Für zwei­wö­chi­gen Va­ter­schafts­ur­laub

Vä­ter be­kom­men künf­tig zwei Wo­chen be­zahl­ten Ur­laub nach der Ge­burt ih­res Kin­des. Doch meh­re­re Initi­an­ten ste­hen schon be­reit, die ein Viel­fa­ches da­von for­dern.

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Vorderseit­e - Clau­dia Blu­mer

Vä­ter be­kom­men in der Schweiz zwei Wo­chen be­zahl­te Be­treu­ungs­zeit. Das hat der Na­tio­nal­rat ent­schie­den. Er tat es dem Stän­de­rat gleich, der eben­falls die Volks­in­itia­ti­ve für ei­nen vier­wö­chi­gen Va­ter­schafts­ur­laub zur Ab­leh­nung emp­foh­len, je­doch den in­di­rek­ten Ge­gen­vor­schlag für zwei Wo­chen be­für­wor­tet hat­te. Der Na­tio­nal­rat de­bat­tier­te den gan­zen Tag zum The­ma, 58 Red­ner tra­ten ans Pult. Ver­tre­ter von SP bis FDP spra­chen sich ve­he­ment für die Vor­la­ge aus. Ein­zig die SVP und ei­ne Min­der­heit der FDP lehn­ten die Volks­in­itia­ti­ve und den Ge­gen­vor­schlag ab. (bl)

Es war tat­säch­lich ein his­to­ri­scher Mo­ment, wie SP-Na­tio­nal­rat Adri­an Wü­th­rich am Mitt­woch im Na­tio­nal­rat sag­te. Und er sel­ber hat­te ei­ni­gen An­teil dar­an be­zie­hungs­wei­se die von ihm prä­si­dier­te Tra­vail­su­is­se. Die Volks­in­itia­ti­ve für ei­nen vier­wö­chi­gen Va­ter­schafts­ur­laub, die Tra­vail­su­is­se und 160 Part­ner­or­ga­ni­sa­tio­nen lan­ciert hat­ten, mün­de­te ges­tern in die Ver­an­ke­rung ei­nes Va­ter­schafts­ur­laubs von zwei Wo­chen.

Nach­dem der Stän­de­rat im Ju­ni dem in­di­rek­ten Ge­gen­vor­schlag zu­ge­stimmt hat­te, tat dies ges­tern auch der Na­tio­nal­rat. Das Er­werbs­er­satz­ge­setz, das auch Lohn­aus­fäl­le bei Mi­li­tär­dienst und seit 2005 bei Mut­ter­schaft re­gelt, wird um ei­nen Pas­sus er­gänzt: Vä­ter ha­ben, ab der Ge­burt ih­res Kin­des, An­spruch auf zwei Wo­chen Be­treu­ungs­zeit bei 80 Pro­zent ih­res Loh­nes, höchs­tens 196 Fran­ken pro Ar­beits­tag. Wenn sie den Ur­laub in­nert sechs Mo­na­ten nicht be­zie­hen, ver­fällt er.

Ge­schätz­te Kos­ten von 229 Mil­lio­nen Fran­ken

Ins­ge­samt wer­den die Kos­ten da­für vom Bun­des­amt für So­zi­al­ver­si­che­run­gen auf 229 Mil­lio­nen Fran­ken jähr­lich ge­schätzt, die Lohn­ne­ben­kos­ten stei­gen da­durch um 0,06 Pro­zent. Heu­te be­tra­gen die Lohn­ab­zü­ge für die Er­werbs­er­satz­kas­se 0,45 Pro­zent, die Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer je hälf­tig zah­len.

Sechs­ein­halb St­un­den dau­er­te die De­bat­te im Na­tio­nal­rat. Und dies nicht et­wa, weil das Ge­schäft auf der Kip­pe ge­stan­den hat­te. Im Ge­gen­teil. Nach dem über­ra­schend deut­li­chen Ja des Stän­de­rats, we­ni­ge Ta­ge nach dem na­tio­na­len Frau­en­streik, wur­de vom Na­tio­nal­rat das­sel­be er­war­tet. Den­noch hat­ten sich 58 Red­ne­rin­nen und Red­ner für die De­bat­te ein­ge­schrie­ben. Vie­le woll­ten sich zu dem po­pu­lä­ren The­ma äus­sern, so kurz vor den Wah­len so­wie­so.

Da­bei wie­der­hol­ten sich die Ar­gu­men­te. So hör­te man bei­spiels­wei­se mehr­mals, dass die Schweiz das letz­te Land in Eu­ro­pa sei, das we­der ei­nen Va­ter­schafts­ur­laub noch ei­ne El­tern­zeit ken­ne. Das än­dert sich nun: Der in­di­rek­te Ge­gen­vor­schlag, der kei­ne Ver­fas­sungs­än­de­rung vor­sieht, son­dern di­rekt das Ge­setz

Vie­le Red­ner woll­ten sich zu dem po­pu­lä­ren The­ma äus­sern, so kurz vor den Wah­len so­wie­so.

an­passt, tritt in Kraft, wenn Tra­vail­su­is­se und ih­re Ver­bün­de­ten die Initia­ti­ve zu­rück­zie­hen oder wenn die­se vom Volk ab­ge­lehnt wird.

Beim Volk hät­te die Initia­ti­ve wo­mög­lich Chan­cen

Nach der Schluss­ab­stim­mung in der letz­ten Ses­si­ons­wo­che trifft sich das Initia­ti­vko­mi­tee am 2. Ok­to­ber, wie Adri­an Wü­th­rich sagt. Dann wer­de man über den Rück­zug der Initia­ti­ve ent­schei­den. Na­tio­nal- und Stän­de­rat emp­feh­len sie zur Ab­leh­nung, doch im Volk hät­te sie wo­mög­lich Chan­cen. Soll­te sie an der Ur­ne aber nicht durch­kom­men, wä­re dies ein schlech­tes Si­gnal für die wei­te­ren Vor­ha­ben, die ge­plant sind:

– Am kom­men­den Sams­tag, 14. Sep­tem­ber, lan­ciert die SP Kan­ton Zü­rich an ih­rer De­le­gier­ten­ver­samm­lung die kan­to­na­le El­tern­zeit-Initia­ti­ve, die je 18 Wo­chen be­zahl­te El­tern­zeit für Müt­ter und Vä­ter for­dert.

– Die SP Schweiz will ei­ne na­tio­na­le El­tern­zeit-Initia­ti­ve lan­cie­ren. Nach ei­ner Ba­sis­be­fra­gung hat die Par­tei An­fang Sep­tem­ber mit­ge­teilt, dass sie zwei Volks­in­itia­ti­ve lan­cie­ren wer­de: zur El­tern­zeit und zur Lohn­gleich­heit. Die SP fa­vo­ri­siert ein an nor­di­sche Staa­ten an­ge­lehn­tes El­tern­zeit­mo­dell, das auch die Eid­ge­nös­si­sche Kom­mis­si­on für Fa­mi­li­enfra­gen be­für­wor­tet: je 14 Wo­chen für Vä­ter und Müt­ter plus zehn frei auf­teil­ba­re Wo­chen. Al­ler­dings muss die De­le­gier­ten­ver­samm­lung En­de No­vem­ber die Initia­tiv­pro­jek­te noch ab­seg­nen.

– Der Ver­ein Pu­b­lic Be­ta, ge­grün­det von Netz­ak­ti­vist Da­ni­el Graf, plant eben­falls ei­ne El­tern­zeit-Volks­in­itia­ti­ve un­ter dem Ti­tel «Gleich­stel­lung plus»: je 15 Wo­chen für Va­ter und Mut­ter. Im Ok­to­ber soll der Initia­tiv­text vor­lie­gen, in den ers­ten Mo­na­ten 2020 will Pu­b­lic Be­ta die Initia­ti­ve lan­cie­ren. Das Vor­ha­ben wird auch von bür­ger­li­chen Ex­po­nen­ten un­ter­stützt.

Frag­lich ist, ob sich die SP und Pu­b­lic Be­ta auf ei­nen ge­mein­sa­men Initia­tiv­text ei­ni­gen kön­nen. Denn bei zwei Volks­in­itia­ti­ven zum sel­ben The­ma mit un­ter­schied­li­chen El­tern­zeit­mo­del­len wür­den sich die Res­sour­cen arg ver­zet­teln. Ers­te Ge­sprä­che zwi­schen SP und Pu­b­lic Be­ta er­ga­ben noch kei­ne Ei­ni­gung, wie Be­tei­lig­te er­zäh­len. Ab­seh­bar ist, dass die SP ein so po­pu­lä­res The­ma un­gern ei­ner an­de­ren Or­ga­ni­sa­ti­on über­lässt. Bür­ger­li­che Po­li­ti­ke­rin­nen wie Kath­rin Bert­s­chy und Ros­ma­rie Qua­dran­ti wür­den je­doch ei­nen neu­tra­len Ab­sen­der wie Pu­b­lic Be­ta be­vor­zu­gen, weil dann über­par­tei­li­che Al­li­an­zen ein­fa­cher wä­ren.

Wäh­rend Po­lit­stra­te­gen nun an dem per­fek­ten El­tern­zeit­mo­dell fei­len, das vi­el­leicht ir­gend­wann Rea­li­tät wird, dür­fen sich Män­ner freu­en, die in nächs­ter Zu­kunft Va­ter wer­den. Sie ha­ben zwei Wo­chen Ba­by­zeit auf si­cher.

Fo­to: Ales­san­dro Cri­na­ri (Keystone)

Wenn die Vä­ter den Ur­laub in­nert sechs Mo­na­ten nicht be­zie­hen, ver­fällt er.

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