Ge­heim­nis der Ske­let­te vom Sing­saal ge­lüf­tet

Im Som­mer 2018 bar­gen Wis­sen­schaft­ler Kno­chen von 55 Ske­let­ten un­ter der Kan­tons­schu­le. Nun prä­sen­tie­ren sie die Er­geb­nis­se ih­rer Un­ter­su­chun­gen.

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Vorderseit­e - Phil­ip­pa Schmidt

Mitt­ler­wei­le wird im Sing­saal der Kan­tons­schu­le Küs­nacht wie­der mu­si­ziert. Kno­chen be­fin­den sich un­ter dem Ge­bäu­de im Her­zen von Küs­nacht kei­ne mehr. Doch ganz los las­sen die mit­tel­al­ter­li­chen Ge­bei­ne, die 2018 hier ge­bor­gen wur­den, die Kan­ti nicht: Am nächs­ten Don­ners­tag wird das Gra­bungs­team der Kan­tons­ar­chäo­lo­gie näm­lich im be­sag­ten Sing­saal der Öf­fent­lich­keit ei­nen Ein­blick in sei­ne Ar­beit und die Re­sul­ta­te sei­ner Un­ter­su­chun­gen ge­wäh­ren.

Auch wenn die 55 Ur-Küs­nach­te­rin­nen und -Küs­nach­ter, de­ren Über­res­te ge­fun­den wur­den, vie­le ih­rer Ge­heim­nis­se mit ins Gr­ab ge­nom­men ha­ben, konn­ten die For­scher De­tails wie et­wa das Al­ter zum To­des­zeit­punkt, Ge­schlecht und teil­wei­se auch den Ge­sund­heits­zu­stand er­mit­teln. Aus wel­chem Jahr­hun­dert die To­ten stam­men, ist in­zwi­schen eben­falls klar: Sie leb­ten im Hoch­mit­tel­al­ter, al­so im 9., 10. und 11. Jahr­hun­dert. Dass in den Grä­bern kaum Gr­ab­bei­ga­ben zu fin­den wa­ren, stell­te ei­ne be­son­de­re Her­aus­for­de­rung dar. Be­stimmt ha­ben die For­scher das Al­ter schliess­lich mit Ra­dio­kar­bon­da­tie­run­gen, die bei 22 Pro­ben von 13 Ske­let­ten durch­ge­führt wur­den.

Mit mo­derns­ter Tech­nik wur­den zu­dem 3-D-Mo­del­le ein­zel­ner Ske­let­te und des Grä­ber­felds er­stellt. Hier tref­fen sich Ge­gen­sät­ze: die Tech­no­lo­gie des 21. Jahr­hun­derts und das Schick­sal von Men­schen, die vor über 1000 Jah­ren ge­lebt ha­ben.

Die Sze­ne ist sur­re­al: Über ei­nem Tisch in der Kan­tons­ar­chäo­lo­gie schwebt ein tau­send­jäh­ri­ges Ske­lett. Als Be­trach­ter kann man die mensch­li­chen Über­res­te um­run­den, den mit ei­nem Loch ver­se­he­nen Schä­del an­se­hen, die Rip­pen, die Bei­ne. Fast be­schleicht ei­nen das Ge­fühl, die bei­gen Kno­chen be­rüh­ren zu kön­nen.

Doch dem ist nicht so, denn das Ske­lett ist nicht re­al: Es ist ei­ne 3-D-Pro­jek­ti­on, die aus 40 Bil­dern ge­ne­riert wird. Der Be­trach­ter sieht das Mo­dell nur, wenn er ei­ne ent­spre­chen­den High­tech­bril­le trägt. Aug­men­ted Rea­li­ty nennt sich die Tech­nik, mit wel­cher sol­che Ef­fek­te er­zielt wer­den kön­nen – hier zum Woh­le der Wis­sen­schaft. Bei dem Ho­lo­gramm han­delt es sich näm­lich um ei­nes der mit­tel­al­ter­li­chen Ske­let­te, die im Jahr 2018 un­ter dem Sing­saal der Kan­tons­schu­le Küs­nacht ge­fun­den wur­de. Ab­ge­bil­det wird es ge­nau so, wie es dort über die Jahr­hun­der­te im Erd­reich schlum­mer­te.

Mün­ze mit Ot­to III.

Ge­bor­gen wer­den konn­te das Grä­ber­feld, Teil ei­nes mit­tel­al­ter­li­chen Fried­hofs, nur, weil der Sing­saal der Schu­le sa­niert wer­den muss­te. Bei Son­dier­boh­run­gen im Vor­feld der Sa­nie­rung stiess man auf die Ge­bei­ne. Mitt­ler­wei­le be­fin­den sich die Kno­chen von 55 Men­schen nicht mehr un­ter der Kan­tons­schu­le, son­dern la­gern in be­schrif­te­ten Kar­ton­schach­teln in der Kan­tons­ar­chäo­lo­gie in Düben­dorf. Als end­gül­ti­ges Zu­hau­se ist aber das An­thro­po­lo­gi­sche In­sti­tut der Uni­ver­si­tät Zü­rich vor­ge­se­hen, wo die emp­find­li­chen Ge­bei­ne un­ter kli­ma­tisch pas­sen­den Be­din­gun­gen auf­be­wahrt wer­den.

Dank be­sag­ter Aug­men­ted Rea­li­ty kann An­thro­po­lo­gin Sa­b­ri­na Mey­er al­ler­dings vir­tu­ell zu­rück ins Grä­ber­feld stei­gen. Dies ist um­so wich­ti­ger, als ei­ne so­ge­nann­te Block­ber­gung der Ske­let­te, bei der die Kno­chen mit­samt dem um­ge­ben­den Erd­reich aus­ge­ho­ben wer­den, nicht mög­lich war. Nicht zu­letzt we­gen der gros­sen Dich­te von Kno­chen, die ge­fun­den wur­den. «Die Men­schen wur­den re­la­tiv eng über­ein­an­der be­stat­tet», er­klärt Pro­jekt­lei­ter Wer­ner Wild von der Kan­tons­ar­chäo­lo­gie.

Mitt­ler­wei­le wis­sen die For­scher Ge­naue­res über 38 Ske­let­te: Die­se Ge­bei­ne stam­men von 18 Frau­en, 13, Män­nern so­wie 5 Kin­dern und Ju­gend­li­chen. Bei zwei wei­te­ren er­wach­se­nen Ver­stor­be­nen konn­te das Ge­schlecht nicht be­stimmt wer­den. Ge­lebt ha­ben sie im 9., 10. und 11. Jahr­hun­dert. Dies er­gab ei­ne Ra­dio­kar­bon­da­tie­rung von 22 Pro­ben, die an der ETH durch­ge­führt wur­de. Bei die­ser Me­tho­de wird der Zer­fall ge­wis­ser Stof­fe ge­mes­sen und da­durch das Al­ter be­stimmt. Gr­ab­bei­ga­ben, die bei der Er­mitt­lung des Al­ters der Ske­let­te ge­hol­fen hät­ten, gab es nur ei­ne: Un­ter dem Fuss ei­nes männ­li­chen Ske­letts wur­de ei­ne un­ter Ot­to III., der von 996 bis 1002 Kai­ser war, in Ita­li­en ge­präg­te Sil­ber­mün­ze, ein so­ge­nann­ter De­nar, ent­deckt. Dar­auf ist der Kai­ser auch ab­ge­bil­det. «Mit dem Auf­kom­men des christ­li­chen Glau­bens hör­te die Sit­te der Gr­ab­bei­ga­ben auf», er­klärt Wild, wes­we­gen nicht mehr sol­che Bei­ga­ben ge­fun­den wur­den. Die Ske­let­te wa­ren da­für al­so schlicht nicht alt ge­nug.

Krebs heu­te noch sicht­bar

Wie die To­ten aus­sa­hen oder wel­chen Be­ru­fen sie nach­gin­gen, kann oh­ne wei­te­re Un­ter­su­chun­gen nicht re­kon­stru­iert wer­den. Doch mit ei­ner so­ge­nann­ten dif­fe­ren­ti­al-dia­gnos­ti­schen Aus­wer­tung un­ter­such­te Mey­er drei der Ske­let­te ge­nau­er auf Krank­hei­ten. So auch das­je­ni­ge, das zu Be­ginn be­schrie­ben wur­de: Die An­thro­po­lo­gin deu­tet auf ei­ne Stel­le am Schä­del­kno­chen, die nicht glatt, son­dern po­rös ist. Auch am Be­cken ist die Ober­flä­che des Kno­chens rau und in ei­nem Rü­cken­wir­bel be­fin­det sich gar ein Loch mit dar­un­ter­lie­gen­dem Hohl­raum. «Die­ser Be­fund ist kein Gra­bungs­scha­den, zu Leb­zei­ten fühl­te ei­ne Me­ta­sta­se die­sen Hohl­raum aus», er­klärt Mey­er. Der über 50-jäh­ri­ge Mann ver­fü­ge über al­le Merk­ma­le am Ske­lett, wel­che für ein me­ta­st­a­sie­ren­des Pro­sta­takar­zi­nom spre­chen. Da sich die Krank­heit so aus­ge­prägt zei­ge, müs­se er lan­ge dar­un­ter ge­lit­ten ha­ben, er­gänzt Wild. Ob­gleich die­ser Ur-Küs­nach­ter der Krank­heit lan­ge wi­der­stand, dürf­te sie ihn schliess­lich das Le­ben ge­kos­tet ha­ben. «Bei ihm war Pro­sta­ta­krebs wahr­schein­lich die To­des­ur­sa­che», be­stä­tigt Mey­er.

Doch nicht nur die Struk­tur der Kno­chen ist bei die­sem Ske­lett auf­fäl­lig, auch der Be­stat­tungs­ort wirft Fra­gen auf. So wur­de das Ske­lett, das mit der Num­mer 23 be­zeich­net ist, deut­lich ab­seits der an­de­ren be­stat­tet. Es lag in ei­ner Ecke des Sing­saals. Auch dies könn­te mit den Ge­bre­chen des Man­nes zu­sam­men­hän­gen. So er­zählt Mey­er, dass sie mit dem Zu­ger Kan­tons­arzt Rue­di Hau­ri über den To­ten ge­spro­chen ha­be. «Er wies mich dar­auf hin, dass der Mann Hirn­me­ta­sta­sen ge­habt ha­ben könn­te», er­zählt Mey­er. Die­se kön­nen die Per­sön­lich­keit ver­än­dern. Ein sol­ches ver­än­der­tes Ver­hal­ten könn­te wie­der­um ei­ne Er­klä­rung da­für bie­ten, war­um die Dorf­ge­mein­schaft den Mann mit ei­nem ge­wis­sen Ab­stand zu den an­de­ren To­ten be­grub.

Dass es sich nicht um Scher­ben oder St­ei­ne han­delt, die in Küs­nacht ge­bor­gen wur­den, ist auch für Sa­b­ri­na Mey­er und Wer­ner Wild be­son­ders. «Das wa­ren Men­schen, wie du und ich, die ge­lebt ha­ben», sagt Mey­er. Es sei spe­zi­ell und wich­tig, dass man pie­tät­voll an ei­ne sol­che Gra­bung her­an­ge­he, fügt Wild an.

Schu­le mit­ein­be­zo­gen

Von den Gra­bungs­ar­bei­ten schwär­men die bei­den. «Spe­zi­ell ist, wie gut er­hal­ten die Kno­chen sind», sagt Mey­er. Zu­dem sei es ei­ne tol­le Ge­le­gen­heit ge­we­sen, die Kan­tons­schu­le mit ein­zu­be­zie­hen. Zwei Schü­le­rin­nen nutz­ten die ein­ma­li­ge Chan­ce und nah­men die Gra­bung als Grund­la­ge

«Spe­zi­ell ist, wie gut er­hal­ten die Kno­chen sind.» Sa­b­ri­na Mey­er

An­thro­po­lo­gin

für ih­re Ma­tur­ar­beit: Alicia Hol­larek do­ku­men­tier­te all­ge­mei­ne Re­sul­ta­te und be­son­de­re Fäl­le aus na­tur­wis­sen­schaft­lich an­thro­po­lo­gi­scher Sicht, wäh­ren­dNat­ha­lie Wüs­te inen Film über die Gra­bung dreh­te.

Doch Un­ter­stüt­zung er­wuchs den Archäo­lo­gen nicht nur von­sei­ten der Schu­le, auch der Ver­ein für Orts­ge­schich­te Küs­nacht mit sei­nem Prä­si­den­ten Al­f­red Eg­li zeigt In­ter­es­se an den Ar­bei­ten. So pu­bli­zier­ten Wer­ner Wild, Sa­b­ri­na Mey­er und Gra­bungs tech­ni­ke­rin An­ge­la Masta­glio so­wohl im letzt-als auch im bald er­schei­nen­den dies­jäh­ri­gen Küs­nach­ter Jahr­heft Ar­ti­kel zu den Er­geb­nis­sen der Gra­bung. Zu­dem hal­ten Wer­ner Wild und sein Team am nächs­ten Don­ners­tag ei­nen Vor­trag dar­über. Dort wird es für das Pu­bli­kum die Mög­lich­keit ge­ben, mit den High­tech­bril­len die 3-D-Mo­del­le des Grä­ber­felds und der Ske­let­te selbst zu er­le­ben. Be­son­ders au­then­tisch ist zu­dem der Ort des Vor­trags: Die­ser fin­det im Sing­saal der Kan­tons­schu­le statt. Ei­ni­ge Kno­chen keh­ren so­mit an ih­ren Fund­ort zu­rück – ob und wann sie das nächs­te Mal der Öf­fent­lich­keit prä­sen­tiert wer­den, ist noch un­klar.

Vor­trag: Don­ners­tag 14. No­vem­ber, 19 Uhr, Sing­saal der Kan­tons­schu­le Küs­nacht, Dorf­stras­se 30, Küs­nacht. Ein­tritt frei.

Foto: Micha­el Trost

Wer­ner Wild von der Kan­tons­ar­chäo­lo­gie und An­thro­po­lo­gin Sa­b­ri­na Mey­er be­gut­ach­ten mit­tel­al­ter­li­che Kno­chen aus Küs­nacht.

Fotos: Micha­el Trost

To­bi­as Frey vom Zürcher Amt für Städ­te­bau hat das Gra­bungs­team – hier Sa­b­ri­na Mey­er und Wer­ner Wild – bei der An­wen­dung von Aug­men­ted Rea­li­ty tech­nisch be­glei­tet. Hier trägt er ei­ne Bril­le, mit wel­cher er das Ske­lett auf dem Bild­schirm als 3-D-Pro­jek­ti­on sieht.

Das Loch in die­sem Rü­cken­wir­bel lässt den Schluss zu, dass der Ver­stor­be­ne zu Leb­zei­ten un­ter Pro­sta­ta­krebs litt.

Archivfoto: Ma­nue­la Matt

So sah der Sing­saal der Küs­nach­ter Kan­tons­schu­le wäh­rend der Not­gra­bung im Früh­som­mer 2018 aus.

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