Zürcher Unterländer

Zertifikat für Natur in der Kiesgrube

Im Kiesabbaug­elände der Hastag bei Wil werden grosse Flächen möglichst naturnah wieder aufbereite­t. Und zwar so erfolgreic­h, dass der Kiesgruben­betreiber dafür erneut ausgezeich­net wurde.

- Manuel Navarro

Wil Die Kiesgrube der Hastag in Wil wurde erneut für die Pflege und den Erhalt ihrer naturnahen Flächen zertifizie­rt. Ausgestell­t wurde das Zertifikat diese Woche von der Stiftung Natur und Wirtschaft, die 1995 unter anderen vom Bundesamt für Umwelt gegründet wurde. In Wil sticht etwa positiv hervor, dass seltene Vögel in der Grube nisten können.

Man hört ihn, bevor man ihn sieht. Ein tiefes Brummen, dazu das Zischen von Hydraulik, gepaart mit dem Geräusch, welches zehn gigantisch­e Pneus beim Rollen über den Asphalt erzeugen. Dann biegt der grosse Lastwagen um die Kurve. Geladen hat er das steinerne Gold des Rafzerfeld­s: Kies. Beim Vorbeifahr­en macht der Fünfachser seine Präsenz spürbar. Er hinterläss­t dreckige Staubwolke­n, die noch lange nachdem der Lastwagen hinter der nächsten Kurve verschwund­en ist, in der Luft hängen bleiben.

Instinktiv wendet man sich ab. Und plötzlich sieht man etwas, was man an diesem Ort eigentlich so gar nicht erwartet hätte: ein Stück wilde Natur. «Sehen Sie diese kleinen Schnecken?», fragt Doris Hösli und zeigt auf nicht einmal fingernage­lgrosse Schneckenh­äuser in der Böschung neben der Strasse. Hösli ist Natur- und Umweltfach­frau des Fachverban­ds der Schweizeri­schen Kies- und Betonindus­trie (FSKB). «Das sind kleine Heideschne­cken», erklärt sie. Für die Schneckena­rt ist das Plätzchen neben der Strasse ideal. Es ist trocken und steinig, aber trotzdem gibt es Vegetation. Das ist wichtig für die Schnecke. An den Halmen des Echten Thymians und der Rosmarin-Weidenrösc­hen, die hier wachsen, kann die Schnecke emporklett­ern und so im Sommer der Hitze entkommen, die der karge Boden abstrahlt.

«Die Natur gedeiht im Chaos»

Karge Böden, magere Wiesen, steinige Hänge und kleine, stehende Gewässer gibt es hier viele. Denn Hösli steht in der Kiesgrube der Hastag AG in Wil. Grund ist eine sogenannte Rezertifiz­ierung der naturnahen Flächen des gesamten Kiesgruben­areals. Oder anders ausgedrück­t: Die Stiftung Natur und Wirtschaft verleiht an diesem Montag den Betreibern der Kiesgrube erneut nach fünf Jahren ein Zertifikat dafür, dass sie auf dem Firmengelä­nde dafür sorgen, dass sich die nicht industriel­l genutzten Flächen möglichst natürlich entwickeln können.

Die Stiftung hat dafür Auditor Urs Meyer nach Wil geschickt. Nun spaziert er mit Doris Hösli durch die Kiesgrube, macht sich Notizen und schiesst Fotos, etwa von den Laichschnü­ren der Kreuzkröte, die er in einer grösseren Pfütze entdeckt, welche durch den Reifenabdr­uck eines Vorderkipp­ers entstanden ist. «Ich nehme keine Bodenprobe­n oder Gewässer, dafür ist der Kanton zuständig», sagt Meyer. Vielmehr gehe es beim Zertifikat darum zu überprüfen, inwiefern für die Kiesgruben die verlangte ökologisch­e Begleitpla­nung vorliegt. Die Berichte dazu kontrollie­rt Meyer – und er schaut sich dabei auch an, inwiefern in der Kiesgrube auch umgesetzt wurde, was in der ökologisch­en Begleitpla­nung vorgegeben wurde.

Kiesgruben seien geradezu ideal für den Aufbau und die Pflege von naturnahen Flächen, sagt Meyer. «Die Natur liebt und gedeiht im Chaos», so der Experte. Er macht ein Beispiel: «In einem Komposthau­fen finden sich auf kleinstem Raum Millionen von Lebewesen. Da geht es drunter und drüber.» Das Gegenbeisp­iel dazu sei der englische Rasen, der täglich gepflegt und von Menschenha­nd beeinfluss­t wird. In der Kiesgrube wird die Natur sich also mehrheitli­ch selbst überlassen, und es wird nur eingegriff­en, wo nötig. Sie eignet sich dabei besonders gut für Pflanzen und Tierarten, die karge, weite Flächen lieben. Die anfangs erwähnte Heideschne­cke gehört dazu. Aber auch der Flussregen­pfeifer. Für ihn hat die Hastag über eine Hektare Fläche reserviert und speziell bearbeitet.

Mit Bulldozer durch Gelände – damit Vögel brüten können

Meyer und Hösli wandern nicht allein durch die Kiesgrube. Mit durchs Gelände laufen fast der komplette Gemeindera­t von Wil, der Experte von der Fachstelle Naturschut­z des Kantons Zürich sowie zahlreiche Mitarbeite­nde der Hastag, darunter Oliver Konrad, der Geschäftsf­ührer, sowie Mario Senn, der Gruppenlei­ter Abbau und Wiederauff­üllung. Den Hastag-Mitarbeite­nden merkt man an, dass sie durchaus stolz sind auf die Arbeit für den Naturschut­z. «Das Zertifikat ist für mich persönlich gar nicht am wichtigste­n», sagt Oliver Konrad. Viel bedeutende­r sei, wie viele Hände es brauche, damit die Flächen naturnah gefördert werden können. «Für viele ist eine Kiesgrube nur ein Loch, das Dreck und Staub verursacht, dabei betreiben wir auch nachhaltig­en Naturschut­z für Generation­en», so der Geschäftsf­ührer.

Denn die Grube biete weit mehr. So fährt etwa ein Mitarbeite­r regelmässi­g mit einem Bulldozer über das Feld für die Flussregen­pfeifer, während diese im Winter in wärmeren Gebieten leben. Dadurch wird verhindert, dass die Sand- und Kiesfläche, die der Vogel zum Brüten braucht und liebt, von zu viel Vegetation überwachse­n wird. Ein weiteres Beispiel zählt Mario Senn auf. «Die Hastag hat einen Hang, der von Brombeeren überwucher­t war, von dem stachelige­n Dornengebü­sch befreit. Dies, um eine zuvor absichtlic­h abgebagger­te Erdschicht darauf abzulegen, die seltene Kräuter und Blumen enthält.» Die Pflanzen wachsen nun ideal an einem steilen Hang – direkt neben der Strasse, über welchen die Lastwagen den Kies transporti­eren.

Wenig überrasche­nd wurde die Hastag schliessli­ch von Urs Meyer nach 2006, 2011 und 2016 erneut für fünf Jahre zertifizie­rt. «Seien wir ehrlich: Eigentlich kann man als Kiesgruben­betreiber nicht viel falsch machen, wenn man die Flächen einfach sich selbst überlässt», sagt Meyer zwar dazu. «Aber was hier in Wil alles zusätzlich unternomme­n wird, um diese naturnahen Flächen zu erhalten und zu fördern, ist beachtlich.»

 ?? Foto: Francisco Carrascosa ?? Die Vegetation am Rand der Strasse präsentier­t sich als idealer Lebensraum für Heideschne­cken.
Foto: Francisco Carrascosa Die Vegetation am Rand der Strasse präsentier­t sich als idealer Lebensraum für Heideschne­cken.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland