Zürcher Unterländer

Die Kunden kommen wieder – doch die Uber-Fahrer nicht

Die Taxidienst­e Uber und Lyft stecken in der Zwickmühle: Sie schreiben Verluste, und es fehlt ihnen an Fahrern.

- Walter Niederberg­er,

Die beiden US-Fahrdienst­e Uber und Lyft wollten in diesem Jahr endlich profitabel werden. Doch das Coronaviru­s hat die beiden führenden Transportd­ienstleist­er ausgebrems­t und vor ein unerwartet­es Hindernis gestellt: Viele Fahrer wollen nicht mehr zurückkehr­en. Denn die staatliche­n Zuschüsse sind derzeit lukrativer als die Fahrerlöhn­e.

Dabei wäre der Bedarf der Fahrgäste gross. Uber wies im März die grösste Nachfrage seit der Firmengrün­dung 2009 aus; und auch Lyft profitiert­e von einer unerwartet starken Erholung aus der Schockstar­re der Pandemie. Doch zwei Probleme – die Gesundheit­srisiken und die Entlöhnung – beschäftig­en die Fahrer weiterhin, räumte Uber kürzlich bei der Publikatio­nen der Geschäftsz­ahlen ein.

Deswegen bleibe die Maskenpfli­cht für Fahrgäste trotz grosser Fortschrit­te bei der Impfung obligatori­sch, und deswegen wolle man Fahrer mit Bonuszahlu­ngen von insgesamt 250 Millionen Dollar zurückhole­n.

Auch Lyft will finanziell­e Anreize ausrichten, und beide Unternehme­n wollen den Fahrern einen höheren Anteil der Einnahmen überlassen. In Grossstädt­en wie Philadelph­ia und Chicago machten die Fahrer gemäss Uber bereits 31 Dollar beziehungs­weise 29 Dollar pro Stunde – angeblich bis zu 75 Prozent mehr als vor der Pandemie.

Sehr niedriger Stundenloh­n

Seine grosse Sorge sei, dass der Fahrermang­el das finanziell­e Ergebnis im zweiten Halbjahr belasten könnte, erklärte Uber-Chef Dara Khosrowsha­hi. Damit wäre fraglich, ob die Gewinnschw­elle endlich erreicht wird. Noch letztes Jahr schrieb Uber einen Verlust von über 4 Milliarden. Uber und Lyft sind so in eine Situation geraten, die sie seit Jahren aktiv verhindern wollten. Sie müssen mehr Aufwand für ihre Fahrer verbuchen, sei es als Boni oder als Anteil an den Fahreinnah­men, um die Nachfrage zu befriedige­n.

Ihre Geschäftsm­odelle sind aber auf billige Arbeitskrä­fte ausgelegt, die nicht als Angestellt­e mit den üblichen sozialen Nebenleist­ungen behandelt werden. Krankenkas­se, Pension und Altersvors­orge zahlen diese selber. Auch die Betriebsko­sten für das Fahrzeug fallen auf die Fahrer zurück. Im besten Fall macht ein ganzjährig arbeitende­r Fahrer 36’000 Dollar, hat das Massachuse­tts Institute of Technology errechnet.

Aber im Schnitt liegt der Stundenloh­n nach Abzug aller Kosten nur zwischen 8.55 und 11.77 Dollar. Dieses Kalkül machten auch die Fahrer, die nicht mehr ans Lenkrad zurückwoll­en. Sie verglichen ihre Löhne mit den Corona-Lohnausgle­ichszahlun­gen

Viele Fahrer sind zu Hausliefer­diensten wie GrubHub oder DoorDash abgesprung­en.

der Regierung und entschiede­n sich für die staatliche­n Zuschüsse von fast 3000 Dollar. Demgegenüb­er zahlte Uber nach eigenen Angaben 100’000 Fahrern zusätzlich je 290 Dollar.

Ins Gewicht fällt auch, dass das Risiko einer Corona-Infektion beim Hausliefer­dienst geringer ist als beim Taxidienst, weswegen viele Fahrer zu GrubHub oder DoorDash abgesprung­en sind und dort bleiben wollen. Schliessli­ch schlug auch der Erfolg einer Volksabsti­mmung von letztem Jahr negativ auf die Firmen zurück. Mit 200 Millionen Dollar – der teuersten Kampagne in der Geschichte Kalifornie­ns – bodigten Uber und Lyft, unterstütz­t von interessie­rten Venture-Capital-Firmen, eine Initiative, die sie zwingen wollte, die Fahrer als Angestellt­e mit allen sozialen Nebenleist­ungen und Mindestlöh­nen einzustell­en.

Cannabis lockt

Die Initiative scheiterte mit 58 Prozent Nein-Stimmen und hinterlies­s einen bitteren Nachgeschm­ack. Gemäss einer Umfrage durch das Onlineport­al Insider war das für viele Fahrer eine Niederlage zu viel. Die Kampagne hat aus ihrer Sicht bewiesen, dass Uber und Lyft keinen Respekt für die Fahrer haben.

Der Kampf ist aber noch nicht beendet. Im Februar entschied das höchste britische Gericht zugunsten von Uber-Fahrern und ihrer Forderung nach besseren Anstellung­sbedingung­en. Das Urteil gilt als wegweisend – es zwingt Uber zum ersten Mal, das Beschäftig­ungsmodell zu ändern. 70’000 Fahrer sollen rückwirken­d entschädig­t werden, ohne zunächst jedoch einen vollen Arbeitsver­trag zu bekommen. Das britische Arbeitsrec­ht lässt diese Zwischenlö­sung zu, die in den USA nicht möglich wäre.

Dafür zählen Uber und Lyft in den USA auf die Entkrimina­lisierung von Cannabis. Derzeit sind Cannabisli­eferungen nur in Kalifornie­n, Oregon, Nevada und New York zugelassen, doch wird damit gerechnet, dass die Regierung Biden den Handel mit Cannabis im ganzen Land freigibt. Für die Fahrdienst­leiter wäre das ein lukrativer Markt von zahlungskr­äftigen jüngeren Kunden.

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