Hei­zen mit See­was­ser ist im Trend

Am Zü­rich­see gibt es rund 50 Pro­jek­te, bei de­nen An­la­gen mit See­was­ser ge­heizt wer­den. Ein ge­plan­tes Pro­jekt für 100 Lie­gen­schaf­ten in Thal­wil wä­re für die Re­gi­on be­son­ders be­deu­tend.

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Vorderseit­e - Si­byl­le Sa­xer

Es klingt nach viel: Et­was mehr als 100 Lie­gen­schaf­ten im Zen­trum von Thal­wil könn­ten schon bald mit See­was­ser ge­heizt wer­den. Vor­aus­ge­setzt, der Ener­gie­ver­bund Zen­trum, den die Ge­mein­de ge­mein­sam mit der Ener­gie­leis­te­rin

Ener­gie 360° plant, stösst auf ge­nü­gend In­ter­es­se. 2800 Ton­nen CO2 könn­te die Ge­mein­de da­mit jähr­lich ein­spa­ren. Im ge­samt­schwei­ze­ri­schen Ver­gleich er­schei­nen die­se Zah­len plötz­lich be­schei­de­ner. Ent­steht doch zum Bei­spiel in Lu­zern-Süd ei­ne An­la­ge, die mit Was­ser aus der Hor­wer Bucht des Vier­wald­stät­ter­sees 6800 Haus­hal­te hei­zen und küh­len wird. Ei­ne ähn­lich di­men­sio­nier­te An­la­ge ent­steht im Kan­ton Zug. Sie wird der­einst we­ni­ger Woh­nun­gen, da­für mehr Be­trie­be be­lie­fern.

Auch wenn die Zürcher Ge­mein­den dies­be­züg­lich klei­ne­re

Bröt­chen ba­cken: Die schie­re An­zahl der An­la­gen, die mit See­was­ser hei­zen und zum Teil auch küh­len, ist be­ein­dru­ckend. In den bei­den See­be­zir­ken und der Stadt Zü­rich gibt es, Stand 2018, je 15 da­von. Die jüngst ent­stan­de­nen mit­ge­rech­net – wie je­ne des Ho­tels Alex in Thal­wil –, sind es ak­tu­ell de­ren 50. Die gros­se Fra­ge bei all dem ist: Was be­deu­tet die­ser Trend für das Öko­sys­tem Zü­rich­see? Geht dem See ir­gend­wann der Sau­er­stoff aus, wenn im­mer mehr auch wär­me­res Was­ser zu­rück­ge­lei­tet wird, das zum Küh­len ge­braucht wur­de?

Lindt & Sprüng­li in Kilch­berg machts vor, Knies Kin­der­zoo in Rap­pers­wil und das Ge­mein­de­haus in Mei­len eben­falls: Sie al­le nüt­zen die re­la­tiv kon­stan­te Tem­pe­ra­tur des Zü­rich­sees, um im Win­ter Ge­bäu­de zu hei­zen. Denn auch wenn der See im Win­ter nur 4 bis 10 Grad Cel­si­us warm ist, kön­nen Wär­me­pum­pen dar­aus Wär­me ge­win­nen und ei­ne Wär­me­trä­ger­flüs­sig­keit auf 60 Grad Cel­si­us und mehr er­wär­men. Das reicht, um Lie­gen­schaf­ten zu be­hei­zen – und gleich­zei­tig ton­nen­wei­se CO2 ein­zu­spa­ren.

Die Ge­mein­de Thal­wil will eben­falls auf die­se Tech­no­lo­gie set­zen. Ge­mein­sam mit der Ener­gie­dienst­leis­te­rin Ener­gie 360° plant sie den Ener­gie­ver­bund Zen­trum: Meh­re­re Dut­zen­de bis 110 Lie­gen­schaf­ten in ei­nem Pe­ri­me­ter von der See­stras­se bis über die Bahn­li­nie hin­aus könn­ten künf­tig mit See­was­ser ge­heizt und ge­kühlt wer­den (die­se Zei­tung be­rich­te­te).

15 An­la­gen pro Be­zirk

Die Thal­wi­ler An­la­ge, die ab Herbst 2022 den Be­trieb auf­neh­men möch­te, wä­re in gu­ter Ge­sell­schaft. Ge­mäss den ak­tu­ells­ten Zah­len der Ea­wag, dem Eid­ge­nös­si­schen Was­ser­for­schungs­in­sti­tut mit Sitz in Dübendorf und Kas­ta­ni­en­baum, gab es 2018 im Be­zirk Mei­len 15 An­la­gen, im Be­zirk Hor­gen de­ren 14, in der Stadt Zü­rich eben­falls de­ren 15. In die­sen Zah­len sind die jüngs­ten An­la­gen wie bei­spiels­wei­se je­ne des neu er­öff­ne­ten Ho­tels Alex in Thal­wil noch nicht mit­ge­zählt. Auch je­ne nicht, die zur­zeit ge­baut wer­den, wie bei­spiels­wei­se je­ne der Mi­dor AG in Mei­len.

Neu­ar­tig ist für die Ge­mein­den am Zü­rich­see, sieht man von der Stadt Zü­rich ab, die Grös­sen­ord­nung des Thal­wi­ler Pro­jekts. Ähn­lich gross ist nur je­nes in Ue­ti­kon. Auf dem Are­al der ehe­ma­li­gen Che­mie Ue­ti­kon sol­len der­einst das ge­plan­te Gym­na­si­um, Ge­wer­be­bau­ten und Woh­nun­gen für 600 bis 800 Men­schen mit See­was­ser be­heizt und ge­kühlt wer­den. Bei die­ser Zu­nah­me sol­cher An­la­gen stellt sich im­mer dring­li­cher die An­fra­ge: Was be­deu­tet das für den Zü­rich­see? Meh­re­re Le­ser ha­ben sich mit ge­nau die­ser Fra­ge an die Re­dak­ti­on ge­wandt.

Noch sind die De­tails zur Thal­wi­ler An­la­ge nicht be­kannt. Die Ver­hand­lun­gen mit dem Kan­ton um die ent­spre­chen­de Kon­zes­si­on sind laut Bru­no Ho­fer, Pro­jekt­lei­ter bei Ener­gie 360°, in vol­lem Gang. Klar ist aber, dass das See­was­ser re­la­tiv weit – 250 bis 450 Me­ter – weg vom Ufer ge­fasst und zu­rück­ge­lei­tet wird, dies in ei­ner Tie­fe von 11 bis 20 Me­tern, wo die Tem­pe­ra­tur­schwan­kun­gen

ge­rin­ger sind als an der Ober­flä­che. Im Win­ter ist es dort 4 bis 6 Grad Cel­si­us warm, im Som­mer 12 bis 14 Grad Cel­si­us.

Laut Ho­fer wird das Was­ser auf­grund der Ener­gie­ent­nah­me prak­tisch im­mer küh­ler in den See zu­rück­ge­lei­tet als ent­nom­men. «Ein­zig im un­wahr­schein­li­chen Fall, dass in kei­ner an­ge­schlos­se­nen Lie­gen­schaft war­mes Was­ser ge­braucht wird, wäh­rend al­le gleich­zei­tig küh­len, könn­te es leicht wär­mer sein.

Die Ge­wäs­ser­schutz­ver­ord­nung aus dem Jahr 1998 ist dies­be­züg­lich va­ge. Für Fliess­ge­wäs­ser hält sie fest, dass die ma­xi­ma­le Tem­pe­ra­tur­dif­fe­renz 3 Grad Cel­si­us nicht über­schrei­ten darf, in Fo­rel­len­ge­bie­ten liegt der Ma­xi­mal­wert bei 1,5 Grad Cel­si­us. Für Se­en nennt sie kei­nen kon­kre­ten Wert. Die Ver­ord­nung ver­langt je­doch, dass die na­tür­li­chen ther­mi­schen Ver­hält­nis­se, die Ver­tei­lung der Nähr­stof­fe und die Le­bens- und Fort­pflan­zungs­be­din­gun­gen für die aqua­ti­schen Or­ga­nis­men nicht nach­tei­lig ver­än­dert wer­den. Laut dem Ge­wäs­ser­phy­si­ker Al­f­red Wüest von der Ea­wag sind die Aus­wir­kun­gen der ther­mi­schen Nut­zung von Ober­flä­chen­ge­wäs­sern vor­wie­gend lo­kal (sie­he In­ter­view).

«Angst ist un­be­grün­det»

Auch der Ener­gie­be­auf­trag­te der Ge­mein­de Thal­wil, Martin Schmitz, be­schwich­tigt: «Die Angst um den Zü­rich­see im Zu­sam­men­hang mit un­se­rem Ener­gie­ver­bund ist un­be­grün­det. Wir ent­zie­hen dem See pri­mär Wär­me und lei­ten küh­le­res Was­ser zu­rück in den See.» Aus Schmitz spricht nicht nur der Ener­gie­be­auf­trag­te, son­dern auch der Bio­lo­ge und Um­welt­wis­sen­schaft­ler, wenn er sagt, was dem See scha­de, sei die Kli­ma­er­wär­mung. «Und ge­nau dem wir­ken wir mit dem Ener­gie­ver­bund Zen­trum ent­ge­gen.» Um jähr­lich 2800 Ton­nen könn­te die Ge­mein­de den CO2-Ver­brauch re­du­zie­ren. Das ent­spre­che rund 3Pro­zent der jähr­li­chen CO2E­mis­sio­nen der Ge­mein­de oder den CO2-Emis­sio­nen aus der Ver­bren­nung von rund 1 Mil­li­on Li­ter Heiz­öl.

Ob der Thal­wi­ler Ener­gie­ver­bund rea­li­siert wird, ist üb­ri­gens noch nicht si­cher. Zur­zeit läuft die Ak­qui­se. Nur wenn sich von den an­ge­schrie­be­nen 110 po­ten­zi­el­len Ab­neh­mern ge­nü­gend Kun­den – ins­be­son­de­re auch grös­se­re Ver­brau­cher – dem Ver­bund an­schlies­sen, rech­nen sich die In­ves­ti­tio­nen für die Ener­gie­dienst­leis­te­rin Ener­gie 360°, die ei­nen ho­hen zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­trag in­ves­tiert. Denn den Kun­den wird ein für er­neu­er­ba­re Ener­gi­en mo­de­ra­ter Preis von durch­schnitt­lich 15,5 Rap­pen pro Ki­lo­watt­stun­de be­rech­net.

Fo­to: Mo­ritz Ha­ger

Das See­was­ser für den Ener­gie­ver­bund Zen­trum wür­de vor der Schiffs­ta­ti­on, 250 bis 450 Me­ter vom Ufer ent­fernt, ge­fasst.

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