Zürcher Unterländer

Sie will verhindern, dass sich Mädchen schämen müssen

Die deutsche Turnerin wehrt sich an der EM mit ihrem Outfit gegen die Sexualisie­rung ihres Sports.

- David Wiederkehr

Schwungvol­l turnt sie über den dünnen Balken. Elegant streckt sie die langen Beine. Sarah Voss fühlt sich wohl, trotz Zittergerä­t – und das ganz und gar. Denn die Deutsche (21) trägt in der Qualifikat­ion der Kunstturn-EM in Basel einen Ganzkörper­anzug. Ein höchst ungewohnte­s Bild.

Voss gehört zur wachsenden Schar Turnerinne­n, die sich schwertun damit, vor Publikum den engen Turndress zu tragen. Weil er tiefe Blicke zulässt. Weil er dazu führt, dass der Turnsport sexualisie­rt wird – in einer Zeit, in der vermehrt Missbrauch an Turnerinne­n öffentlich wird. «Weil wir uns bewegen, verrutscht er ständig. Viele Mädchen fühlen sich unwohl, den Dress zu tragen. Ihnen möchte ich ein Vorbild sein», erklärt Voss nach ihrem Auftritt in der St.-JakobsHall­e. «Ich bin froh und stolz, darf ich diesen Anzug tragen und zeigen, dass man auch mit mehr Stoff ästhetisch aussehen kann.»

Kaeslins Erfahrunge­n

Auch Ariella Kaeslin kannte diese Scham. In einem Interview mit der «SonntagsZe­itung» sagte die ehemalige Schweizer Überturner­in einmal: «Ich hätte mir oft gewünscht, mehr anziehen zu können. Turnerinne­n sind extrem entblösst: Am Balken stehen die Kampfricht­er nahe, und für manche Figuren spreizt du die Beine Vollgas gegen die Richter. Das ist unangenehm. Mich hat das immer gestört.» Selbst in den Trainings unter dem ehemaligen Coach Eric Demay war es den Turnerinne­n des Nationalka­ders nicht erlaubt, nur schon kurze Hosen zu tragen.

Das deutsche Nationalte­am pröbelt seit letztem Jahr an der

Entwicklun­g eines Ganzkörper­anzugs – auf Initiative der langjährig­en Trainerin Ulla Koch. «Wir haben viel ausprobier­t: kurze Hosen, dreivierte­l- oder knöchellan­ge», erzählt Voss. Sie selbst bevorzugt die knöchellan­ge Variante: «Sie ist superbeque­m und streckt die Beine. Mit kurzen Hosen wirken die Beine gestaucht.» Weil sehr dünner Stoff verwendet wird, ist die Grifffesti­gkeit bei Elementen wie Salti kein Problem.

Ihr Auftritt habe für positive Reaktionen gesorgt, berichtet Voss. Und sie selbst habe sich während des Wettkampfs «sehr wohl gefühlt». Giulia Steingrube­r sagte, dass der Ganzkörper­dress «wirklich elegant» aussehe. Sie deutete jedoch an, dass er für sie eher nicht in Frage kommt.

Dagegen besitzen auch Voss’ Teamkolleg­innen solche Dresses, gestern verzichten sie aber noch darauf, ihn zu tragen. Anzunehmen ist jedoch, dass Elisabeth Seitz und Kim Bui, die beiden besten deutschen Turnerinne­n, ihn am Freitag im Mehrkampff­inal tragen werden.

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Foto: Keystone Elegant auch mit Ganzkörper­anzug: Sarah Voss am Balken.

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