Ein letz­tes Mal die Zü­ge über die Glei­se rat­tern las­sen

Die Ei­sen­bähn­ler im Gies­sen müs­sen mit ih­rer An­la­ge neu­en Lofts wei­chen. Was sie wäh­rend 26 Jah­ren ge­sam­melt und ge­schaf­fen ha­ben, wol­len sie nun ver­kau­fen.

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Vorderseit­e - Co­lin Bät­sch­mann Ein Vi­deo fin­den Sie auf www.zsz.ch, die ge­nau­en Uhr­zei­ten der Ver­kaufs­ter­mi­ne auf www.knu­bi-mo­dell­bahn.ch.

Die Stadt ist bald um ei­ne At­trak­ti­on är­mer: Für die gros­se Trix-Mo­dell­ei­sen­bahn hat es in ei­nem ehe­ma­li­gen Fa­b­rik­ge­bäu­de im Gies­sen bald kei­nen Platz mehr. 26 Jah­re lang be­trie­ben fünf en­thu­si­as­ti­sche Ei­sen­bähn­ler die An­la­ge, wel­che durch ih­re Grös­se und die Lie­be zum De­tail be­ein­druckt. Die letz­te Fahrt ist vor­bei – jetzt wird al­les ver­kauft.

26 Jah­re lang in­ves­tier­ten sie ihr Herz­blut, ih­re Frei­zeit und viel Geld in das ge­mein­sa­me Pro­jekt: ei­ne gros­se Mo­dell­ei­sen­bahn im Wä­dens­wi­ler Gies­sen. Da­mit ist nun Schluss, die An­la­ge muss raus. Wo bis vor Kur­zem noch Plas­tik­zü­ge über spin­del­dür­re Glei­se rat­ter­ten, wird wohl bald ge­ba­det. Zu­min­dest ist ei­ne Ba­de­wan­ne auf dem Grund­riss­plan zu er­ken­nen, den die Ei­sen­bähn­ler in ih­rem Re­fu­gi­um auf­ge­hängt ha­ben. Lofts sol­len hier ent­ste­hen. Wirk­lich trau­rig schei­nen die Freun­de bei der letz­ten Fahrt aber nicht zu sein – viel­leicht, weil das En­de ih­res Ei­sen­bähn­ler­glücks in Wä­dens­wil schon län­ger an­ge­kün­digt wor­den war.

Im Som­mer des Jah­res 1994 über­nah­men die Freun­de Wal­ter Kern, Jürg Nu­fer, Wal­ter Ul­rich, Wal­ter Ber­net und Hans Is­ler in ei­nem ehe­ma­li­gen Fa­b­ri­kare­al im Gies­sen, in dem einst die Tuch­fa­brik Pfen­nin­ger be­hei­ma­tet war, ei­nen klei­nen Raum für 100 Fran­ken im Mo­nat. «Knu­bi» nen­nen sich die Freun­de seit­her – ei­ne Ab­kür­zung ih­rer Nach­na­men. Im Jahr 2007 er­setz­te Ro­land Ba­chofen Wal­ter Ul­rich.

Die letz­te Fahrt ih­rer Mo­dell­ei­sen­bahn fand an ei­nem spä­ten Sams­tag­nach­mit­tag En­de Ju­li statt:

So­gar Be­su­cher aus En­g­land

Es ist eng im 50 Qua­drat­me­ter gros­sen Raum, die Bahn­an­la­ge nimmt den gröss­ten Teil für sich in An­spruch. Et­wa 30 Leu­te hät­ten in den ver­gan­ge­nen Ta­gen den Weg hier­her ge­fun­den, um die Bahn noch ein­mal zu se­hen, sagt Wal­ter Kern. Der Fir­men­grün­der der Kern & Sam­met AG ist Or­ga­ni­sa­tor der Knu­bi-Grup­pe.

Auf An­fra­ge öff­ne­ten die fünf Mo­dell­bah­nen­thu­si­as­ten – be­son­ders die Mar­ke Trix hat es ih­nen an­ge­tan – ih­re An­la­ge je­den Mo­nat für die Öf­fent­lich­keit. Es sei­en gar Ei­sen­bähn­ler aus En­g­land, Frank­reich und den Nie­der­lan­den nach Wä­dens­wil ge­kom­men, er­in­nert sich Kern. Er ist über­zeugt: «Das ist ei­ne der gröss­ten Trix-Ex­press-An­la­gen der Welt.»

Auf sechs Ebe­nen und über 360 Me­tern Glei­sen kön­nen bis zu zehn Zü­ge à drei Me­ter gleich­zei­tig ver­keh­ren. Was wei­ter be­ein­druckt, ist die De­tail­treue bei den Zü­gen und der De­ko­ra­ti­on. «Al­les, was von Au­ge sicht­bar ist, muss dem rich­ti­gen Mass­stab ent­spre­chen», er­klärt Wal­ter Ber­net die gol­de­ne Re­gel des Ei­sen­bähn­ler­tums. Der Mecha­ni­ker hat vie­le Zü­ge aus Mes­sing von Grund auf sel­ber ge­fer­tigt.

Je­des Fi­gür­chen ist be­wusst plat­ziert, vom Ex­hi­bi­tio­nis­ten mit of­fe­nem Ba­de­man­tel am Gleis bis zum küs­sen­den Pär­chen am Bahn­hof. Auch das Mo­dell­haus der Toch­ter ei­nes be­kann­ten Mo­de­un­ter­neh­mers steht in der Berg­land­schaft. Zu­dem sind ei­ni­ge der Ort­schaf­ten nach de­ren Grün­der be­nannt: et­wa Ber­net­segg nach Wal­ter Ber­net oder Nu­fers­wil nach Jürg Nu­fer.

Hans Is­ler, der Elek­tri­ker der Knu­bi-Trup­pe und einst An­ge­stell­ter der Stan­dard Te­le­phon und Ra­dio AG, führt zum Herz der An­la­ge: ei­nem 24-Volt-Tra­fo, der da­für sorgt, dass die Zü­ge rol­len – und nicht kol­li­die­ren. Die Elek­tro­ni­k­el­e­men­te ha­be er sel­ber ge­zeich­net, ge­ätzt und be­stückt, er­zählt Is­ler. Tau­sen­de Ar­beits­stun­den ha­be er in­ves­tiert, teils gan­ze Wo­che­n­en­den durch­ge­ar­bei­tet, «dann aber al­lein, da kann man kein Ge­schwätz brau­chen.»

Denn war die An­la­ge nach zwei Jah­ren Bau­zeit ein­mal be­triebs­be­reit, dien­te sie den Freun­den als Treffpunkt für ge­sel­li­ge St­un­den. Is­ler zieht ei­nen krea­ti­ven Ver­gleich: «Müss­te man der Knu­bi-Trup­pe ei­nen Zug zu­ord­nen, dann wä­re das wohl ein Spei­se­wa­gen.» Auf den Aus­flü­gen und Rei­sen, wel­che die Freun­de in der Schweiz und im Aus­land un­ter­nom­men hät­ten, ha­be man dort näm­lich die meis­te Zeit ver­bracht.

Den An­schluss ver­passt

Es ist klar, dass nebst dem nie er­lö­schen­den Kind­heits­traum auch gros­ses Know-how nö­tig war, bis die Knu­bi-An­la­ge in ih­rem Glanz er­strahl­te. Und das nö­ti­ge Klein­geld. «Ab 200 Fran­ken ist ei­ne Lok zu ha­ben», sagt Web­mas­ter Ro­land Ba­chofen, der sich auch als «Gärt­ner» der Grup­pe be­zeich­net, weil er für die Land­schafts­ge­stal­tung der An­la­ge ver­ant­wort­lich war. Der­weil schätzt Kern das In­ven­tar: «Ge­mein­sam be­sit­zen wir si­cher­lich 500 Lo­ko­mo­ti­ven und 2000 Wa­gen.»

Die ho­hen Preise mö­gen ein Grund sein, wes­halb das «Ise­bähn­le» bei der heu­ti­gen Ju­gend kaum mehr im Trend liegt. Aus­ser­dem ha­be die In­dus­trie den An­schluss ans di­gi­ta­le Zeit­al­ter ver­passt, sagt Kern. Und doch denkt er, dass die­ser ir­gend­wann noch er­fol­gen wird. So wä­ren vie­le der ana­lo­gen Fä­hig­kei­ten, die sich die Knu­bi-Freun­de an­ge­eig­net ha­ben, nicht mehr not­wen­dig, das Hob­by wür­de mas­sen­taug­li­cher.

Ge­schen­ke mit Auf­la­gen

Weil sie al­le um die 75 Jah­re alt sind, wür­den sie nichts Neu­es mehr an­fan­gen, sagt Ba­chofen. All­zu viel Weh­mut scheint bei den Ei­sen­bähn­lern aber nicht mit­zu­schwin­gen, zu­mal sie schon kurz nach der letz­ten Fahrt dis­ku­tie­ren, wel­che Art von Con­tai­ner sie zur Ent­sor­gung be­stel­len sol­len und ob sich die An­la­ge mit der Mo­tor­sä­ge hal­bie­ren lies­se.

Be­vor es ans Ent­sor­gen geht, kön­nen In­ter­es­sier­te an meh­re­ren Ver­kaufs­ta­gen al­les kau­fen, was im Raum steht – in­klu­si­ve Vi­deo­re­cor­der oder Kühl­schrank. Ei­ni­ge Sam­mel­stü­cke wol­len die Ei­sen­bähn­ler gar ver­schen­ken, un­ter der Be­din­gung, dass sie in öf­fent­li­chen An­la­gen ge­fah­ren wer­den. Die Ver­kaufs­ta­ge fin­den je­weils nach­mit­tags vom Don­ners­tag, 6. Au­gust, bis Sams­tag, 8. Au­gust, so­wie zwei Wo­chen spä­ter vom 20. Au­gust bis am 22. Au­gust statt.

Fo­to: Michael Trost

Fo­tos: Michael Trost

Sie sa­gen es nicht so di­rekt, doch man sieht es ih­nen an: Hans Is­ler, Wal­ter Ber­net, Wal­ter Kern und Ro­land Ba­chofen (von links) sind stolz auf ih­re An­la­ge, wel­che durch die Lie­be zum De­tail be­ein­druckt. Jürg Nu­fer fehlt auf dem Bild, er konn­te bei der letz­ten Fahrt nicht mit da­bei sein.

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