IS-An­wer­ber ver­liert Staats­bür­ger­schaft

Ei­nem Schwei­zer Dop­pel­bür­ger will Bun­des­bern den Schwei­zer Pass ent­zie­hen, weil er die Si­cher­heit des Lan­des ge­fähr­de. Der 35-Jäh­ri­ge ge­hör­te zu ei­ner Ji­ha­dis­ten-Zel­le in Lu­ga­no.

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Vorderseit­e - Kurt Pel­da

Dem schwei­ze­risch-tür­ki­schen Dop­pel­bür­ger Ümit Y. ent­zieht das Staats­se­kre­ta­ri­at für Mi­gra­ti­on (SEM) das Bür­ger­recht. Laut SEM ge­fähr­det der Mann die Si­cher­heit des Lan­des und ist Mit­glied ei­ner Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on. Der 35-Jäh­ri­ge wur­de 2017 zu ei­ner teil­be­ding­ten Ge­fäng­nis­stra­fe ver­ur­teilt, weil er Ji­ha­dis­ten für den IS re­kru­tiert hat­te.

Ei­nem rechts­kräf­tig als Ter­ror­hel­fer ver­ur­teil­ten Tes­si­ner ent­zieht das Staats­se­kre­ta­ri­at für Mi­gra­ti­on (SEM) das Schwei­zer Bür­ger­recht. Das ist nur mög­lich, weil der 35-jäh­ri­ge Ümit Y. Dop­pel­bür­ger ist. Er ver­fügt noch über die tür­ki­sche Staats­bür­ger­schaft. 2017 war er vom Bun­des­straf­ge­richt in Bel­lin­zo­na in ei­nem ab­ge­kürz­ten Ver­fah­ren we­gen Ver­stös­sen ge­gen das Al­Qaidaund IS-Ver­bot zu zwei­ein­halb Jah­ren Ge­fäng­nis ver­ur­teilt wor­den. Da­von muss­te er al­ler­dings nur sechs Mo­na­te ab­sit­zen, der Rest wur­de ihm auf Be­wäh­rung er­las­sen.

Noch nicht rechts­kräf­tig

Das SEM kön­ne ei­nem Dop­pel­bür­ger das Bür­ger­recht ent­zie­hen, wenn die­ser die Si­cher­heit des Lan­des ge­fähr­de, schreibt das Staats­se­kre­ta­ri­at in ei­ner knapp ge­hal­te­nen Mit­tei­lung. Das SEM hält Ümit Y. of­fen­bar für ein Mit­glied ei­ner Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on, gab aber nicht an, um wel­che Grup­pe es sich da­bei han­deln soll. Der Ent­scheid ist noch nicht rechts­kräf­tig, Ümit Y. kann da­ge­gen Be­schwer­de beim Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ein­le­gen.

Es ist dies das ers­te Mal, dass die Bun­des­be­hör­den ei­nen sol­chen Schritt wa­gen. Plan­spie­le für den Ent­zug des Bür­ger­rechts bei di­ver­sen Ji­ha­dis­ten und Ter­ror­sym­pa­thi­san­ten gibt es schon seit län­ge­rem. Al­ler­dings ist dies nur bei Per­so­nen mög­lich, die noch über ei­ne zwei­te Staats­bür­ger­schaft ver­fü­gen. Ein denk­ba­res Bei­spiel wä­re der Gen­fer Ji­ha­dist Da­ni­el D., der beim IS ge­kämpft hat und sich nun in Ge­fan­gen­schaft kur­di­scher Mi­li­zen in Nord­ost­sy­ri­en be­fin­det. Er hat ne­ben dem Schwei­zer auch noch das spa­ni­sche Bür­ger­recht. Soll­te der SEM-Ent­scheid ge­gen Ümit Y. rechts­kräf­tig wer­den, ist zu er­war­ten, dass die Bun­des­be­hör­den wei­te­ren Dop­pel­bür­gern in der Ji­ha­dis­ten-Sze­ne den Schwei­zer Pass ent­zie­hen wer­den.

Ümit Y. ver­kehr­te in der be­rüch­tig­ten Mo­schee des Lu­ga­ne­ser Stadt­vier­tels Vi­ga­nel­lo und ar­bei­te­te bei der in­zwi­schen bank­rot­ten Si­cher­heits­fir­ma Ar­go 1. Er hat­te gu­te Kon­tak­te in der ita­lie­ni­schen Sala­fis­ten­sze­ne und ver­such­te dort, Mus­li­me für den Ji­had in Sy­ri­en zu mo­bi­li­sie­ren, kon­kret für die sy­ri­sche Fi­lia­le von al-Qai­da. Auf die Spur des Re­kru­tie­rers wa­ren die Schwei­zer Er­mitt­ler laut Me­dien­be­rich­ten dank Hin­wei­sen aus Ita­li­en ge­stos­sen. Dort hat­te die Po­li­zei her­aus­ge­fun­den, dass der in Ita­li­en le­ben­de zwei­fa­che Schwei­zer­meis­ter im Kick­bo­xen, Ab­der­ra­him Mu­ta­har­rik, ei­nen An­schlag im Na­men des Is­la­mi­schen Staats in Rom oder im Va­ti­kan plan­te. Aus­ser­dem woll­te er sich in Sy­ri­en dem IS an­schlies­sen, wo­für er an­geb­lich Ümit Y. kon­tak­tier­te. Aus­ser­dem ver­kehr­te Mu­ta­har­rik, der in­zwi­schen in Ita­li­en zu sechs Jah­ren Ge­fäng­nis ver­ur­teilt wur­de, in der Mo­schee von Vi­ga­nel­lo. Be­kannt wur­de er un­ter an­de­rem auch, weil er mit ei­nem der IS-Flag­ge nach­emp­fun­de­nen schwar­zen Tri­kot in den Box­ring stieg.

Kon­takt mit Ter­ro­ris­ten

Mu­ta­har­rik war al­ler­dings nicht der ein­zi­ge Ter­ro­rist, mit dem der tür­kisch-schwei­ze­ri­sche Dop­pel­bür­ger in Kon­takt stand. In Mu­ta­har­riks Dunst­kreis be­weg­te sich der «Ji­ha­dist aus Lu­ga­no», Ous­sa­ma Kha­chia, den die Schweiz aus­ge­wie­sen hat­te. Ihm half Ümit Y. bei der Aus­rei­se via Tür­kei zum IS nach Sy­ri­en. Kha­chia soll noch 2015 im sy­risch-ira­ki­schen Kriegs­ge­biet um­ge­kom­men sein. Bei der Si­cher­heits­fir­ma Ar­go 1 re­kru­tier­te Ümit Y. aus­ser­dem ei­nen Ar­beits­kol­le­gen, den Schwei­zer Kon­ver­ti­ten Ylan B., der eben­falls in der Mo­schee von Vi­ga­nel­lo be­te­te. Ylan B. hat­te erst im No­vem­ber 2014 bei der Si­cher­heits­fir­ma an­ge­fan­gen und be­wach­te Asyl­hei­me. Schon nach we­ni­gen Mo­na­ten schloss sich der leicht be­ein­fluss­ba­re jun­ge Mann aber dem IS an. Im Ju­li 2015 kam er bei Kämp­fen um die ira­ki­sche Stadt Bai­ji und die dor­ti­ge Erd­öl­raf­fi­ne­rie um. Ümit Y. hat­te ihm noch 100 Fran­ken für die Rei­se­kos­ten zu­ge­steckt und ihn in­stru­iert, wie er in der Tür­kei mit dem Bus bis zur sy­ri­schen Gren­ze fah­ren kön­ne.

Zu den von Ümit Y. in­dok­tri­nier­ten Mo­schee­gän­gern von Vi­ga­nel­lo ge­hör­te aus­ser­dem der 30-jäh­ri­ge Pe­ter G., eben­falls ein ehe­ma­li­ger Si­cher­heits­agent. Der Sala­fist be­droh­te den frei­en Jour­na­lis­ten und Buch­au­tor Ste­fa­no Piaz­za mit dem Tod – weil sich Piaz­za in sei­nen Ar­ti­keln mit Is­la­mis­mus und Ter­ro­ris­mus be­schäf­tigt. So ge­se­hen, han­del­te es sich bei den Leu­ten rund um Ümit Y. und die Mo­schee von Vi­ga­nel­lo um ei­ne ve­ri­ta­ble Ji­ha­dis­ten-Zel­le mit Ab­le­gern in Nord­ita­li­en. Das Mus­ter er­in­nert an die Netz­wer­ke rund um an­de­re Schwei­zer Got­tes­häu­ser, zum Bei­spiel die Win­ter­thu­rer An’Nur-Mo­schee oder die Grosse Mo­schee von Genf.

Dass Ümit Y. mit ei­ner ver­gleichs­wei­se mil­den Ge­fäng­nis­stra­fe da­von­kam, hängt da­mit zu­sam­men, dass er ge­stän­dig war und vor Ge­richt Reue zeig­te. Al­ler­dings hin­ter­liess der Pro­zess in Bel­lin­zo­na den Ein­druck, dass es den Rich­tern nicht wirk­lich um die Auf­klä­rung und die Hin­ter­grün­de des Ver­bre­chens ging, son­dern um ei­ne mög­lichst schnel­le und un­kom­pli­zier­te Ver­ur­tei­lung.

Fo­to: Ah­mad Al-Ru­baye (AFP)

Ei­ne um­kämpf­te Erd­öl­raf­fi­ne­rie im Nord­irak, wo im Ju­li 2015 der von Ümit Y. re­kru­tier­te Schwei­zer Kon­ver­tit Ylan B. im Ji­had fiel.

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