Sta­tio­nä­re The­ra­pie an­statt Ge­fäng­nis

Das Schaff­hau­ser Kan­tons­ge­richt hat den Mann, der im Ju­li 2017 die Mit­ar­bei­ter der CSS-Ver­si­che­rung an­griff, zu ei­ner sta­tio­nä­ren Mass­nah­me ver­ur­teilt. Oh­ne Be­hand­lung be­ste­he ho­he Rück­fall­ge­fahr.

Zürichsee-Zeitung (Horgen) - - Vorderseit­e -

Schaff­hau­sen Das Schaff­hau­ser Kan­tons­ge­richt hat den 53-Jäh­ri­gen, der 2017 mit ei­ner Ket­ten­sä­ge in Schaff­hau­sen die Mit­ar­bei­ter der CSS-Ver­si­che­rung an­ge­grif­fen hat und tags dar­auf in Thal­wil ver­haf­tet wur­de, der mehr­fa­chen ver­such­ten vor­sätz­li­chen Tö­tung schul­dig ge­spro­chen. Weil er aber schuld­un­fä­hig ist, wur­de ei­ne sta­tio­nä­re Mass­nah­me ver­hängt.

Am Vor­mit­tag des 24. Ju­li 2017 herrsch­te in der Schaff­hau­ser Vorstadt Pa­nik: Ein Mann hat­te mit ei­ner lau­fen­den Ket­ten­sä­ge die Bü­ros der CSS-Ver­si­che­rung ge­stürmt und ge­zielt An­ge­stell­te an­ge­grif­fen. Zwei Mit­ar­bei­ter wur­den durch die Sä­ge ver­letzt, und zwei in der Fi­lia­le an­we­sen­de Kun­den er­lit­ten ei­nen Schock. Als die Po­li­zei beim Tat­ort ein­traf, hat­te der An­grei­fer be­reits das Wei­te ge­sucht. Er schaff­te es, un­er­kannt bis nach Thal­wil am Zü­rich­see zu fah­ren, wo er ei­nen Tag spä­ter fest­ge­nom­men wur­de. Bei sei­ner Ver­haf­tung trug der Mann in ei­ner Ta­sche zwei Pis­to­len-Arm­brüs­te mit sich, die mit 16 Zen­ti­me­ter lan­gen Pfei­len ge­la­den wa­ren – dies, weil er sich vor der Ver­schlep­pung durch Men­schen­händ­ler fürch­te­te.

Seit März 2018 lebt der heu­te 53-jäh­ri­ge Mann in der fo­ren­si­schen Psych­ia­trie in Rhein­au ZH, un­weit von Schaff­hau­sen. Dort wird der ehe­ma­li­ge Dach­de­cker vor­aus­sicht­lich blei­ben. Das Kan­tons­ge­richt Schaff­hau­sen sprach ihn ges­tern der mehr­fa­chen ver­such­ten vor­sätz­li­chen Tö­tung schul­dig. We­gen sei­ner psy­chi­schen Er­kran­kung ist er al­ler­dings nicht schuld­fä­hig, wes­halb ei­ne nor­ma­le Frei­heits­stra­fe für den ehe­ma­li­gen Wald­be­woh­ner nicht in­fra­ge kommt. Das Ge­richt folg­te des­halb dem An­trag des Staats­an­wal­tes und ver­häng­te ei­ne sta­tio­nä­re Mass­nah­me nach Ar­ti­kel 59. Das heisst, dass der Mann ei­ne The­ra­pie er­hält. Oh­ne Be­hand­lung be­ste­he ei­ne grosse Rück­fall­ge­fahr für Ge­walt­de­lik­te, hiess es. In fünf Jah­ren wird sein Zu­stand über­prüft und ent­schie­den, ob die Mass­nah­me ver­län­gert wird oder nicht. Dass er dann frei­ge­las­sen wird, ist aber so gut wie aus­ge­schlos­sen. Der Schwei­zer lei­det un­ter ei­ner schwe­ren Form von pa­ra­no­id­hal­lu­zi­na­to­ri­scher Schi­zo­phre­nie. Er ist voll­stän­dig in sei­ner ei­ge­nen Welt ge­fan­gen und lebt des­halb seit Jah­ren von ei­ner IV­Ren­te. Den An­griff auf die CSS­An­ge­stell­ten be­grün­de­te er vor Ge­richt mit «Geist­kräf­ten», die auf ihn wir­ken wür­den. Die Mit­ar­bei­ter hät­ten ihn mit ih­ren ne­ga­ti­ven Kräf­ten um­brin­gen wol­len. Da ha­be er sich mit der Mo­tor­sä­ge zur Wehr ge­setzt.

«Das ist Fol­ter»

Ers­te Zei­chen für die Er­kran­kung gab es nach ei­nem Ve­s­pa-Un­fall im Jahr 1999. Er wur­de da­bei zwar er­wie­se­ner­mas­sen nicht schwer ver­letzt. Den­noch ist er seit­her der fes­ten Über­zeu­gung, dass er ein Schä­del-Hirn-Trau­ma er­litt und Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen in Mil­lio­nen­hö­he zu­gut hat.

In ei­nem vor­ge­schrie­be­nen Schluss­wort ent­schul­dig­te der An­ge­klag­te sich bei den CSS-Mit­ar­bei­tern. Es tue ihm leid, was pas­siert sei. Da­nach kri­ti­sier­te er je­doch in trot­zi­gem Ton Jus­tiz und Psych­ia­trie, die ihn zwin­gen wür­den, Psy­cho­phar­ma­ka zu schlu­cken. «Das ist Fol­ter.» Er wol­le sein Le­ben in Frei­heit ver­brin­gen und die Me­di­ka­men­te ab­set­zen – und er wol­le sei­nen VW-Lie­fer­wa­gen zu­rück.

Sein An­walt ist mit dem Ur­teil nicht zu­frie­den und wird es vor­aus­sicht­lich wei­ter­zie­hen. Er ar­gu­men­tiert, dass der An­griff ei­ne so­ge­nann­te Pu­ta­tiv­not­wehr dar­stel­le. Da­bei han­delt es sich um ei­ne Not­wehr, bei der ei­ne Per­son irr­tüm­li­cher­wei­se meint, sie wer­de an­ge­grif­fen. Sein Man­dant ha­be tat­säch­lich ge­glaubt, die CSS-An­ge­stell­ten wür­den ihn mit ih­ren Ener­gi­en um­brin­gen. Die Sa­che sei des­halb als Kör­per­ver­let­zung zu wer­ten. Der An­walt for­der­te, den Be­schul­dig­ten «um­ge­hend zu ent­las­sen» und ihm 160 000 Fran­ken Ge­nug­tu­ung zu­zu­spre­chen.

Die CSS ist in Schaff­hau­sen heu­te nicht mehr in der Vorstadt an­säs­sig. Sie gab die dor­ti­gen Bü­ros aus Pie­täts­grün­den auf und such­te sich ei­nen neu­en, un­be­las­te­ten Stand­ort.

Fo­to: Po­li­zei Schaff­hau­sen, Keystone

Das Bild zeigt den Mann kurz vor der Tat.

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