«Der Kampf ge­gen Rechts ist mir wich­ti­ger als je­des Tor»

Pe­ter Fi­scher steht seit 20 Jah­ren an der Spit­ze von Ein­tracht Frank­furt, dem heu­ti­gen Eu­ro­pa-Le­ague-Geg­ner des FC Ba­sel. Er ist stolz auf die sport­li­chen Er­fol­ge – und auf die Wer­te sei­nes Ver­eins.

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Sport - Til­man Pauls

20 Jah­re – ei­ne lan­ge Zeit für ei­nen Pos­ten, den Sie ei­gent­lich gar nicht an­tre­ten woll­ten.

Der Mensch ist ja so kon­di­tio­niert, dass er in der Re­gel im Gu­ten zu­rück­blickt. Zehn Jah­re nach ei­ner Schei­dung denkt man: Mensch, so schlimm war die­se Ehe doch gar nicht. Aber ich ha­be in den letz­ten Ta­gen so vie­le Nach­rich­ten und Glück­wün­sche er­hal­ten, dass ich viel über mei­ne ers­ten Ta­ge als Prä­si­dent der Ein­tracht nach­ge­dacht ha­be. Und ich ha­be da­bei ge­merkt: Es gibt doch ei­ni­ge Nar­ben.

Wel­che?

Es gab so vie­le Kämp­fe, die wir kämp­fen muss­ten. Wir muss­ten uns mit ei­ner In­ves­to­ren­grup­pe ei­ni­gen, die nach dem Mot­to agiert hat: «Geld spielt kei­ne Rol­le». Das ha­ben wir zum Glück gut be­en­den kön­nen. Dann der Tag, an dem die DFL uns die Li­zenz ver­wei­gert hat und wir uns da­mit be­schäf­ti­gen muss­ten, wie wir in der Re­gio­nal­li­ga neu be­gin­nen. Die Ret­tung folg­te in letz­ter Se­kun­de. Es gab Kon­flik­te zwi­schen der Ka­pi­tal­ge­sell­schaft und dem Mut­ter­ver­ein, in dem der Brei­ten­sport be­hei­ma­tet ist. Miss­mut. Ängs­te.

Ha­ben Sie nie über­legt, hin­zu­schmeis­sen?

Im De­zem­ber 2004 war ich in Thai­land und ha­be die­sen schreck­li­chen Tsu­na­mi über­lebt. Da­mals ha­be ich mir ein paar Din­ge über­legt. Will ich mein Le­ben noch ein­mal um­stel­len und an­de­ren Din­gen mehr Platz ein­räu­men? Aber Rück­tritt? Nein, si­cher nicht.

Sie sind vor 20 Jah­ren mit rund 5000 Mit­glie­dern ge­star­tet… Es wa­ren ein paar we­ni­ger.

Nun sind es über 90’000.

Und wir woll­ten die­ses Jahr die 100’000 kna­cken. Aber es gibt im Mo­ment nun ein­mal et­was, das die Welt mehr be­schäf­tigt als ei­ne Mit­glied­schaft bei Ein­tracht Frank­furt.

Sie er­hiel­ten En­de 2017 viel Zu­spruch für Ih­re Aus­sa­ge, dass AfD-Wäh­ler nicht Mit­glied bei Ein­tracht Frank­furt sein kön­nen, da dies den Wer­ten des Ver­eins wi­der­spricht.

Und da­zu ste­he ich. Da­zu ste­hen wir al­le hier. Wir weh­ren uns ent­schie­den ge­gen al­le Par­tei­en, die sich in die­sem Um­feld be­we­gen. Wir ha­ben ei­ne gros­se So­li­da­ri­tät er­fah­ren. Tau­sen­de sind bei uns Mit­glied ge­wor­den, weil sie sich da­mit iden­ti­fi­zie­ren, wo­für die Ein­tracht steht. Das sind Fans des Ham­bur­ger SV, von Kai­sers­lau­tern oder Mön­chen­glad­bach. Von vie­len Ver­ei­nen. Sie ver­tre­ten die Mei­nung: In den Far­ben sind wir ge­trennt, und wenn un­se­re Teams ge­gen­ein­an­der spie­len, sind wir Geg­ner. Aber sonst so­li­da­ri­sie­re ich mich mit der Ein­tracht und ih­ren Wer­ten.

Ih­re Aus­sa­gen sind ein­deu­tig. Ist ein Dia­log an die­ser Stel­le kei­ne Op­ti­on mehr für Sie?

Für mich gibt es kei­ne Grund­la­ge für ei­nen Dia­log. Es fällt mir schwer, die AfD mit ih­rem po­li­ti­schen Pro­gramm – ich nen­ne das jetzt mal so – an mei­nen Tisch zu ho­len. Wie da ver­sucht wird, Men­schen zu fan­gen. Das ist brand­ge­fähr­lich. In Deutsch­land muss­ten wir die­ses Vor­ge­hen lei­der schon mal er­le­ben.

Es gibt nicht vie­le Funk­tio­nä­re, die sich so klar po­si­tio­nie­ren. Ich wer­de trotz­dem mei­ne Po­si­ti­on wei­ter klar und deut­lich ver­tre­ten. Ich bin zum Bei­spiel ein­ge­la­den wor­den, in Ge­den­ken an den Ter­ror­an­schlag von Ha­nau zu spre­chen. Das ma­che ich na­tür­lich. Ich bin bei die­sem The­ma viel un­ter­wegs. Der Kampf ge­gen Rechts ist mir wich­ti­ger als je­des Tor.

Sie ha­ben ein­mal ge­sagt, solch deut­li­che Be­kennt­nis­se sei­en ein Al­lein­stel­lungs­merk­mal der Ein­tracht. Ist das kein Ar­muts­zeug­nis für den Fussball?

Auch das ist mir in den letz­ten Ta­gen be­wusst ge­wor­den. Vie­le Freun­de und auch Funk­tio­nä­re von an­de­ren Ver­ei­nen ha­ben mir ge­schrie­ben: «Du stehst da­für», «die Ein­tracht steht da­für», «toll, wie ihr das macht». Aber ich bin aus dem Al­ter raus, wo ich mei­nem Sohn sa­gen muss: «Guck mal, was der Pa­pa für ein tol­ler Typ ist. Der macht das al­les ganz al­lei­ne». Der Sport muss po­li­tisch sein und sei­ne Stim­me ge­gen ge­sell­schaft­li­che Fehl­ent­wick­lun­gen er­he­ben, wenn es not­wen­dig ist.

Der Ver­ein Ein­tracht Frank­furt be­her­bergt mehr als 50 Sport­ar­ten. War­um tut sich be­son­ders der Fussball so schwer, sich po­li­tisch zu po­si­tio­nie­ren? Im Fussball ha­ben wir uns dar­an ge­wöhnt, vor dem Spiel Ta­feln hoch­zu­hal­ten oder ein Vi­deo ab­zu­spie­len. Heu­te ma­chen wir Fair Play. Heu­te sind wir ge­gen Ras­sis­mus. Heu­te ge­gen Ho­mo­pho­bie. Aber die kla­ren Be­kennt­nis­se

feh­len. Es gibt ei­ni­ge Ver­ei­ne mit ei­ner rei­chen Ge­schich­te und ei­ner ak­ti­ven Fan­sze­ne. Aber man will nichts Fal­sches sa­gen oder je­man­den ver­är­gern. Da­bei ist es doch gar nicht schwer. Es ist nicht schwer, Mensch zu sein. Die Po­si­tio­nen sind so ein­fach und ver­ständ­lich. Da­für braucht man kei­nen Mut.

Et­was an­de­res, das Ih­nen eben­so viel Lob wie Kri­tik ein­ge­bracht hat, ist der en­ge Kon­takt zu den Fans.

Ich kom­me aus der Kur­ve. Ich weiss, was Fan­kul­tur be­deu­tet und dass sie po­la­ri­siert. Es gibt ei­ni­ge Punk­te in die­ser Welt, die aus dem ge­norm­ten, kom­mer­zi­el­len Rah­men fal­len. Aber ich bin stolz, der Prä­si­dent ei­ner so ein­zig­ar­ti­gen Kur­ve zu sein. Sie hat schon ei­ne Hal­tung ge­zeigt, be­vor ich hier war, und mit dem Slo­gan «Uni­ted Co­lors of Bem­bel­town» ein Zei­chen ge­setzt. Das Le­ben in der Kur­ve ge­hört für mich ein­fach zum Fussball.

Wie lässt sich das ver­ein­ba­ren mit der Kom­mer­zia­li­sie­rung? Ich will nicht, dass es ir­gend­wann so weit ist, dass sich ein Kind zu Weih­nach­ten ein Ti­cket für ein Spiel der Ein­tracht wünscht und der Va­ter sagt: In vier Jah­ren gibt es wie­der Kar­ten. Fussball muss für die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on er­leb­bar sein. Es muss die Chan­ce ge­ben, sich im Sta­di­on zu so­zia­li­sie­ren und zu ler­nen. Die Din­ge, die man dort er­lebt: das Wei­nen, die Freu­de, das Lachen, die Nie­der­la­gen. Aber klar: Da­für braucht es Lo­gen und VIP-Ti­ckets und Cham­pa­gner. So kön­nen wir die Kur­ve sub­ven­tio­nie­ren und da­für sor­gen, dass die Plät­ze für je­den zu­gäng­lich sind.

Wie sehr trifft es Sie, nun über­all lee­re Sta­di­en zu se­hen? Es muss je­dem klar sein, dass der Fussball im Mo­ment un­mög­lich den glei­chen Stel­len­wert ha­ben kann wie sonst. Auch wenn ich mir das na­tür­lich wün­schen wür­de. Aber wir le­ben in ei­ner Aus­nah­me­si­tua­ti­on. Auch ich ken­ne Men­schen, die wir an das Vi­rus ver­lo­ren ha­ben. Men­schen, die jün­ger wa­ren als ich. Das Ver­ständ­nis ist klar: Wir krie­gen das nur in den Griff, wenn wir al­le auf­pas­sen. Zu­sam­men. Und Sie se­hen ja: Es brö­ckelt an al­len Ecken und En­den. Wenn ich se­he, was in Bra­si­li­en, in den USA oder auf deut­schen Stras­sen pas­siert, da ha­be ich Angst. Und ich bin kein ängst­li­cher Mensch.

Nach dem 0:3 ge­gen Ba­sel im Hin­spiel: Rech­nen Sie noch mit dem Ein­zug in das Fi­nal­tur­nier der Eu­ro­pa Le­ague?

Ich fah­re nach Ba­sel, schaue das Spiel an und fah­re di­rekt da­nach zu­rück, weil ich am Frei­tag Ter­mi­ne ha­be. Ich könn­te es mir auch be­quem ma­chen und ei­nen ge­müt­li­chen Abend mit der Fa­mi­lie vor dem Fern­se­her ver­brin­gen. Aber aus Re­spekt vor dem Wett­be­werb, vor un­se­rem Geg­ner und aus Re­spekt vor un­se­rer Mann­schaft wer­de ich im Sta­di­on sein. Mein An­spruch ist: Wenn wir uns ge­gen Ba­sel ver­ab­schie­den soll­ten, dann tun wir das mit An­stand und Re­spekt. Und wenn es wei­ter­ge­hen soll­te, dann bin ich auch nicht un­glück­lich. Es gab ja 1954 ein Wun­der von Bern. Mal schau­en, ob es auch ein Wun­der von Ba­sel ge­ben kann.

Fo­to: Andre­as Ar­nold (Reu­ters)

Ein stol­zer Prä­si­dent: Pe­ter Fi­scher fei­ert den DFB-Po­kal­sieg 2018 mit den Frank­fur­ter Fans.

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