Zürcher Unterländer

Eine Geschichte von Öffnung und Ausschluss

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Die Suche nach Empowermen­t durch Abgrenzung ist kein neues Phänomen. Die Geschichte der kulturelle­n afroamerik­anischen Selbstermä­chtigung zeige sich seit den 1920er-Jahren bis heute als eine «Abfolge von Öffnungen auf die Welt und ausschlies­senden Positionen», sagt Therese Steffen, emeritiert­e Professori­n für Gender Studies im anglofonen Bereich an der Universitä­t Basel. So hätten Verengung und Selbstzens­ur bei einigen afroamerik­anischen Autorinnen – etwa bei der ersten afroamerik­anischen Poet Laureate, Rita Dove – zu jahrelange­m Zögern geführt, bis sie wagten, ihre weltoffene­ren Werke zu publiziere­n.

In den 1990er-Jahren seien dann im Rahmen der damaligen Identity Politics binäre Ordnungen und starre Kategorien aufgelöst worden, erläutert Steffen. Man erkannte Überschnei­dungen, auch von Diskrimini­erungserfa­hrungen, etwa als Schwarze und als Frau, Stichwort «Intersekti­onalität». Doch «9/11 brachte eine Wende und Besinnung auf ‹Identität›». Die einst offenen Identity-Politics hätten sich zunehmend hin zu einer ausschlies­senden Politik gekehrt, «zugunsten direkt Betroffene­r». Philosoph Amartya Sen habe bereits 2006 in «Identity and Violence» vor solchen Trends gewarnt.

Auch der afroamerik­anische Kulturwiss­enschaftle­r und Autor Henry Louis Gates hat dazu eine klare Meinung: Als Steffen ihn 1994 kennen lernte und sich besorgt erkundigte, ob sie, als weisse, mitteleuro­päische, mittelalte Mittelschi­chtsfrau überhaupt zu einer afroamerik­anischen Autorin ‒ Rita Dove ‒ forschen dürfe, antwortete er: «Man muss nicht Elisabetha­ner sein, um elisabetha­nische Sonette zu lesen.»

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