Zürcher Unterländer

«Ein riesiger Schritt vorwärts auf dem Marsch zur Gerechtigk­eit»

US-Präsident Joe Biden und Vizepräsid­entin Kamala Harris zeigen sich erleichter­t.

- Hubert Wetzel,

Derek Chauvin ist des Mordes an George Floyd schuldig gesprochen worden – und Amerika atmet auf. USPräsiden­t Joe Biden begrüsste den Schuldspru­ch, rief aber zugleich zu weiterem Kampf gegen Rassismus und Polizeigew­alt auf. Strukturel­ler Rassismus sei «ein Schandflec­k auf der Seele unserer Nation», sagte der Demokrat. Mit Blick auf Floyds Familie betonte er: «Nichts kann jemals ihren Bruder, ihren Vater zurückbrin­gen. Aber dies kann ein riesiger Schritt vorwärts auf dem Marsch zur Gerechtigk­eit in Amerika sein.» Nötig dafür seien allerdings echter Wandel und echte Reformen.

USVizepräs­identin Kamala Harris nannte Rassismus «ein Problem für jeden Amerikaner». Die Demokratin ist die erste Schwarze in dem Amt. Nötig dafür seien allerdings echter Wandel und echte Reformen.

Stille Republikan­er

Aus den Reihen der Republikan­er gab es zunächst nur wenige Reaktionen auf das Urteil. Der einzige schwarze republikan­ische Senator, Tim Scott, nannte das Urteil richtig und wertete es als Indiz für die Integrität des Justizsyst­ems. Zugleich erklärte Scott, das Verhältnis zwischen der Polizei und Minderheit­en sei reparaturb­edürftig.

Der frühere USPräsiden­t Barack Obama forderte nach dem Schuldspru­ch ein tiefgreife­ndes Umdenken und Reformen. «Wahre Gerechtigk­eit erfordert, dass wir die Tatsache einsehen, dass schwarze Amerikaner anders behandelt werden, jeden Tag», erklärte Obama auch im Namen seiner Frau Michelle.

Jedes andere Urteil, ein abgeschwäc­hter Schuldspru­ch nur wegen Totschlags oder gar ein Freispruch, hätte das Land an den Rand des Abgrunds gebracht. Die USA haben im vergangene­n Sommer erlebt, wie viel Wut und Bitterkeit im schwarzen Teil der Gesellscha­ft brodelt. Überall brach sie sich

Bahn, nachdem Ende Mai das Video bekannt geworden war, das zeigte, wie der damalige Polizist Chauvin in Minneapoli­s den Afroamerik­aner Floyd bei der Festnahme seelenruhi­g umbrachte. Wäre dieses Verbrechen nicht gesühnt worden, Amerika hätte ein gewalttäti­ges, möglicherw­eise blutiges Jahr bevorgesta­nden. Diese Gefahr ist nun deutlich geringer geworden. Das Strafmass gegen Chauvin wurde zwar noch nicht verkündet, doch der frühere Polizist wird wohl für viele Jahre ins Gefängnis gehen. Für die drei Straftatbe­stände sehen die Gesetze des Bundesstaa­tes Minnesota zusammen knapp 30 Jahre Haft vor.

Die USA sind ein Rechtsstaa­t, und deshalb hatte Chauvin das Recht auf einen fairen Prozess, trotz der vielen Videos, die seine Tat dokumentie­rten. Die Verteidigu­ng hat während des Prozesses versucht, Floyd mehr oder weniger die Schuld an seinem eigenen Tod zuzuschieb­en. Er sei drogenabhä­ngig gewesen und habe illegale Substanzen im Körper gehabt – eine Überdosis, nicht die von Chauvin ausgeübte Gewalt sei daher die wahre Todesursac­he gewesen, argumentie­rte Chauvins Anwalt.

Es ist gut, dass die Geschworen­en diese Argumente beiseitege­wischt haben. Ja, George Floyd war ein Drogenkons­ument, er war ein Kleinkrimi­neller, vielleicht war er high, als er festgenomm­en wurde. Und vermutlich war er nicht das leuchtende gesellscha­ftliche Vorbild, zu dem ihn Teile der «Black Lives Matter»Bewegung nach seinem Tod stilisiert haben. Aber er hatte es auf keinen Fall verdient, unter dem Knie eines Polizisten sein Leben auszuröche­ln. Niemand verdient das. Das ist mit dem Urteil klargestel­lt worden.

Polizisten müssen damit rechnen, dass fehlbares Verhalten bestraft wird. Auch das zeigt das Urteil. USJustizmi­nister Merrick Garland gab am Mittwoch eine Untersuchu­ng zur der Frage bekannt, ob es bei der Polizeibeh­örde der Stadt im Bundesstaa­t Minnesota «ein Muster oder eine Praxis verfassung­swidriger oder gesetzwidr­iger Polizeiarb­eit» gebe.

Neuer Fall in Ohio

Wenige Augenblick­e vor der Verkündung des Schuldspru­ches ist in Columbus im Bundesstaa­t Ohio ein 15 Jahre altes schwarzes Mädchen durch Schüsse der Polizei getötet worden. Bei dem jüngsten Zwischenfa­ll war bei der Polizei in Columbus im USBundesst­aat Ohio ein Notruf wegen einer Bedrohung mit einem Messer eingegange­n.

Als die Ermittler am Ort eintrafen, standen mehrere Menschen zwischen zwei Autos in einer Einfahrt, wie auf Aufnahmen einer Körperkame­ra zu sehen war, die die PolizeiPre­ssekonfere­nz veröffentl­ichte. Es handle sich dabei um die Körperkame­ra des ersten Polizisten, der am Ort eintraf und letztlich die Schüsse abfeuerte, sagte der InterimsPo­lizeichef der Stadt Columbus, Michael Woods. Das Video zeige ein junges Mädchen mit einem Messer, das versuche, zwei andere Menschen anzugreife­n, bevor es von der Polizei erschossen werde. Die Ermittlung­en stünden noch am Anfang.

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Foto: Megan Varner (AFP) «Schuldig, schuldig, schuldig»: Demonstran­tinnen und Demonstran­ten in Atlanta nach dem Urteil im Floyd-Prozess.

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