Se­sam, öff­ne dich nicht

Welt­weit be­kom­men Men­schen Päck­chen mit Pflan­zen­sa­men zu­ge­schickt, Ab­sen­der un­be­kannt. Die Be­hör­den ste­hen vor ei­nem Rät­sel und ra­ten vor­sichts­hal­ber: Bit­te nicht ein­pflan­zen!

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Die Letzte - Mo­ritz Gei­er

Das Rät­sel kommt per Post, und es kommt in al­ler­lei For­men: Mal sind es run­de brau­ne Pflan­zen­sa­men, mal fla­che weis­se, mal klei­ne schwar­ze. Im­mer ste­cken sie in klei­nen Plas­tik­säck­chen, fein säu­ber­lich ver­packt, im­mer in Post­sen­dun­gen mit un­be­kann­tem Ab­sen­der, mal aus Chi­na, mal aus Sin­ga­pur, Tai­wan oder an­de­ren Län­dern. Welt­weit be­kom­men Men­schen der­zeit sol­che Päck­chen, die meis­ten sind in den USA in den Brief­käs­ten ge­lan­det.

Das US-Land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um warnt auf sei­ner Web­site da­vor, die un­be­kann­ten Sa­men ein­zu­pflan­zen. Es kön­ne sich, sag­te der Land­wirt­schafts­kom­mis­sar von Ken­tu­cky, Ryan Quarles, in ei­nem Twit­ter-Vi­deo, um in­va­si­ve Ar­ten han­deln, sie könn­ten un­be­kann­te Pflan­zen­krank­hei­ten ein­schlep­pen, dem Vieh­be­stand scha­den oder die Um­welt ge­fähr­den. «Wir ha­ben noch nicht aus­rei­chend In­for­ma­tio­nen, um zu wis­sen, ob es sich um ei­nen Scherz han­delt, ei­nen Streich,

In­ter­net­be­trug oder ei­nen land­wirt­schaft­li­chen Bio­ter­ror­akt.»

Als in­va­siv wer­den Pflan­zenoder Tier­ar­ten be­zeich­net, wenn sie die Ei­gen­schaft ha­ben, sich an neu­en Or­ten stark aus­zu­brei­ten, und da­bei das hei­mi­sche Öko­sys­tem ge­fähr­den, weil sie an­de­re Ar­ten ver­drän­gen und so die bio­lo­gi­sche Viel­falt an­grei­fen.

Nicht nur des­we­gen ha­ben die ver­däch­ti­gen Post­sen­dun­gen in­ter­na­tio­na­le Er­mitt­lun­gen aus­ge­löst. Ers­te Er­kennt­nis: Recht­li­che Be­stim­mun­gen für den Wa­ren­ver­sand wur­den ge­zielt um­gan­gen, et­wa die in vie­len Län­dern gel­ten­de Pflan­zen­ge­sund­heits­zeug­nis­pflicht, nach der der Pflan­zen­schutz­dienst ei­nes Ur­sprungs­lands amt­lich be­schei­ni­gen muss, dass ei­ne Wa­re frei von ge­fähr­li­chen Schad­or­ga­nis­men ist.

Mög­li­cher In­ter­net­be­trug

Die zwei­te Er­kennt­nis: Die Sa­men, die Ex­per­ten be­reits iden­ti­fi­ziert ha­ben, sind recht ge­wöhn­lich. Das US-Land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um hat 14 Ar­ten er­kannt, dar­un­ter Senf, Kohl, Hi­bis­kus, Ro­sen, Min­ze oder La­ven­del. Beim Mi­nis­te­ri­um ver­mu­tet man da­her ei­ne Straf­tat, die nichts mit Schad­or­ga­nis­men zu tun hat: In­ter­net­be­trug. Man ha­be kei­ne Be­wei­se, schreibt die Be­hör­de in ei­nem State­ment, dass es hier um et­was an­de­res ge­hen könn­te als ei­nen «brus­hing scam», al­so ei­ne Ma­sche im In­ter­net­ver­sand­han­del, mit der Ver­käu­fer ver­su­chen, Ver­kaufs­zah­len und Be­wer­tun­gen zu fri­sie­ren. Kurz er­klärt: Je mehr Be­stel­lun­gen ein Ver­käu­fer im In­ter­net hat, des­to pro­mi­nen­ter er­scheint er auch bei Such­an­fra­gen auf den Sei­ten der Ver­sand­händ­ler. Kri­mi­nel­le täu­schen da­her Be­stel­lun­gen vor und schlies­sen die­se mit dem Ver­sand meist lee­rer Pa­ke­te und ge­fälsch­ten Kun­den­be­wer­tun­gen ab – der Vor­gang geht da­mit in die Ver­kaufs­sta­tis­tik ein.

Der Ur­sprung der Pa­ke­te ist un­be­kannt. Wie der «Guar­di­an» be­rich­tet, stam­me zum Bei­spiel ei­ne Sen­dung aus Tai­wan nicht zwin­gend wirk­lich aus Tai­wan, son­dern aus ei­nem noch nicht iden­ti­fi­zier­ten Dritt­land. Und ei­nem Spre­cher des chi­ne­si­schen Aus­sen­mi­nis­te­ri­ums zu­fol­ge sind auch chi­ne­si­sche Ab­sen­der­infos ge­fälscht.

In­des be­rich­te­ten US-Me­di­en über ei­ni­ge Pflan­zen­freun­de, die un­be­kann­te Sa­men be­reits im April er­hal­ten hat­ten und die­se, nichts ah­nend, längst ein­ge­pflanzt ha­ben. «Sie sind wie ver­rückt ge­wach­sen», sag­te ei­ne Frau aus Ar­k­an­sas dem Nach­rich­ten­sen­der 5News, die Pflan­ze ha­be gros­se weis­se Früch­te ge­tra­gen und oran­ge Blü­ten, ähn­lich ei­ner Kür­bis­pflan­ze. Ei­ne an­de­re Frau aus Te­xas hat­te ih­re Sa­men auch ein­ge­pflanzt – ge­wach­sen sei aber bis heu­te nichts.

Fo­to: Twit­ter

Die­ses Päck­chen kam im US-Bun­des­staat De­la­ware an.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.