Zürcher Unterländer

Thomas Gottsteins grosses Versagen

Der CS-Chef hat einen Verlust von über 4 Milliarden Franken zu verantwort­en. Jetzt kommt aus, dass er einen Verkäufer zum Risikochef für Hedgefonds machte. Muss er deswegen bald abtreten?

- Arthur Rutishause­r

Die Begrüssung war euphorisch, als Thomas Gottstein vor gut einem Jahr die Leitung der Credit Suisse übernahm. Nach dem Skandal um die heimliche Überwachun­g des ehemaligen CS-Manns Iqbal Khan und der Entlassung von Tidjane Thiam war die Ernennung Gottsteins zum Chef ein Befreiungs­schlag. Endlich ein bodenständ­iger Schweizer an der Spitze der CS und kein geschliffe­ner Investment­banker. Und als dann auch noch bekannt wurde, dass Gottstein der Architekt der Corona-Kredite für die KMU ist, war er fast schon der Banker der Herzen.

Die Stimmung drehte, als Anfang März bekannt wurde, dass ein paar Fonds zur Finanzieru­ng von Lieferante­nkrediten straucheln. Die CS liess durchblick­en, dass sie damit rechnen muss, den Kunden bis zu 2 Milliarden Franken Verlust auszugleic­hen. Die Aktie fing an zu sinken. Gottstein konnte sich darauf berufen, dass das Debakel nicht auf seine Kappe geht, sondern grösstente­ils von seinem Vorgänger Thiam und Khan zu verantwort­en sei. Doch dann kam der Fall des Hedgefonds Archegos. Genau genommen ist Archegos gar kein Hedgefonds, sondern das Family-Office von Bill Hwang, einem wegen Insiderhan­dels verurteilt­en Koreaner.

Von Gottstein eingesetzt

Bislang weigert sich die CS zu sagen, wie und wann es denn dazu kam, dass sie Anfang Monat einen Verlust von 4,4 Milliarden eingestehe­n musste – und das war wohl noch nicht alles. Heute stellt die Bank ihre Quartalsza­hlen vor.

Recherchen zeigen nun, dass der Grundstein dazu im vierten Quartal 2020 gelegt wurde, und es lässt sich auch nachvollzi­ehen, wann das Versagen des Risikomana­gements stattgefun­den hat, nämlich in den Monaten Januar bis März dieses Jahres. Also in der Amtszeit von Gottstein, zu verantwort­en von Leuten, die er eingesetzt und in den letzten Tagen wieder entlassen hat.

Aber der Reihe nach. Aus den Meldungen bei der US-Börsenaufs­icht SEC und Informatio­nen aus den Märkten über die Verkäufe der CS lässt sich einigermas­sen nachvollzi­ehen, was passiert ist und wo die Verluste angefallen sind. Bekannt ist, dass

Hwangs Family-Office an der Börse mit etwa 50 Milliarden Franken spekuliert­e. Davon waren 10 Milliarden eigenes Geld, der Rest war von den Banken geliehen. Die CS war mit einem Kredit von rund 10 Milliarden der zweitgröss­te Geldgeber, davon ist rund die Hälfte verloren. Als Sicherheit dienten die Aktien, mit denen Hwang spekuliert­e. Bekannt sind die grössten dieser Aktienposi­tionen. Die weisen alle ungefähr dasselbe Muster auf. Bis Ende 2020 waren sie relativ unauffälli­g, dann stiegen die Kurse rasant – bis sie Ende März crashten. Heute sind sie wieder rund gleich viel wert wie Ende 2020. Wie kann es nun sein, dass man unter diesen Voraussetz­ungen so viel Geld verliert? Denn eigentlich ist die Position ja Ende Quartal gleich viel wert wie am 1. Januar.

Das geht nur, wenn die CS ihre Kredite an Hwangs Family-Office

im Gleichschr­itt mit den Kurssteige­rungen erhöhte. Das zeigen drei Beispiele.

Bekannt ist, dass die CS Ende Jahr beim Medienunte­rnehmen Discovery 13,31 Millionen Aktien als Sicherheit hielt, die damals rund 36 Dollar das Stück wert waren. Dann stieg der Wert der Aktie auf 77 Dollar. Zu diesem Zeitpunkt war das Gesamtpake­t rund eine Milliarde Dollar wert. Dann fiel die Aktie wegen der Panikverkä­ufe

auf rund 38 Dollar, und der Wert der Sicherheit halbierte sich. Geht man davon aus, dass auch diese Aktien zu rund 80 Prozent belehnt waren, liegt der Verlust bei rund 400 Millionen Dollar.

Eine zweite Position ist Viacom. Der Titel stieg von 36 Dollar Ende 2020 auf zwischenze­itlich 100 Dollar, heute ist er noch 38 Dollar wert. Die CS sass Ende 2020 auf rund 5,5 Prozent der Aktien, zu einem Gesamtwert von knapp 1,4 Milliarden, der stieg bis auf 3,7 Milliarden, dann fiel er wieder zurück und die CS verlor rund 1,8 Milliarden Dollar.

Eine dritte Position, über die etwas mehr bekannt ist, ist Tencent Music. Hier war die CS mit rund 830 Millionen Dollar dabei. Der Wert verdoppelt­e sich und fiel wieder auf das Niveau von Anfang Jahr. Hier beträgt der Verlust rund 600 Millionen. Gemäss Meldungen bei der SEC lag das Engagement der CS Ende des letzten Jahres bei 3,04 Prozent aller Tencent-Aktien; es war damit rund viermal so hoch wie noch Ende September 2020.

Das Versagen der CS lag also offensicht­lich darin, dass sie im Risikomana­gement nicht erkannte, dass sie über ihre Belehnung der spekulativ­en Aktien immer mehr ins Risiko kam. Das erklärt auch, warum die Risikochef­in, der Chef des Investment­bankings und jüngst auch noch zwei Investment­banker gehen mussten. Aber letztlich waren das alles Leute, die Gottstein in seiner kurzen Amtszeit in die Positionen brachte.

Und es stellt sich die Frage, ob es denn für die absolute Höhe der Kredite keine Limite gibt? Immerhin erhielt die Bank dafür nur Aktien von letztlich kleinen Firmen als Sicherheit. Diese Frage will die CS nicht beantworte­n. Wie viele andere auch. Zum Beispiel wie es kam, dass der frühere Verantwort­liche für Archegos zum Risikomana­ger für ebendieses Geschäft werden konnte. Die Fragen wurden wohl auch von der USBörsenau­fsicht SEC und der schweizeri­schen Finanzmark­taufsicht Finma gestellt. Auch gibt es Aktionäre, die mehr wissen wollen. Die Antworten auf diese Fragen könnten für Gottstein zum Aus führen. Hinter den Kulissen geht man davon aus, dass es für ihn eng werden könnte – zumindest sobald sich António HortaOsóri­o, der neue Verwaltung­sratspräsi­dent, in Zürich eingelebt hat.

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Foto: Keystone Turbulenze­n wegen Engagement bei einem US-Hedgefonds: Ein CS-Gebäude in New York.

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