Am­herd be­las­tet Alt-Bun­des­rat Vil­li­ger

Im Spio­na­geskan­dal um die Cryp­to AG wird Alt-Bun­des­rat Kas­par Vil­li­ger von der heu­ti­gen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Vio­la Am­herd schwer be­las­tet. Vil­li­ger de­men­tiert noch hef­ti­ger als bis­her.

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Vorderseit­e - Mar­kus Häf­li­ger und Oliver Zihl­mann

Alt-Bun­des­rat Kas­par Vil­li­ger (FDP) ge­rät im­mer stär­ker un­ter Druck. Der Nach­rich­ten­dienst des Bun­des (NDB) hat in ei­nem al­ten Ar­chiv meh­re­re Do­ku­men­te zum Spio­na­geskan­dal rund um die Zu­ger Cryp­to AG ge­fun­den. Das hat Vio­la Am­herd dem Ge­samt­bun­des­rat in ei­nem ver­trau­li­chen Pa­pier mit­ge­teilt. Laut zu­ver­läs­si­gen Qu­el­len schreibt Am­herd dar­in wört­lich, «dass der ehe­ma­li­ge EMD-Vor­ste­her K. Vil­li­ger in­for­miert war». Da­mit er­hält die Cryp­to-Af­fä­re neue Bri­sanz. Am­herds Pa­pier ist das ers­te amt­li­che Do­ku­ment aus der Schweiz, das von ei­nem mög­li­chen Mit­wis­ser in der Schwei­zer Lan­des­re­gie­rung spricht. Bis­her stamm­ten al­le der­ar­ti­gen In­for­ma­tio­nen aus dem Aus­land, aus Do­ku­men­ten der ame­ri­ka­ni­schen CIA und des deut­schen

Bun­des­nach­rich­ten­diens­tes. Vil­li­ger sel­ber ist laut ei­ge­nen An­ga­ben nicht in­for­miert über den Ak­ten­fund von Am­herds De­par­te­ment. Auf An­fra­ge de­men­tiert er ei­ne Mit­wis­ser­schaft noch ve­he­men­ter als in sei­ner ers­ten Stel­lung­nah­me. «Ich kann­te den Ein­fluss der CIA (auf die Cryp­to AG) eben­so we­nig wie je­nen des BND», schreibt Vil­li­ger.

Das De­men­ti von Kas­par Vil­li­ger war deut­lich, und es war lang. Auf an­dert­halb A4-Sei­ten er­klär­te der Alt-Bun­des­rat (FDP) letz­ten Mitt­woch, die CIA-Ak­ten zur Cryp­to-Af­fä­re sei­en falsch – je­den­falls was sei­ne ei­ge­ne Rol­le be­trifft. Da­mals, als Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter in den 1990er-Jah­ren, ha­be er von der rie­si­gen Spio­na­ge­ope­ra­ti­on der CIA und des deut­schen Ge­heim­diens­tes nichts ge­wusst. «Ich war in die­se nach­rich­ten­dienst­li­che Ope­ra­ti­on nicht ein­ge­weiht», schrieb der Alt-Bun­des­rat die­ser Zei­tung.

Doch jetzt wird Vil­li­gers De­men­ti in­fra­ge ge­stellt. Nicht wie bis­her durch Do­ku­men­te ame­ri­ka­ni­scher und deut­scher Ge­heim­diens­te. Ob de­ren Schil­de­run­gen in al­len Tei­len zu­ver­läs­sig sind, ist bis heu­te ei­ne of­fe­ne Fra­ge. Die neu­en Vor­wür­fe an Vil­li­ger ste­hen nun aber in ei­nem of­fi­zi­el­len Pa­pier des Bun­des­rats. Es han­delt sich um ein ver­trau­li­ches Aus­spra­che­pa­pier, das Bun­des­rä­tin Vio­la Am­herd (CVP) un­ter­schrieb und am 17. De­zem­ber 2019 an ih­re Re­gie­rungs­kol­le­gen ver­tei­len liess.

Die­ses Do­ku­ment ist die ers­te amt­li­che Qu­el­le in der Schweiz, die be­sagt, dass es in der Cryp­to-Af­fä­re wo­mög­lich Mit­wis­ser in der Lan­des­re­gie­rung ge­ge­ben hat. Und es nennt aus­drück­lich Kas­par Vil­li­gers Na­men.

Dann re­det Am­herd von Vil­li­ger

Am­herds Aus­spra­che­pa­pier hat ei­ne mo­na­te­lan­ge Vor­ge­schich­te. Ein­zel­ne Amts­stel­len in­ner­halb ih­res Ver­tei­di­gungs­de­par­te­ments (VBS) wa­ren seit letz­tem Som­mer über die Re­cher­chen der Fern­seh­sen­dung «Rund­schau» zur Cryp­to AG im Bild. Spä­tes­tens En­de Ok­to­ber rea­li­sier­te die De­par­te­ments­spit­ze, wie ex­plo­siv die Sa­che ist. Das VBS lei­te­te dar­auf ei­ge­ne Ab­klä­run­gen ein, um die Fak­ten­la­ge zu klä­ren. Es such­te in­tern nach Do­ku­men­ten und be­frag­te frü­he­re Ver­ant­wor­tungs­trä­ger. An­fang No­vem­ber setz­te der Bun­des­rat zu­dem ei­ne Ar­beits­grup­pe mit Ver­tre­tern von acht Di­ens­ten und Amts­stel­len ein, um auch in an­de­ren De­par­te­men­ten nach Spu­ren des CryptoSkan­dals zu su­chen.

Am 17. De­zem­ber be­rich­te­te Am­herd dem Bun­des­rat in ih­rem Aus­spra­che­pa­pier über den Zwi­schen­stand die­ser Ab­klä­run­gen. Dem Ver­neh­men nach sag­te sie da­bei, es ge­be noch sehr vie­le of­fe­ne Fra­gen. Doch konn­te Am­herd ih­ren Kol­le­gen auch von ei­nem bri­san­ten Fund be­rich­ten, von dem sie sel­ber erst 24 St­un­den zu­vor er­fah­ren hat­te.

Je­an-Phil­ip­pe Gau­din, Di­rek­tor des Nach­rich­ten­diens­tes des Bun­des, sei am Vor­tag zu ihr ge­kom­men. Er ha­be sie in­for­miert, dass man in ei­nem al­ten Ar­chiv meh­re­re Do­ku­men­te zur Cryp­to AG ge­fun­den ha­be, schreibt Am­herd – und fügt dann fol­gen­den Satz an: «Sie (die Do­ku­men­te; Anm. der Re­dak­ti­on) wei­sen dar­auf hin, dass der ehe­ma­li­ge EMD-Vor­ste­her K. Vil­li­ger in­for­miert war.» Die­ser Satz steht wört­lich in Am­herds Pa­pier; das be­stä­ti­gen meh­re­re, sehr gut in­for­mier­te Qu­el­len. Zwar führt die Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Art und In­halt der neu auf­ge­fun­de­nen Ak­ten nicht nä­her aus. Doch al­lein der Fakt, dass Bun­des­rä­tin Am­herd von ei­ner Mit­wis­ser­schaft Vil­li­gers spricht, bringt die­sen nun un­ter er­heb­li­chen Zug­zwang.

Wie ist in die­sem Licht Vil­li­gers De­men­ti vom Mitt­woch zu ver­ste­hen? Ist das viel­leicht der Grund für ein­zel­ne et­was schwam­mig klin­gen­de Sät­ze? Für die For­mu­lie­rung bei­spiels­wei­se, er ha­be über die CIA-Ope­ra­ti­on kei­ne «de­tail­lier­ten» In­for­ma­tio­nen ge­habt? Ver­füg­te Vil­li­ger viel­leicht nicht über de­tail­lier­te, aber im­mer­hin über sum­ma­ri­sche In­for­ma­tio­nen zur Spio­na­ge­ope­ra­ti­on?

Die­se Zei­tung hat Vil­li­ger mit Am­herds be­las­ten­der Aus­sa­ge kon­fron­tiert. In sei­ner schrift­li­chen Ant­wort de­men­tiert der heu­te 79-jäh­ri­ge Alt-Bun­des­rat je­de Mit­wis­ser­schaft über die wah­ren Hin­ter­grün­de der Cryp­to AG. Und er tut dies noch ve­he­men­ter als am ver­gan­ge­nen Mitt­woch: «Ich kann­te den Ein­fluss der CIA (auf die Cryp­to AG) eben­so we­nig wie je­nen des BND», schreibt Vil­li­ger. Auch zum mitt­ler­wei­le eta­blier­ten Fakt, dass die Cryp­to-Ge­rä­te ma­ni­pu­liert wa­ren, schreibt Vil­li­ger: «Ich hat­te die­se In­for­ma­tio­nen nicht.»

We­der Am­herds Aus­spra­che­pa­pier noch der dar­in er­wähn­te Ak­ten­fund sei­en ihm be­kannt, sagt Vil­li­ger – und er­gänzt: «Es wür­de mich auch in­ter­es­sie­ren, mehr zu ken­nen als Ver­mu­tun­gen.» Er wer­de dar­um vor­be­halt­los mit den Un­ter­su­chungs­gre­mi­en in die­ser Sa­che zu­sam­men­ar­bei­ten, kün­digt er an.

Was steht in den neu­en Ak­ten?

Be­reits am Mitt­woch hat­te Vil­li­ger zu­ge­ge­ben, dass er mit sei­nem Par­tei­kol­le­gen Ge­org Stu­cky, ei­nem da­ma­li­gen Ver­wal­tungs­rat der Cryp­to AG, im Jahr 1994 über die Fir­ma ge­spro­chen hat­te – ge­nau wie es in den CIA-Ak­ten er­wähnt ist. Wenn er sich rich­tig er­in­ne­re, sei es bei die­sem Ge­spräch um die da­mals lau­fen­de Un­ter­su­chung der Bun­des­po­li­zei we­gen der an­geb­lich ma­ni­pu­lier­ten Chif­frier­ge­rä­te der Cryp­to AG ge­gan­gen – aber «nicht um CIA- oder BND-Ma­chen­schaf­ten», be­tont Vil­li­ger. «So was ver­gisst man nicht, und es hät­te mich ver­an­lasst, dies im Bun­des­rat zur Spra­che zu brin­gen.»

In die­sem Punkt wi­der­spricht Vil­li­ger den CIA-Ak­ten al­so dia­me­tral. Die­se be­sa­gen, Vil­li­ger sei da­mals von Stu­cky dar­über in­for­miert wor­den, dass die Cryp­to AG ei­ne Tarn­fir­ma der aus­län­di­schen Ge­heim­diens­te war.

Vil­li­gers neu­es, noch hef­ti­ge­res De­men­ti wirft nun die Fra­ge auf, was ge­nau in den Ak­ten steht, die Am­herds Ge­heim­dienst­chef ge­fun­den ha­ben will. Die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stel­le des Ver­tei­di­gungs­de­par­te­ments nimmt da­zu kei­ne Stel­lung. «Über den In­halt von Bun­des­rats­sit­zun­gen ge­ben wir grund­sätz­lich kei­ne In­for­ma­tio­nen», ant­wor­tet sie bloss und sagt: «Über ein­zel­ne Na­men und Do­ku­men­te zu spe­ku­lie­ren, ist fehl am Platz.» Die Fak­ten­la­ge wer­de nun vom frü­he­ren SP-Bun­des­rich­ter Ni­k­laus Ober­hol­zer ana­ly­siert. Er soll dem Bun­des­rat bis En­de Ju­ni 2020 ei­nen ers­ten Be­richt ab­lie­fern.

Fra­gen zu Arnold Kol­ler

Doch Vil­li­ger ist nicht der ein­zi­ge Alt­Bun­des­rat, der in Am­herds Aus­spra­che­pa­pier zur Cryp­to-Af­fä­re ei­nen Auf­tritt hat. Die Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin er­wähnt noch ei­nen zwei­ten ehe­ma­li­gen Ma­gis­tra­ten: Arnold Kol­ler, Bun­des­rat von 1987 bis 1999, zu­erst im Mi­li­tär­de­par­te­ment, spä­ter im Jus­tiz­de­par­te­ment, Mit­glied der CVP und da­mit ein Par­tei­kol­le­ge Am­herds. Für ei­ne Mit­wis­ser­schaft Kol­lers, be­tont Am­herd in ih­rem Pa­pier, ge­be es in den neu auf­ge­fun­de­nen Ak­ten kei­ne Hin­wei­se.

Die­se Aus­sa­ge ist über­ra­schend. Denn an­ders als im Fall Vil­li­ger sind bis jetzt kei­ne Ak­ten­stel­len be­kannt ge­wor­den, die Kol­ler be­las­ten wür­den. Auch in den CIA- und BND-Do­ku­men­ten, die der «Rund­schau» vor­lie­gen, kommt Kol­ler nicht vor.

Über­haupt tauch­ten in der Cryp­toAf­fä­re bis­lang vor al­lem FDP-Ver­tre­ter

Fo­to: Keystone

Wer wuss­te et­was? Das Bun­des­rats­fo­to 1994 mit Bun­des­kanz­ler François Cou­che­pin und den Bun­des­rä­ten Adolf Ogi, Arnold Kol­ler, Kas­par Vil­li­ger, Ot­to Stich, Je­an-Pas­cal Del­amu­raz, Flavio Cot­ti und Ruth Drei­fuss (von links).

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