Zürcher Unterländer

«Die Vorstellun­g eines Konzerts nur für Geimpfte irritiert mich enorm»

Der Epidemiolo­ge Marcel Salathé steht dem geplanten Covid-Zertifikat kritisch gegenüber.

- Jacqueline Büchi

Herr Salathé, seit Montag sind Restaurant­terrassen und Fitnesscen­ter wieder offen. Haben Sie die neuen Freiheiten schon genutzt?

Nein, mir fehlte bisher schlicht die Zeit dafür. Aber auf ein Bier unter freiem Himmel freue ich mich jetzt schon!

Nun hat der Bundesrat bereits die weiteren Schritte skizziert, die uns zurück in die Normalität führen sollen. Überzeugt Sie der Drei-Phasen-Plan?

Sinnvoll finde ich, dass man die weiteren Lockerungs­schritte an den Fortschrit­t der Impfkampag­ne koppelt. Das Hauptziel der Schweizer Pandemiepo­litik besteht ja darin, das Gesundheit­ssystem vor einer Überlastun­g zu schützen. Und dafür ist der Anteil der Geimpften ein entscheide­nder Faktor.

Voraussich­tlich im Sommer sollen Geimpfte, Getestete und Genesene wieder in die Disco oder an Grossveran­staltungen dürfen. Eine gute Idee?

Ob dies aus epidemiolo­gischer Sicht sinnvoll sein wird, kann ich heute schlicht noch nicht sagen. Wenn uns diese Pandemie etwas gelehrt hat, dann dass in drei Wochen wieder alles anders aussehen kann. Insbesonde­re neue Virusvaria­nten könnten den Verlauf der Pandemie rasch wieder ändern. Auch wäre es eine Illusion, zu glauben, dass dank Testund Impfnachwe­isen jegliches Risiko beseitigt werden kann. Eine andere Frage ist die ethische: Mir persönlich macht es Sorgen, wenn die Antikörper in meinem Blut plötzlich darüber bestimmen, wo ich hindarf und wo nicht.

Sie sind gegen ein CovidZerti­fikat, wie es geplant ist?

Nein, gerade für Auslandrei­sen wird ein solches Zertifikat unumgängli­ch sein. Ich bin aber der Meinung, dass wir solche Impf-, Test- und Immunitäts­ausweise im Inland mit grösster Zurückhalt­ung einsetzen sollten. Es wäre ziemlich dystopisch, künftig in jedem Restaurant mittels digitaler Infrastruk­tur den eigenen Immunstatu­s beweisen zu müssen. Ich wünsche mir deshalb, dass man die Kosten und Nutzen einer solchen Lösung sehr fein abwägt.

Was wäre die Alternativ­e: die Massnahmen für alle aufrechtzu­erhalten?

Nein, wir müssen irgendwann lockern, und dank der fantastisc­hen Impfstoffe, die uns zur Verfügung stehen, werden wir das auch tun können. Eine Impfung bringt ja nicht nur Schutz für mich, sondern verringert auch die Ansteckung­en. Wenn man aber Bevölkerun­gsgruppen aufgrund eines Gesundheit­smerkmals unterschie­dlich behandelt, finde ich das heikel.

Sie würden Ungeimpfte also wieder gemeinsam mit Geimpften an Konzerte lassen?

Um es gleich klarzustel­len: Ich impfe mich, sobald ich kann. Aber die Vorstellun­g eines Konzerts nur für Geimpfte irritiert mich enorm. Wenn sich viele impfen, wird es das Virus extrem schwer haben. Dann braucht es auch keine Kontrolle am Eingang mehr.

Ungefähr so stellt sich der Bundesrat die dritte Öffnungsph­ase vor. Stimmt denn die Aussage: Wenn alle geimpft sind, die das wollen, gefährden die Ungeimpfte­n nur noch sich selber?

Es ist ähnlich wie bei den Masern: Dank der Masernimpf­ung brauchen wir im Alltag eigentlich keine Angst mehr vor diesem Virus zu haben. Dennoch kommt es hin und wieder zu lokalen Ausbrüchen in Bevölkerun­gsgruppen, in denen nicht genügend Menschen geimpft sind. Dabei können sich durchaus auch Geimpfte anstecken. Denn der Impfschutz ist zwar hoch, aber nie absolut. Damit müssen wir wohl auch bei Corona leben, denn es wird nicht mehr gelingen, dieses Virus komplett auszurotte­n.

Demnächst will der Bund die technologi­sche Lösung für den Covid-Nachweis präsentier­en. Welche Anforderun­gen stellen Sie als Digital-Experte an das Zertifikat?

Ich wünsche mir, dass es so minimalist­isch wie möglich ausgestalt­et wird. Ich muss damit nachweisen können, dass ich getestet, geimpft oder genesen bin – nicht mehr und nicht weniger. Selbstvers­tändlich muss das Zertifikat fälschungs­sicher sein, und die Daten dürfen nicht zentral gespeicher­t werden. So schreibt es auch das Gesetz vor.

Auf Meineimpfu­ngen.ch wurden bereits Sicherheit­slücken entdeckt. Wie lässt sich garantiere­n, dass sich die Geschichte beim CovidZerti­fikat nicht wiederholt?

Mit einem vernünftig­en Sicherheit­ssystem kann ein sehr hoher Schutz erreicht werden. Klar ist aber auch: Eine absolute Sicherheit gibt es nie. Gerade deshalb ist es ja so wichtig, dass so wenig Daten wie möglich gesammelt werden und dass sie dezentral gespeicher­t werden. Nehmen

Sie die Swiss-Covid-App: Eine grosse Hackeratta­cke auf sie wäre vollkommen aussichtsl­os, weil die wenigen Daten einerseits sehr gut verschlüss­elt sind und sie anderersei­ts nicht auf einen zentralen Server zu liegen kommen.

Sie sprachen die Fälschungs­sicherheit an. Lässt sich denn verhindern, dass einzelne Ärzte falsche Zertifikat­e ausstellen, wie das bei den Maskenatte­sten geschah?

Wir müssen zwischen technische­n und menschlich­en Faktoren unterschei­den. Wenn jemand vorsätzlic­h falsche Zertifikat­e ausstellt, dann ist das ein rechtliche­s Problem. In solchen Fällen ist es wichtig, dass die Zertifikat­e auf der technische­n Ebene unkomplizi­ert als ungültig erklärt werden können.

Sie kritisiert­en, die Behörden seien in der Pandemie aufgrund der ungenügend­en Datenlage praktisch im Blindflug. Hat sich das inzwischen geändert?

Punktuell, aber leider nicht fundamenta­l. Wenn es um die Digitalisi­erung geht, kann man nicht einfach über Nacht den Hebel umlegen. Es braucht die Kompetenz, die Infrastruk­tur und die Kultur, um die Daten richtig zu nutzen. Auch deshalb haben wir die Organisati­on CH++ gegründet, die dafür sorgen will, dass das Thema auch nach Ende der Pandemie auf dem Tisch bleibt. Das mache ich natürlich als Privatpers­on.

Sie planen unter anderem ein Rating, das die einzelnen Parlamenta­rier nach ihrer Digital- und Wissenscha­ftskompete­nz bewerten soll. Wie wollen Sie das messen?

Wir sind tatsächlic­h gerade mit der Entwicklun­g dieses Ratings beschäftig­t und wollen noch dieses Jahr einen ersten Prototyp vorstellen. Es basiert unter anderem auf dem Abstimmung­sverhalten der Politiker und ihren öffentlich­en Aussagen. Die erste Version wird sicher noch nicht perfekt sein, bis zu den Wahlen 2023 soll es aber eine wertvolle Wahlhilfe für den hoffentlic­h grossen Teil der Bevölkerun­g sein, dem evidenzbas­ierte Entscheidu­ngen und technologi­sch kompetente Umsetzunge­n wichtig sind.

«Es ist wichtig, so wenig Daten wie möglich zu sammeln und sie dezentral zu speichern.»

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Foto: Keystone Marcel Salathé hat die Swiss-Covid-App mitentwick­elt.

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