Kin­der­ab­zü­ge: Wer wirk­lich pro­fi­tiert

Das Par­la­ment will den Kin­der­ab­zug bei den Bun­des­steu­ern er­hö­hen. Die SP hat das Re­fe­ren­dum er­grif­fen, weil da­von an­geb­lich nur Top­ver­die­ner pro­fi­tie­ren. Wir über­prü­fen, ob die Par­tei recht hat.

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Vorderseit­e - Fa­bi­an Fell­mann

Fa­mi­li­en mit ei­nem Brut­to­ein­kom­men von über 100 000 Fran­ken könn­ten bald bis zu 910 Fran­ken we­ni­ger Steu­ern zah­len: Das Par­la­ment will den Kin­der­ab­zug bei der di­rek­ten Bun­des­steu­er er­hö­hen. Die SP stört das: «Das ist ein rei­ner Bo­nus für Top­ver­die­ner.» Stimmt das? Ge­mäss neu­es­ten Zah­len wür­den auch mit­tel­stän­di­sche Fa­mi­li­en pro­fi­tie­ren.

«Was als Fa­mi­li­en­för­de­rung ver­kauft wird, ist ein rei­ner Bo­nus für Top­ver­die­ner. Denn von den Ab­zü­gen bei der di­rek­ten Bun­des­steu­er pro­fi­tie­ren nur je­ne, die es nicht nö­tig ha­ben.»

Das schreibt die SP auf ih­rer Web­site zum Re­fe­ren­dum ge­gen das Bun­des­steu­er­ge­setz. Sie stösst sich dar­an, dass das Par­la­ment den Kin­der­ab­zug bei der di­rek­ten Bun­des­steu­er von 6500 auf 10 000 Fran­ken er­hö­hen will.

Doch wer pro­fi­tiert wirk­lich von der Er­hö­hung des Kin­der­ab­zugs? 44 Pro­zent der Fa­mi­li­en in der Schweiz be­zah­len kei­ne di­rek­te Bun­des­steu­er. Ih­nen bringt der neue Ab­zug nichts. Die an­de­ren rund 900 000 Fa­mi­li­en könn­ten hin­ge­gen von ei­ner Sen­kung ih­rer Steu­er­rech­nung aus­ge­hen. Sie ver­fü­gen über ein Brut­to­ein­kom­men von min­des­tens 100000 Fran­ken und wür­den jähr­lich je nach Fa­mi­li­en­kon­stel­la­ti­on zwi­schen 90 und 210 Fran­ken we­ni­ger Steu­ern zah­len. Fa­mi­li­en mit 150 000 Fran­ken Ein­kom­men wür­den um 168 bis 490 Fran­ken ent­las­tet. Ab ei­nem Ein­kom­men von 200 000 Fran­ken ent­fal­tet der Ab­zug sei­ne ma­xi­ma­le Wir­kung mit ei­ner Er­spar­nis von 910 Fran­ken jähr­lich.

«Das Bun­des­amt für Sta­tis­tik de­fi­niert den Mit­tel­stand als je­ne Haus­hal­te, die zwi­schen 70 und 150 Pro­zent des mitt­le­ren Ein­kom­mens ver­die­nen. Ge­mäss den jüngs­ten Zah­len be­trifft das Fa­mi­li­en mit Ein­kom­men zwi­schen rund 100 000 und 210 000 Fran­ken jähr­lich. Dem­nach wür­den nicht nur rei­che, son­dern auch mit­tel­stän­di­sche Fa­mi­li­en von dem Ab­zug pro­fi­tie­ren, in den Ge­nuss des vol­len Be­trags kä­men so­gar die obers­ten Mit­tel­ständ­ler.»

Die SP ruft da­mit ei­nen an­sehn­li­chen Teil ih­rer Wäh­ler­schaft auf, ge­gen das ei­ge­ne

Porte­mon­naie zu stim­men. Ge­mäss Um­fra­gen ver­die­nen im­mer­hin 38 Pro­zent der so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Wäh­ler mehr als 100 000 Fran­ken jähr­lich. Iro­ni­scher­wei­se hat da­mit ei­ne Par­tei das Re­fe­ren­dum er­grif­fen, de­ren Elek­to­rat von dem Kin­der­ab­zug stär­ker pro­fi­tie­ren wür­de als die Ba­sis je­ner Par­tei, die den

Kin­der­ab­zug im Par­la­ment vor­ge­schla­gen hat: Nur 25 Pro­zent der CVP­Wäh­ler ver­die­nen mehr als 100 000 Fran­ken.

Um­strit­te­ne Wir­kung

Un­ge­ach­tet des Krei­ses der Pro­fi­teu­re bleibt es ei­ne Fra­ge der po­li­ti­schen Wer­tung, ob die Er­hö­hung des Kin­der­ab­zugs sinn­voll ist. Die SP kri­ti­siert, die Steu­er­aus­fäl­le von 350 Mil­lio­nen Fran­ken jähr­lich kä­men ei­ner wohl­ha­ben­den Schicht zu­gu­te, die es nicht nö­tig ha­be. Bes­ser wä­re Fa­mi­li­en ge­hol­fen, wenn das Geld zum Bei­spiel in die Ver­güns­ti­gung von Kin­der­krip­pen in­ves­tiert wür­de. Die Bür­ger­li­chen hin­ge­gen ar­gu­men­tier­ten im Par­la­ment, sie woll­ten nun ein­mal je­ne ent­las­ten, wel­che viel Steu­ern be­zahl­ten und auch die Kran­ken­kas­sen­prä­mi­en selbst fi­nan­zier­ten. Es lie­ge in der Na­tur der Sa­che, dass dar­aus mehr Nut­zen zie­he, wer mehr Steu­ern be­rap­pe. De fac­to ver­su­chen die Bür­ger­li­chen, mit dem Ab­zug die star­ke Pro­gres­si­on der di­rek­ten Bun­des­steu­er zu bre­chen, al­ler­dings nur für Steu­er­pflich­ti­ge mit Kin­dern.

Um­strit­ten ist auch die fa­mi­li­en­po­li­ti­sche Wir­kung des neu­en Steu­er­ab­zugs. Vor al­lem für Frau­en gut ver­die­nen­der Ehe­män­ner wird es mit dem Ab­zug steu­er­lich deut­lich we­ni­ger at­trak­tiv, selbst ei­ner Er­werbs­ar­beit nach­zu­ge­hen. Frau­en­or­ga­ni­sa­tio­nen re­den dar­um von ei­ner «Herd­prä­mie», die der ab­ge­lehn­ten SVP­Fa­mi­li­en­in­itia­ti­ve ent­spre­che. SVP­Fi­nanz­mi­nis­ter Ue­li Mau­rer be­ur­teil­te das im Eid­ge­nös­si­schen Par­la­ment so: «Fi­nan­zi­el­le Pro­ble­me ha­ben, wenn schon, jun­ge Fa­mi­li­en mit Kin­dern. Die Fa­mi­li­en, die wir hier ent­las­ten, sind in an­de­ren Ein­kom­mens­ka­te­go­ri­en.»

Mehr­heits­fä­hig wä­re hin­ge­gen der zwei­te Teil der Vor­la­ge, der ur­sprüng­lich ihr Kern war: die Er­hö­hung des Ab­zugs für Dritt­be­treu­ungs­kos­ten. Die­ser wür­de es vor al­lem für gut ver­die­nen­de Paa­re at­trak­ti­ver ma­chen, dass bei­de ei­ner Er­werbs­ar­beit nach­ge­hen. Sei­ne Wir­kung ist al­ler­dings eng be­grenzt, die Steu­er­aus­fäl­le wür­den rund 10 Mil­lio­nen Fran­ken jähr­lich be­tra­gen.

Fa­zit: Die SP spitzt ih­re Ar­gu­men­ta­ti­on zu sehr zu, wenn sie be­haup­tet, nur Top­ver­die­ner wür­den von ei­nem hö­he­ren Kin­der­ab­zug pro­fi­tie­ren.

Foto: Jo­han­na Boss­art

Wer pro­fi­tiert wirk­lich vom Steu­er­ab­zug? Ei­ne Kin­der­ta­ges­stät­te in Un­ter­stamm­heim.

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