Ver­bot von Au­to­ki­nos und Dri­ve-in-Büh­nen er­zürnt den Frei­sinn

Kein Au­to­ki­no und auch kein Büh­nen­pro­gramm, das Be­su­cher vom Au­to aus ver­fol­gen kön­nen. Zwei Ent­schei­de be­tref­fend Die­ti­kon und Diet­li­kon ent­täu­schen Or­ga­ni­sa­to­ren und Kul­tur­in­ter­es­sier­te.

Zürichsee-Zeitung (Horgen) - - Vorderseit­e - Mi­chel Wenz­ler

Ver­an­stal­tun­gen Die Be­völ­ke­rung darf nicht ein­mal von dort aus Kul­tur ge­nies­sen, wo sie von der Aus­sen­welt und so­mit auch von Vi­ren ab­ge­schirmt ist: Nach­dem der Kan­ton Zürich die­se Wo­che ein Au­to­ki­no in Diet­li­kon ge­schlos­sen hat, ist ein wei­te­res Ver­bot ei­ner ähn­li­chen Ver­an­stal­tung be­kannt ge­wor­den. Die Jus­tiz­di­rek­ti­on hat ei­nem Ver­ein in Die­ti­kon un­ter­sagt, im In­dus­trie­ge­biet

ei­ne Dri­ve-in-Büh­ne für Come­dy Acts und ei­nen Got­tes­dienst ein­zu­rich­ten. Auch hier hät­ten die Teil­neh­mer die An­läs­se aus dem Au­to her­aus ver­folgt. Ge­plant wa­ren sie für die Pfingst­fei­er­ta­ge. Die FDP kri­ti­siert das Ver­bot scharf: «Sol­che Ver­an­stal­tun­gen sol­len nicht bünz­li­gen Pa­ra­gra­fen­rei­tern zum Op­fer fal­len», schreibt die Par­tei in ei­ner Mit­tei­lung.

Die Schlies­sung des Au­to­ki­nos in Diet­li­kon hat die­se Wo­che für Auf­se­hen ge­sorgt. Der 19-jäh­ri­ge Gym­na­si­ast Mi­ka St­ein­mann hat­te die Ver­an­stal­tung mit Zu­stim­mung der Ge­mein­de­be­hör­den auf die Bei­ne ge­stellt. Doch dann stopp­te der Kan­ton das Au­to­ki­no, das auf re­ges In­ter­es­se ge­stos­sen war. Die kom­mu­na­len Be­hör­den sei­en gar nicht be­fugt ge­we­sen, ei­ne Be­wil­li­gung zu spre­chen, hiess es. Zu­stän­dig da­für sei die Jus­tiz­di­rek­ti­on, die ei­ne Aus­nah­me­be­wil­li­gung er­tei­len müss­te.

Ei­ne Ge­such da­für hat St­ein­mann nach­träg­lich ein­ge­reicht. Nun zeich­net sich aber ab, dass er da­mit kei­nen Er­folg ha­ben wird. Dies legt ein neu­er Fall na­he, der am Frei­tag pu­blik ge­wor­den ist. Un­ab­hän­gig vom Au­to­ki­no in Diet­li­kon woll­te der Kul­tur­ver­ein Gleis 21 in Die­ti­kon ei­nen An­lass mit ähn­li­chem Kon­zept or­ga­ni­sie­ren. Im Un­ter­schied zu St­ein­mann be­schrit­ten die Or­ga­ni­sa­to­ren von An­fang an den kor­rek­ten Weg über die kan­to­na­len Be­hör­den – und er­hiel­ten ei­ne Ab­sa­ge.

Vor­ge­se­hen war ei­ne Dri­ve-in­Büh­ne für Come­dy-Acts und ei­nen Got­tes­dienst. Sie hät­ten über Pfings­ten auf dem Ge­län­de der Fir­ma Pes­ta­loz­zi AG statt­fin­den sol­len. Wie beim Au­to­ki­no hät­ten die Be­su­cher die Dar­bie­tun­gen vom ge­schütz­ten Au­to aus ver­folgt. «Es gibt dort ei­ne Ram­pe für die Künst­ler, und es hät­ten et­wa 80 Au­tos Platz ge­fun­den», sagt Mit­in­iti­ant Chris­ti­an Hö­he­ner. Als Mit­glied des Ko­mi­ker­du­os Lap­sus hät­te un­ter an­de­ren auch er ei­nen Auf­tritt ge­habt.

«Wir be­mü­hen uns um ei­ne kor­rek­te und für al­le Ver­an­stal­ter ver­gleich­ba­re Um­set­zung der Vor­ga­ben.» Ste­fa­nie Kel­ler

Di­rek­ti­on der Jus­tiz und des In­nern

Es gab ein Schutz­kon­zept

«Wir sind ent­täuscht, dass die An­läs­se nun nicht statt­fin­den kön­nen», sagt Hö­he­ner. Da­bei hät­ten die Ver­an­stal­ter ein um­fas­sen­des Schutz­kon­zept ge­habt. Die Be­su­cher hät­ten das Au­to nur im Not­fall oder für den Gang auf die Toi­let­te ver­las­sen dür­fen. Dort wä­ren aber nie mehr als zwei Per­so­nen gleich­zei­tig er­laubt ge­we­sen. Die Ti­ckets wä­ren on­line ver­kauft wor­den, auf ein gas­tro­no­mi­sches An­ge­bot hät­ten die Or­ga­ni­sa­to­ren ver­zich­tet. So wä­re es prak­tisch nicht zu di­rek­tem Kon­takt zwi­schen Per­so­nen ge­kom­men.

Die Jus­tiz­di­rek­ti­on hat den An­lass al­ler­dings nicht des­halb un­ter­sagt, weil sie das Schutz­kon­zept für un­ge­nü­gend hält. In ih­rem Ent­scheid stellt sie viel­mehr ein über­wie­gen­des öf­fent­li­ches In­ter­es­se des An­las­ses in­fra­ge. Ein gel­tend ge­mach­tes Be­dürf­nis müs­se sich deut­lich von je­nen an­de­rer Ver­an­stal­ter un­ter­schei­den, lau­tet die Be­grün­dung im Schrei­ben an die Or­ga­ni­sa­to­ren.

Auf An­fra­ge kon­kre­ti­siert Spre­che­rin Ste­fa­nie Kel­ler: «Der Kan­ton Zürich und die Jus­tiz­di­rek­ti­on be­mü­hen sich um ei­ne kor­rek­te und für al­le Ver­an­stal­ter

ver­gleich­ba­re Um­set­zung der Vor­ga­ben.» Mit Blick auf die zu­neh­men­den Lo­cke­run­gen der Co­vid-Ver­ord­nung durch den Bun­des­rat set­ze sich die Jus­tiz­di­rek­ti­on aber auch für wei­te­re Öff­nungs­schrit­te im Kan­ton ein.

FDP äus­sert star­ke Kri­tik

Den­noch: Dass zur­zeit selbst ein An­lass nicht statt­fin­den kann, an dem die Teil­neh­mer durch meh­re­re Ton­nen Blech vom Vi­rus ge­schützt wä­ren, stösst auf Un­ver­ständ­nis. Die Frei­sin­ni­gen wer­fen der Jus­tiz­di­rek­ti­on vor, dass sie sich auf for­mal­ju­ris­ti­sche Aspek­te ver­stei­fe und nicht Au­gen­mass wal­ten las­se.

FDP-Prä­si­dent Hans-Ja­kob Boesch sagt: «Kul­tur­schaf­fen­de ha­ben zur­zeit fak­tisch ein Ar­beits­ver­bot. Wenn sie nun auf­tre­ten kön­nen, oh­ne dass der Schutz ver­nach­läs­sigt wird, soll­te dies doch auch im In­ter­es­se der Re­gie­rung sein.» Der Staat an­er­ken­ne ja selbst, dass die Si­tua­ti­on der Kul­tur­schaf­fen­den im öf­fent­li­chen In­ter­es­se sei – sonst wür­de er sie wäh­rend der Co­ro­na-Kri­se nicht fi­nan­zi­ell un­ter­stüt­zen. Ei­ne wei­te­re Sor­ge be­schäf­tigt Boesch: dass durch Ent­schei­de wie die­se in der Be­völ­ke­rung die Ak­zep­tanz für Ein­schrän­kun­gen schwin­den könn­te, die tat­säch­lich zweck­mäs­sig sei­en. «Das darf nicht pas­sie­ren.»

The­men­fo­to: Ta­me­dia

Auch wenn man im Au­to ge­schützt ist – Spek­ta­kel wie je­ne in Diet­li­kon und Die­ti­kon blei­ben bis auf wei­te­res ver­bo­ten.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.