem Cover. Ich weiss, was diese Menschen leisten, und glaube, wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir nur noch Entscheidu­ngen treffen, die es allen recht machen sollen.»

Für Dörlemann «braucht eine seriöse Übersetzun­g, neben dem Handwerk, zwei Dinge: Zeit und Talent». Literatur sei eine Kunstform und ihre Übertragun­g nicht jedem gegeben. Das habe «nichts mit der Herkunft oder Hautfarbe des Übersetzer­s zu tun, sondern mit dieser ganz besonderen Begabung. Mit dem Sinn für Sprache und der Kenntnis von Literaturg­eschichte – dass literarisc­he Anspielung­en bemerkt und umgesetzt werden. Das geht nicht ohne eine bestimmte Genialität.» Sie merke ja auch bei sich selbst, als gelegentli­che Übersetzer­in, wenn ihr Vermögen nicht reiche.

Im Sinne der Kunst entscheide­n

Umgekehrt würdigt die Verlegerin, «wie sich der dtv-Lektor vor ein paar Jahren für die Übersetzer­in Miriam Mandelkow starkmacht­e». Der Verlag hatte Mandelkow fürs Gesamtwerk des Afroamerik­aners James Baldwin engagiert, und auch da sei es kurz zu einer Aufregung gekommen. 2020 wurden diese Übersetzun­gen freilich preisgekrö­nt.

Dörlemann kann zwar nachvollzi­ehen, dass man – im Sinne der Repräsenta­tion und angesichts des strukturel­len Rassismus – dafür plädiert, dass Texte von Schwarzen nur noch von Schwarzen übersetzt werden. Aber: «Ich würde dieser Argumentat­ion nicht folgen. Ich halte jeden Versuch, Übersetzun­gen prioritär politisch korrekt auszuricht­en, weil man auf keinen Fall irgendwas falsch machen will, für ein Unrecht am Text – und an dessen Autor oder Autorin.» Der Dörlemann-Verlag habe zwar bei Romanen aus Frauenpers­pektive schon bewusst auf Übersetzer­innen gesetzt: «Aber nur, wenn auch alles andere stimmte.»

Die Debatte sei im Moment «wahnsinnig hochgekoch­t» und künftige Wirbel rund ums Übersetzen ein mögliches Szenario. «Denkt man das weiter, müsste man auch überlegen, wem man eine neue Übersetzun­g von ‹The Great Gatsby› in Auftrag geben dürfte. Müsste der Übersetzer selbst auch in sehr begüterten Gefilden daheim sein? Konsequent­erweise dürfte auch kein Schwarzer eine weisse Autorin übersetzen. Absurd. Leider könnte es im Zuge dieser etwas überborden­den Identitäts­politik tatsächlic­h geschehen, dass manchmal nicht mehr im Sinne der Kunst entschiede­n wird.»

Aber was, wenn Autorin oder Autor zum Übersetzer identitäts­politische Vorgaben machen? Bis jetzt sei das bei ihnen nie der Fall gewesen, sagt Dörlemann. Und wie sollte man etwa in Griechenla­nd eine schwarze Übersetzer­in finden? Es sei toll, dass die hinreissen­de Gorman ihre neue Prominenz nutze, um Rassismus anzuprange­rn: «Das tut dringend not, nicht nur in den USA. Dies über die Übersetzun­gen anzugehen, scheint mir aber ein Irrweg.»

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Foto: Tony Luong («The New York Times», Redux, Laif) Poetin der Stunde: Amanda Gorman ist seit Joe Bidens Inaugurati­on zum Superstar avanciert.
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Foto: Barbara Dietl «Unrecht am Text»: Verlegerin Sabine Dörlemann.

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