Stadt im Ju­ra schliesst Fran­zo­sen aus Ba­di aus

Die Exe­ku­ti­ve von Pr­un­t­rut ver­bie­tet Men­schen aus Frank­reich das Ba­den im städ­ti­schen Schwimm­bad. Nun wird der Stadt­re­gie­rung vor­ge­wor­fen, frem­den­feind­lich zu sein.

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Schweiz - Phil­ip­pe Rei­chen

Das ju­ras­si­sche Städt­chen Pr­un­t­rut er­lebt ei­nen po­li­ti­schen Hit­ze­som­mer. Da­für sorgt die Stadt­re­gie­rung. Sie ent­schied vor we­ni­gen Ta­gen, Fran­zo­sen – und mit ih­nen al­le Per­so­nen mit aus­län­di­schem Wohn­sitz – nicht mehr ins öf­fent­li­che Schwimm­bad zu las­sen.

Wenn sich Ein­hei­mi­sche und Fran­zo­sen gleich­zei­tig in die 1300 Per­so­nen fas­sen­de Ba­di dräng­ten, wer­de die Co­ro­naAn­ste­ckungs­ge­fahr schlicht zu gross, ar­gu­men­tie­ren die Stadt­obe­ren. Wer nun ins Frei­bad will, muss am Ein­gang sei­ne Iden­ti­täts­kar­te vor­wei­sen und be­le­gen, dass er in der Schweiz wohnt.

Pro­tes­te vor dem Frei­bad

Dass ihr Ent­scheid hef­ti­ge Re­ak­tio­nen aus­lö­sen wür­de, muss­te den Ver­ant­wort­li­chen klar sein. Pr­un­t­rut, auf Fran­zö­sisch Por­ren­truy, liegt nur we­ni­ge Ki­lo­me­ter von der Lan­des­gren­ze ent­fernt. In der Stadt ar­bei­ten vie­le Grenz­gän­ger. An ih­rem Ar­beits­ort ver­brin­gen sie ei­nen Teil ih­rer Frei­zeit, im Som­mer auch in der 2019 re­no­vier­ten Ba­di.

Nach dem Aus­schluss der Fran­zo­sen gab es vor dem Ein­gang des Schwimm­bads hef­ti­ge Pro­tes­te. Drei Po­li­zis­ten und vier An­ge­stell­te ei­ner pri­va­ten Si­cher­heits­fir­ma wa­ren nö­tig, um Schar­müt­zel zu un­ter­bin­den.

Fran­zö­si­sche Grenz­gän­ger wer­fen der Stadt­re­gie­rung nun vor, sie sei frem­den­feind­lich. Ei­ne Kran­ken­schwes­ter des Spi­tals Pr­un­t­rut echauf­fier­te sich in den so­zia­len Me­di­en, man sei recht, um Co­ro­na-Pa­ti­en­ten zu pfle­gen, aber nicht gut ge­nug für den Be­such des Schwimm­bads.

Auch auf Schwei­zer Sei­te gibt es Pro­tes­te. Jung­so­zia­lis­ten ver­su­chen, den Ent­scheid mit ei­ner Pe­ti­ti­on rück­gän­gig zu ma­chen. Chris­ti­an Lev­rat, Prä­si­dent der SP Schweiz, misch­te sich über Twit­ter ein. Man sol­le ihn an die

Epi­so­de er­in­nern, wenn der Bran­chen­ver­band Schweiz Tou­ris­mus das tau­sends­te Mal Geld für ei­ne Aus­land­kam­pa­gne wol­le, so Lev­rat.

Pr­un­t­ruts Stadt­prä­si­den­ten Ga­b­ri­el Voirol be­ein­druckt der gan­ze Rum­mel nicht. Ent­spannt fla­nier­te er An­fang Wo­che durch das Städt­chen. Er sei ge­ra­de aus den Fe­ri­en zu­rück, sag­te der FDP-Mann. Auch den fran­zö­si­schen Ra­dio­sen­der RTL in­ter­es­sie­re, was in Pr­un­t­rut pas­siert, ja selbst in Afri­ka wer­de dar­über ge­spro­chen, weiss er.

Voirol stört das nicht. Im Ge­gen­teil. Er be­tont: «Wir sind nicht frem­den­feind­lich.» Leu­te hät­ten ihn in Kurz­nach­rich­ten zum Ent­scheid be­glück­wünscht. Es ge­he ein­fach nicht, dass das Schwimm­bad in Co­ro­na-Zei­ten über­füllt sei. So­wie­so ge­he es nicht al­lein um Co­ro­na, es ge­he auch um die all­ge­mei­ne Si­cher­heit, so Voirol.

Kri­tik an Kol­lek­tivstra­fe

Aus­lö­ser für den Ent­scheid war ge­mäss dem Stadt­prä­si­den­ten, dass sich ei­ne Mus­li­min in ei­nem Bur­ki­ni im Schwimm­bad bli­cken liess. Sol­ches wol­le man nicht. Und noch we­ni­ger je­ne 20 ju­gend­li­chen Fran­zo­sen aus der Grenz­stadt Bel­fort: Die zwi­schen 17- und 25-Jäh­ri­gen sei­en in ih­rer Hei­mat be­kann­te Dau­er­de­lin­quen­ten, er­hiel­ten sta­pel­wei­se Straf­be­feh­le und sol­len ge­mäss Voirol in die­sem Som­mer auch in der Ba­di Pr­un­t­rut ihr Un­we­sen

ge­trie­ben ha­ben. Sie hät­ten ge­pö­belt, ge­schubst und auf der Rutsch­bahn Kin­der und Ju­gend­li­che be­spuckt, zählt der Stadt­prä­si­dent die Ver­feh­lun­gen auf. Da ha­be man durch­grei­fen müs­sen. Die Po­li­zei ha­be die jun­gen Fran­zo­sen im Schwimm­bad im Üb­ri­gen durch­sucht und da­bei Schuss­waf­fen und Schlag­stö­cke si­cher­ge­stellt.

Das Ba­de­ver­bot ge­gen ei­ne Frau im Bur­ki­ni und 20 Ju­gend­li­che trifft in der Rea­li­tät gleich 300 fran­zö­si­sche Grenz­gän­ger. Stadt­prä­si­dent Ga­b­ri­el Voirol de­men­tiert das nicht. Er sagt: Wer ei­ne Sai­son­kar­te be­sit­ze, sei im

Schwimm­bad nach wie vor will­kom­men, egal, wo er woh­ne. Das­sel­be gel­te für Tou­ris­ten, die ei­ne Ju­ra-Kar­te hät­ten oder in Be­glei­tung ei­nes Ein­hei­mi­schen ins Bad kä­men.

Doch Leï­la Ha­ni­ni, Co-Prä­si­den­tin der ju­ras­si­schen Ju­so, miss­fällt das Prin­zip der Kol­lek­tivstra­fe. Wenn sich je­mand da­ne­ben­be­neh­me, sol­le man die ein­zel­ne Per­son be­stra­fen, nicht die brei­te All­ge­mein­heit dis­kri­mi­nie­ren, so Ha­ni­ni.

Die Ton­la­ge wird schär­fer

In­di­vi­du­el­le Ver­bo­te schei­ter­ten dar­an, dass die Be­trof­fe­nen dann beim Ein­gang an­gä­ben, sie hät­ten ih­re Iden­ti­täts­kar­te nicht da­bei, wo­mit man die Iden­ti­tät nicht über­prü­fen kön­ne, kon­tert Voirol. Der Stadt­prä­si­dent will der De­bat­te den Zünd­stoff neh­men. Die Mass­nah­me sei zeit­lich be­schränkt, be­tont er. Doch wann sie en­den soll, bleibt un­klar und un­de­fi­niert.

Der Ton ge­gen­über fran­zö­si­schen Grenz­gän­gern ver­schärft sich auch an­dern­orts. Bis­her wur­de da­bei kei­ne di­rek­te Ver­bin­dung zur SVP-Initia­ti­ve ge­gen die Per­so­nen­frei­zü­gig­keit her­ge­stellt. Viel­mehr dreht sich die De­bat­te da­bei im Mo­ment ein­zig um Co­ro­na.

In Genf gab Ge­sund­heits­di­rek­tor Mau­ro Pog­gia (MCG) in der Zei­tung «Le Ma­tin Di­man­che» Grenz­gän­gern ei­ne Mit­ver­ant­wor­tung für den An­stieg der Co­ro­na-In­fek­tio­nen in Genf. Auf An­fra­ge be­stä­tigt Pog­gia die Aus­sa­ge. 40 bis 50 Pro­zent der An­ste­ckun­gen pas­sier­ten im Nacht­le­ben, al­so in Bars, Clubs und Dis­ko­the­ken, wo vie­le Grenz­gän­ger ar­bei­te­ten, die auch dann zur Ar­beit kä­men, wenn sie an Co­ro­na er­krankt sei­en, so Pog­gia. Zu­dem ver­gnüg­ten sich vie­le Fran­zo­sen in Genf, weil in Frank­reich die Dis­ko­the­ken noch im­mer ge­schlos­sen sei­en. Pog­gia hat dar­um die Gen­fer Clubs kur­zer­hand schlies­sen las­sen.

Aus­lö­ser für den Ent­scheid war, dass sich ei­ne Mus­li­min in ei­nem Bur­ki­ni im Schwimm­bad bli­cken liess.

Fo­to: Jo­sué Mer­çay (Le Quo­ti­di­en Ju­ras­si­en)

Fran­zo­sen müs­sen draus­sen blei­ben: Das Schwimm­bad in der ju­ras­si­schen Kle­in­stadt Pr­un­t­rut.

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