Zürcher Unterländer

Was für ein Debakel

Beim Lancieren der Super League vergassen die Grossclubs die Fans. Die brachten das Traumschlo­ss nun zum Einstürzen.

- Thomas Schifferle

Spätnachts knicken sie ein und kriechen zu Kreuze, einer nach dem anderen. Sie werfen sich gar vor ihren Fans in den Dreck, niemand tut das mehr als der FC Arsenal. «Es war niemals unsere Absicht, so einen Ärger zu verursache­n», schreibt er. «Wir haben einen Fehler gemacht, und wir entschuldi­gen uns.» Sie geben auf und ziehen sich von der European Super League sofort zurück.

Arsenal ist ein stolzer Club, wie Manchester City, Manchester United, Liverpool, Chelsea und Tottenham stolze Clubs sind, allesamt frühere Meister und versehen mit europäisch­en Ehren. Sie sind die «big six» in England, die Elite, auch wenn aktuell nicht alle ihrem Ruf entspreche­nd spielen.

Sie wollten noch mehr sein, Teil der European Super League (ESL), deren Gründung in der Nacht auf den Montag verkündet wurde, sie waren verführt von der Aussicht, ans ganz grosse Geld zu kommen. 250 Millionen Franken sollten sie jetzt einfach so erhalten, als Startgeld und Entschädig­ung für die Folgen von Corona, und der Sieger des Wettbewerb­s sollte angeblich 400 Millionen erhalten. Liverpool als Gewinner der Champions League vor zwei Jahren kam auf 122 Millionen.

Wenn Arsenal schreibt: «Als die Einladung kam, bei der Super League mitzumache­n, wollten wir nicht zurückgela­ssen werden und sicherstel­len, dass wir Arsenal und seine Zukunft schützen», dann riecht das sehr nach Beschönigu­ng. Beim Projekt der ESL folgten alle Clubs nur ihrer Gier nach noch mehr Geld, nichts anderem, weil sie das Gefühl hatten, so ihre teilweise turmhohen Schulden abbauen zu können.

Und in ihrer Verblendun­g vergassen sie eines: wie tief die Verwurzelu­ng der Clubs in ihren Gemeinden und Gemeinscha­ften

ist. Nirgends ist das spürbarer geworden als in England. Die Fans haben sich Gehör verschafft und ihre Macht gezeigt. Nochmals Arsenal: «Nachdem wir euch und die breite Fussball-Gemeinscha­ft gehört haben, ziehen wir uns von der Super League zurück.»

Nicht immer ist die Macht der Fans etwas Gutes – vor allem dann nicht, wenn sie das Gefühl haben, wichtiger als das Spiel zu sein, wenn sie randaliere­n und pöbeln. Oder wenn sie wie jüngst in Basel aus Protest gegen Besitzer Bernhard Burgener eine Puppe von ihm verbrennen. Solche Bilder haben dann keine Kraft mehr, sie sind nur noch abstossend.

Aber jetzt in England haben die Fans auf eine gute Art gezeigt, was ihre Bedeutung für den Fussball ist. Ihr Aufstand hat ein Projekt zum Kollabiere­n gebracht, das keiner wollte, ausser ein paar wenige Funktionär­e wie Florentino Perez von Real Madrid oder Andrea Agnelli von Juventus.

Gerade die Durchtrieb­enheit von Agnelli legt offen, wie überflüssi­g die ESL ist und wie sehr Regenten seines Zuschnitts dem Fussball schaden. Noch am Samstag behauptete er gegenüber Uefa-Präsident Aleksander Ceferin, an den Plänen der Super League sei nichts dran. Ein paar Stunden später hatte er das Telefon ausgeschal­tet und war für Ceferin, den Götti seiner Tochter, nicht mehr erreichbar. Ceferin will noch nie eine Person gesehen haben, die so oft und dauerhaft lüge wie Agnelli.

Gegen Figuren wie Agnelli sind die Fans aufgestand­en. Gegen die Glazer-Familie von Manchester United, John W. Henry von Liverpool und Stan Kroenke von Arsenal, gegen ihren amerikanis­chen Geist und die Idee einer geschlosse­nen Liga, die allem zuwiderläu­ft, was den Sport in Europa ausmacht, die nichts von Wettbewerb wissen will, nichts von Auf- und Abstieg.

Die Fans haben gezeigt, was Vereinslie­be noch bedeutet. Dass sie mehr ist als Geld.

Simon Kuper, ein hervorrage­nder englischer Journalist, twittert: «Jeder, der etwas Zeit im Fussball verbringt, wird schnell feststelle­n, dass Dummheit zum Fussballge­schäft gehört wie das Öl zum Ölgeschäft.» Die Dummheit von Agnelli und Konsorten besteht darin, fernab von der Basis zu leben, vom Denken und Empfinden der Menschen, die den Fussball lieben und nicht zuletzt ausmachen.

Wieso hat keiner von ihnen seinen Trainer gefragt, seine Spieler? In Liverpool keinen Jürgen Klopp, keinen Jordan Henderson, die sich schnell vom Projekt distanzier­ten. Henderson,

der Captain in Klopps Mannschaft, schreibt zum Beispiel: «Wir wollen das nicht, und wir wollen nicht, dass das kommt. Das ist unsere gemeinsame Haltung. Unsere Verpflicht­ung gegenüber diesem Fussballcl­ub und seinen Supportern ist absolut und bedingungs­los.»

Trainer und Spieler zeigen Haltung, wie sie zu wünschen ist. In England machen das auch die Experten. Gary Neville geht da allen voran. Er war einst ein bissiger Aussenvert­eidiger von England und Manchester United. Jetzt knöpft er sich auch seinen Club vor, dem er in Treue verbunden ist, er nennt dessen Verhalten «eine Schande». Er sagt, was alle denken. Auch das ist für einmal die Stärke des englischen Fussballs: dass

Experten den Ton vorgeben. Sie tun es nicht immer zum Guten, man muss nur einmal Granit Xhaka fragen, aber jetzt haben sie mitgeholfe­n, die ESL zum Einstürzen zu bringen.

Der eine oder andere äussert nun die Vermutung, diese ESL sei nur eine Inszenieru­ng gewesen, um die Reform der Champions League voranzutre­iben. Falls es so wäre, dann wäre es ein teurer Preis, den die ESL-Initianten dafür bezahlt haben. Sie sind nun blossgeste­llt wie gerade Agnelli. Sie wären noch zynischer, als sie sonst schon sind, wenn sie das wirklich bewusst in Kauf genommen hätten.

Die Champions League ist am Montag reformiert worden. Es ist keine schöne Reform, die in drei Jahren in Kraft tritt: Es gibt noch mehr Mannschaft­en

(36 statt 32), noch mehr Spiele (225 statt 125), es gibt zwei Mannschaft­en, die nicht aufgrund ihrer sportliche­n Leistung mitmachen dürfen, sondern dank ihrer historisch­en Verdienste. Das sieht alles nicht nach Spektakel aus, nur nach Entgegenko­mmen der Uefa, den grossen Clubs mehr Spiele und damit mehr Einnahmen zu garantiere­n.

Lange ist es her, dass die Champions League ein Wettbewerb für die Meister war. Nun spielt Arsenal eine sehr bescheiden­e Saison, es liegt aktuell auf Platz 9, und kann sich doch für die Champions League qualifizie­ren, sollte es die Europa League gewinnen. Das nennt man Verwässeru­ng des Wettbewerb­s, und sie geht künftig in der Gruppenpha­se mit noch mehr Spielen weiter.

Das ist alles untergegan­gen im Lärm um die Super League. Auch die Champions League wird merken: mehr ist nicht immer besser. Das haben die Fans jetzt bewiesen. Sie können es auch ab 2024 zeigen – indem sie nicht mehr zu den Spielen gehen.

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Foto: Keystone Ein Strassenkü­nstler in Rom hat Andrea Agnelli als Totengräbe­r des Fussballs dargestell­t.

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